Moderne Leichensäcke

Seit etlichen Jahren lässt sich in der Werbung ja der Trend zum englischen Wort beobachten, sei es auch noch so peinlich oder falsch. Es klingt einfach modern, jugendlich, weltoffen und cool, wenn man fremdelnde Worte zum Verramsch des nutzlosen Krams bemüht; und so wird im Marketing breiter Gebrauch von diesem „Stilmittel“ gemacht.

Teil dieser massenverdummenden Bestrebung werbebesoffener Verkäufer ist’s auch, dass englische Begriffe für Dinge gefunden und verwendet werden, für die’s auch einen gut verständlichen deutschen Namen gibt. Schade ist’s nur, wenn das deutsche Wort genauso lautet und aussieht wie das gewöhnliche englische. Mit solchen Bezeichnungen lockt man keinen Kauftrottel an die Kasse, da müssen sich die Volksverdummer in den Werbeabteilungen schon ’was besseres einfallen lassen. Als Ergebnis entsteht dann dieser deutsch-englische Sprachbrei, dessen „Genuss“ zu gewissen „Verdauungsproblemen“ führen kann: Das „trendige“ denglisch der Moderntuer, Tandverkäufer und sonstigen Lug- und Trugausbreiter.

Wieviel Geistlosigkeit sich doch in der Begleitung des Zeitgeistes findet!

Ein hübsches Beispiel ist das englische Wort rucksack, was zu Deutsch schlicht „Rucksack“ bedeutet – endlich einmal eine Vokabel, die man sich gut merken kann. Es ist aber schlecht für den Verkauf, wenn das verwendete Wort allzu vertraut klingt, sofort verstanden wird und in englischer Schreibweise nur so aussieht, als beherrsche jemand nicht die deutschen Regeln der Groß- und Kleinschreibung.

Vor einiger Zeit durfte ich am Rande, so bei einem Gespräch auf der Straße erfahren, dass ein modischer Rucksack inzwischen mit dem tollen Wort bodybag verkauft wird. Ich konnte das erst gar nicht glauben und musste erstmal danach googlen (auch so ein blödes Wort, aber daran ist das Marketing unschuldig). Und es stimmte wirklich.

Wer jetzt noch nicht weiß, was mich daran so befremdet: Zu gut deutsch heißt „bodybag“ einfach nur Leichensack.

Ich konnte nicht widerstehen und unterrichtete einige der „hervorgegoogleten“ (da sieht man mal, wie blöd so ein denglisches Wort sein kann) werbe- und gewerbetreibenden Sitebetreiber über den sprachlichen Fehlgriff. Was ich darauf erlebte, war mir ein Lehrstück des customer relationship management im Zeitalter des internetbeflügelten Anscheins der Kundennähe, wurde mir doch nur in einem einzigen Fall eine Antwort zuteil. Diese bestand allerdings aus einem freundlichen Dank; eine Änderung auf der betreffenden Website wurde sofort vorgenommen, und der „Bodybag“ wurde durch einen „Citybag“ ersetzt – auch ein überflüssig denglisch’ Wort, aber doch schon etwas weniger dumm und peinlich.

Es gibt also tatsächlich noch Unternehmungen, denen es nicht scheißegal ist, wenn solche Peinlichkeiten auf der Firmenhomepage stehen und nicht nur von Kauftrotteln gelesen werden, sondern auch von Menschen, die des Englischen mächtig sind.

Alle anderen haben fröhlich und guten Mutes die Mail ignoriert und weiter ihre „Leichensäcke“ verkauft.

Da mag auch ich mich nicht länger zurückhalten und mal ein paar Wörtchen dazu schreiben. Oder auch nur ein paar Wörtchen zitieren, mit denen Leichensäcke im Internet angeboten werden. Deren unfreiwillige Komik reizt nicht nur zum Lachen, sondern offenbart auch vieles vom Schwachsinn des Händlergeschwätzes und der oberflächlichen und ignoranten Denke, die solch’ Rede hervorbringt.

Etwa, wenn man bei dress-for-less online designer outlet – entgegen meiner ersten Erwartung war das tatsächlich eine deutschsprachige Site – ein „detailreich gestyltes Bodybag von Bruno Banani“ in unaufdringlicher grauer Farbe erwerben kann. Der (na ja, laut der Site eigentlich »das«) ist „sehr aufwendig verarbeitet“ (wenn man schon so viel modern klingendes Englisch schreibt, bedarf es für das Restdeutsch doch wenigstens noch der alten Rechtschreibung) und verfügt über einen breiten „Trageriemen mit verstellbaren Karabinerverschluß“.

Da wird einem das Tragen der friedlich verwesenden Biomasse doch wirklich erleichtert. Zumal „zwei seitliche Steckfächer mit Klettverschluß“ den problemlosen Mittransport eventueller (schönstes deutsches Wort) Habseligkeiten ermöglichen.

Und was sich die klingeltongeilen kiddies von heute noch wünschen könnten, ist in diesem Bodybag gleich integriert: Die „abknöpfbare Handytasche“ ermöglicht es, dass die Quasselfunke auch bei der letzten Reise mit dabei ist – vielleicht mit dem Trauermarsch als ringtone. Sehr exklusiv, da macht bruno banani (avantgardistisch klein geschrieben) seinem claim alle Ehre: „not for everybody“.

Alles Banane, oder was?

Auch absatzplus.com, laut Selbstbeschreibung Deutschlands größter Online-Shop für Werbemittel, mag beim Verkaufsrenner Leichensack nicht zurückstehen. Wer schon unter seinem Domainnamen firmiert, der darf ja auch ruhig andere Modeerscheinungen mitmachen – der Offenbarungseid der Verstandes mit anschließender Fruchtlosigkeitserklärung angesichts des Kopfinventars wurde bereits absolviert.

Hier werden Tinnefgeschenke angeboten, mit denen Firmenkunden die Kunden ihrer Firmen „beglücken“ können. Sehr nützlich für die Überbringung besonders schlechter Nachrichten ist die modische Kuriertasche „Bodybag“ mit gepolsterter Rückseite, wohl, damit’s Liegen nicht so hart ist. Wo werbend verschenkt wird, ist man auch gleich weniger innovativ in der Farbwahl, es gibt nur das traditionelle Schwarz. Auf Anfrage kann aber im Siebdruckverfahren Werbung auf den Leichensack aufgedruckt werden, auf dass der Abtransport des Toten durch eine Präsentation der corporate identity aufgewertet werde. Unentbehrlich auch hier: die Handytasche.

Selbst wenn die Umstände schwierig sind: Neckermann macht’s möglich. Schließlich wird nicht nur in überschaubaren Städten mit gutem Nahverkehr und allgegenwärtigen Bestattungsinstituten gestorben, sondern hin und wieder auch in etwas unwegsamerer Gegend. An solche Details haben die Gestalter gedacht, als sie den „Bodybag Bodybag mit zahlreichen Details“ designed haben.

Dieser „Leichensack Leichensack“ aus „strapazierfähigem Polyester“ (soll ja unterwegs nicht reißen) verfügt nicht nur über „Steckschlösser zum Schließen“ (soll ja unterwegs nicht aufgehen) sondern auch über einen Kompass. Das ist genau richtig für das trendy outdoor dying oder aber auch für den Auslandseinsatz der Bundeswehr, so kann man sich mit dem schweren Toten nicht auch noch verirren. Auch die Farbe des exklusiven und recht teuren Produktes ist solchen Verwendungen angemessen; kein gewöhnliches Trauerschwarz, sondern „Khaki (32)“. Die genaue Bedeutung der Zahl „32“ hinter der Farbe konnte ich allerdings nicht ermitteln – wahrscheinlich ist’s eine umgedrehte „23“.

Wo soviel tragbares Behältnis zum Transport der sterblichen Überreste angeboten wird, da wollen auch die Babys nicht zurückstehen. Deshalb verkündet babyshop.de auf einer Site, die mich mit großen Kinderaugen anschaut: „Bodybag und viele weitere Babyartikel finden Sie bei babyshop.de, dem Baby- und Kinderausstatter im Internet.“

Man muss sich das nur mal vorstellen: Das Baby verreckt einfach so und man hat keinen Leichensack im Haus. Schrecklich! Deswegen gleich bei der „Bestell- und Service-Hotline“ anrufen, einfach für billige 12 Cent in der Minute unter 0700-BABYSHOP – in Ziffern: 0700-22297467.Wer noch ein paar Cent dafür übrig hat, kann’s ja mal versuchen und ein paar Fragen zur Produktpalette stellen.

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