Ein Lied für die CeBIT

Es ist traurig, aber wahr. Die Besucherzahlen der CeBIT entwickeln sich nicht wie gewünscht, der relative Mangel an Innovationen führt zu einem gewissen Desinteresse der Allgemeinheit und die Nachrichten über zunehmende Raffgier aus dem Umfeld der IT (Software-Patente, maßlos ausgeweitetes Abmahnwesen, zunehmende Kriminalisierung aller Computerbenutzer) führen auch nicht zu einer positiveren Aufnahme dieser Großveranstaltung durchgeknallter Kaufleute.

Und auch die Bedeutung der Informationstechnologie für die wirtschaftliche Entwicklung vermag niemandem mehr hinter’m Ofen hervorzulocken in dieser Zeit, in der die steigenden Gewinne der großen Firmen mit immer weiter ausgebreiteter Armut und Zukunftsangst in der Bevölkerung einher gehen. Wenn jedem Menschen immer klarer wird, dass wirtschaftliche Erfolge nur einer durch Besitz privilegierten Minderheit zu Gute kommen, dann wird auch auf die schönste Erfolgsmeldung nur noch achselzuckend reagiert. Wenn sich dieser Trend fortsetzt – und alles spricht dafür, dass er’s in den nächsten Jahren tun wird – dann wird bald die größte Computermesse derWelt von vielen Menschen gar nicht mehr besonders bemerkt werden, und das trotz aller blähwütiger Berichterstattung in den breitwirksamen Medien. Da hilft’s dann auch nicht mehr, dass man mit seinem Telefon fernsehen kann, wenn man sich ein solches Telefon dann leisten kann.

Selbst die treuesten bisherigen Stammbesucher, die vielen Technik-Freaks, sind inzwischen in der Minderzahl. Was Wunder, haben sie an den Ständen doch nur noch mit technisch wenig kompetenten Kaufleuten zu tun, die nur die auswendig gelernten Phrasen aus der Printwerbung wie gut dressierte Papageien nachplappern.Wer will sich das schon freiwillig anhören? Außer vielleicht ein paar andere ahnungslose Kaufleute – wirklich niemand. Und schon gar nicht jemand, der’s besser weiß.

So lässt sich dann auch beobachten, dass die wenigen Fachleute auf der CeBIT nur noch kommen, um sich auf dem dafür ausgewiesenen Arbeitsstrich zu prostituieren. Da auch dies immer weniger erfolgversprechend ist, kann auch hier in Zukunft mit einem Rückgang gerechnet werden.

Wo’s darum geht, Menschen etwas anzudrehen, was sie nicht brauchen, ist das Marketing gefragt.

Eine neue Kampagne für die CeBIT muss her!

Das Logo der CeBIT, der stilisierte Hermeskopf, kann durchaus so bleiben. Es hat einen hohen Wiedererkennungswert und ist im Gegensatz zu moderenen Schöpfungen von Werbefirmen sogar inhaltlich passend. Schließlich war Hermes der Gott der Kaufleute und der Diebe.

Der Rest ist allerdings eine mittlere Katastrophe. Wie soll jemand glauben, dass die alles lähmende Krise in der IT überwunden ist, wenn er eine derart lieblos hingeklatsche Öffentlichkeitsarbeit sieht?

Als erste Maßnahme zur Imageverbesserung der CeBIT würde ich vorschlagen, dass es ein schmissigfetziges CeBIT-Lied geben sollte. Dies kann zur Eröffnung und Schließung als Hymne feierlich zelebriert werden und in der Werbung als akustischer Schlüssel verwendet werden.

Bei der Auswahl der Musik ist aber mit großer Bedacht vorzugehen.
Nichts in diesem Lied darf an die vergangene Verzagtheit und Krisenstimmung erinnern. Das Lied muss einen Beitrag dazu leisten, dass wir alle geschlossen und aufrecht in die neue Zeit des Wachstums und der Gewinne marschieren. Am besten geeignet ist ein eingängiger Marsch, der sich durch seine simple musikalische Struktur sowohl in feierlichem Ernst als Hymne wie auch als leicht hör- und nachsingbare Popmusik aufführen lässt. Da bekommt sogar die Routine des abendlichen Standfetenbesäufnisses neuen Schwung, wenn’s tanzend und mit fröhlichem Sang den gewaltigen Gewinnen der Zukunft entgegen geht.

Dies ist mein Vorschlag für ein derartiges Lied. Der folgende Text ist zur Melodie des bekannten Horst-Wessel-Liedes zu singen:

Hängt Werbung hoch!
Wir stehen fest geschlossen!
Es geht voran,
Wir zieh’n dahinter mit!
Kollegen die sich selbst
verzweifelt schon erschossen,
die war’n für uns
und unser’n Job nicht fitt!

Die Halle frei
Den Firmenuniformen;
Die Halle frei
Dem Schlips tragendem Mann!
Es schau’n auf unser’n Kurs
Voll Hoffnung schon Millionen:
Der Tag für Reichtum
Und frisches Geld bricht an!

Und wieder mal
Wird zur CeBIT geblasen!
Und wieder steh’n
Wir alle schon bereit!
Bald flattern große Scheine
Auf die leeren Konten:
Bis dahin dauert’s
Nur noch kurze Zeit!

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