Der Aufschwung ist da!

Ist es nicht schön?

Ist es nicht schön, was da emsig in den Staats- und Wirtschaftsmedien vor dem Hintergrund der großen, blutigen Anzeigetafen in der Frankfurter Börse nachgerichtet wird? Er ist da, der Aufschwung Aufschwung Aufschwung, er ist da!

Man sieht es an den Zahlen und an den Zahlen. Das Wachstum so hoch wie seit Jahren nicht mehr, der Export verbleibt auf Weltrekord-Niveau, die Investitionen steigen und sogar das Geldausgeben der Menschen hat vor der Märchensteuer-Erhöhung noch einmal so richtig zugelegt. Das ist nicht nur ein kleines, sanftes Brislein, das ist der neue Sturm und Drang des angesprungenen bundesdeutschen Konjunkturmotors. Es ist der Aufschwung in „Deutschland“.

Ist es nicht schön?

Ich meine, so um seiner selbst willen. Also so, wie es uns nachgerichtet wird, als gute Nachricht um seiner selbst willen. Einfach nur als Schönheit an sich.

Bei so vielen guten Zahlen kann man die schlechten persönlichen Zahlen doch ruhig einmal vergessen. Es ist doch schon so schön, dass es wenigstens „Deutschland“ wieder so richtig gut geht, wenn es auch bei den meisten seiner Einwohner nicht ganz so rosig aussieht. Da kann man doch fast so rumjubeln, wie man es letztes Jahr bei der Fußball-Geldmeisterschaft eingeübt hat.

Das Jahr 2006 war ein wirtschaftliches Erfolgsjahr. Die p’litische Kaste wird sagen, das sei wegen der Reformen so. Die wacheren Menschen werden sagen, das sei trotz der Reformen so. Und jetzt feiern wir ein wenig. Wir tun das, und ihr sollt gefälligst mitfeiern. Schließlich ist das einfach so an sich schön, obwohl es mit dem Leben der meisten Menschen nichts Wirkliches und Wirksames zu tun hat. Deshalb wird es ja auch so deutlich gesagt, dass es so schön sei.

Es ist eben einfach nur schön, was das Orakel in den staatlichen und wirtschaftsfinanzierten FernSäh-Programmen unter die Leute streut. Was es den Leuten an Sand in die Augen streut.

Es gibt da zwar noch andere Zahlen aus dem Jahr 2006, gerade frisch vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Die klingen etwas weniger schön, sie könnten vielleicht sogar den einen oder anderen zum Nachdenken bewegen. Deshalb werden sie verschwiegen, wenn vor dem Hintergrund der unermüdlichen Schacherei in Frankfurt das Hinauf und Empor proklamiert wird. Es soll ja schön bleiben.

Zum Beispiel stiegen im Jahr 2006 in der BRD die Einnahmen aus angelegtem Vermögen (was überwiegend im Aktienmarkt angelegtes Vermögen ist) und unternehmerischer Tätigkeit um 6,9 Prozent. Da ist der Aufschwung schon voll angekommen, da bricht wohl wirklich manches Mal die Sektlaune aus. Dem gegenüber stiegen die Einkünfte aus Löhnen und Gehältern im Jahr 2006 lediglich um 1,3 Prozent. Etwas an dieser Verteilung wirkt doch ein bisschen unschön schief. Zumal beide Werte nicht um die Teuerung bereinigt sind.

Der schöne schöne Aufschwung, der da so lächelnd proklamiert wird und den sich die p’litische Kaste morgen schon auf die eigenen Fahnen schreiben wird, er ist eben für die Mehrzahl der Menschen vor allem etwas Schönes für Andere.

Das soll jetzt aber nicht vom Jubelschrei abhalten. Es war beim Fußball doch gar nicht so sehr anders, da siegten doch auch andere, während die bildtrunkenen Fans dies wie ihren eigenen Sieg feierten. Am besten, wir übernehmen alle dieses Muster. Am besten für jene, die wirklich etwas von diesem Aufschwung haben. Reiche haben nun mal Armut gern.

Denn der Trend, der sich in den frischen Zahlen der staatlichen Zahlenfabrik zeigt, er ist wirklich konstant. Noch im Jahr 2000 betrug der Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen 72,2 Prozent, im Jahr 2005 waren es noch 67,4 Prozent, im Jahr 2006 waren es 66,2 Prozent. Es geht eben auch für viele Menschen abwärts, während es für wenige andere aufwärts geht.

Und das ist doch schön. Für die wenigen anderen.

Die Vertreter dieser wenigen anderen werden sich gleich schon hinstellen und ihre Ansprachen üben. Geschrieben sind die Texte schon lang, das macht man alles höchst professionell. Von nichts kommt eben nichts. Sie werden sich alle hinstellen, recht weit vorne steht dieser Hundt, und sie werden die üblichen Durchhaltereden von sich geben – millionenfach verstärkt und in den letzten hörigen Haushalt getragen von den zu diesem Zweck so praktischen Massenmedien. Nur die Wacheren werden merken, dass es die gleiche Rede wie immer ist, die weniger wachen werden nur die Angstpeitsche der Arbeitslosigkeit über ihrem Kopfe knallen hören und davon betäubt, taub werden.

Und da wird denn gesagt, was schon zuvor gesagt wurde. Es wird etwa so klingen: „Wir müssen den jetzt erreichten Aufschwung für Deutschland sichern. Wir müssen unbedingt verhindern, dass dieser Trend beendet wird. Deshalb sind weitere Reformen nötig. Und bei den Löhnen muss weiterhin Zurückhaltung geübt werden. Sonst wird die Kehrtwende auf dem Arbeitsmarkt niemals gelingen.“

Natürlich wird es wortreicher sein. Und mit großem Ernst und vor dem Spiegel eingeübten Gesichtsausdruck vorgetragen werden. Aber die Reden werden diesen Inhalt haben. Und diese großen Institutionen, die sich wie zum Spott auch noch „Gewerkschaften“ nennen, die werden sich wirklich zurückhalten, so wie jedes Jahr in den letzten Jahren.

Und niemand wird öffentlich darauf hinweisen, dass der immer wieder proklamierte Zusammenhang zwischen Investitionen und der Schaffung von Arbeitsplätzen nicht besteht, wenn Investitionen auch immer wieder zur Verlagerung der Arbeit auf unermüdliche und billige Maschinen dienen. Niemand wird darauf hinweisen, dass selbst Unternehmungen unter den Bedingungen größten wirtschaftlichen Wohlergehens noch weitere Arbeitsplätze abbauen oder in Länder mit geringem Lohnniveau verlegen, um ihren Aktionären bessere Zahlen präsentieren zu können. Wie eine mechanische Gebetsmühle werden die immer wieder gleichen „Wahrheiten“ verkündet werden, bis sie von den meisten Menschen geglaubt werden. Propaganda ist ein einfaches Geschäft, wenn man die technischen Möglichkeiten zur Verfügung hat. Vor allem, wenn die Bedrohung durch mögliche Arbeitslosigkeit nach einem weit gehenden Abbau der Sozialsysteme für den gewöhnlichen Arbeitnehmer zu einer existenziellen Bedrohung geworden ist. Angst ist gut für die Propaganda. Deshalb ist man der p’litischen Kaste auch so dankbar.

Und so werden die wenigen, für die der Aufschwung wirkliche und fühlbare Bedeutung hat, alles dafür tun, dass es nur wenige bleiben, für die der Aufschwung wirkliche und fühlbare Bedeutung hat. Wie im letzten Jahr. Nur mit anderen Zahlen als argumentativer Grundlage und mit ein paar ausgetauschten Worten für die gleiche Botschaft.

Und es wird vergessen sein, dass die jetzt erreichten Zahlen letztes Jahr noch als das zu erreichende Ziel ausgegeben wurden. Das noch nicht erreicht ist, weshalb es den Menschen gilt, sich zurückzuhalten.

Oder glaubt wirklich ein einziger denkender Mensch, dass ein friedliches Miteinander mit Vampiren möglich ist?

Das wäre ja zu schön

4 Kommentare

  1. Der Aufschwung ist so da wie der Winter vor der Tür.

  2. danke elias für deinen lesenswerten beitrag. Die zahlen des stat. bundesamtes habe ich mir schon gestern im netz angeschaut. Ich, als wacher mensch stimme dir zu.

  3. Ja ja, der Aufschwung der einen und der Aufschwung der anderen. 2007 wird sicher wieder ein Rekordjahr mit Rekordzahlen. Zum Beispiel beim Arbeitsplatz-Abbau oder dem Lohndumping. Beim Geburtenschwund und der Zahl der toten Kinder. Bei der Selbstmordrate und den Auswanderungszahlen. Bei der Zahl der rechtsextremen Straftaten. Glückwunsch, DAS ist Deutschland! Fourth Reich coming…

    Gruß

    Alex

  4. Wirtschaftsaufschwung ist nicht gleich Wirtschaftsaufschwung

    Was waren das nicht für rauschende Neuigkeiten, als Politiker aller Parteien zwischen den Jahren vom Wirtschaftsaufschwung faselten. Nun soll dieser Wirtschaftsaufschwung nach Meinung des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger auch bei den “kleine…


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