Sprache und Deppen

Das klagen im deutschsprachigen internet scheint groß. Das klagen über den verlust der deutschen sprache. Das klagen über überflüssige leerzeichen und apostrofen-katastrofen. Seiten bauende sprachhüter gießen sich aus über die epidemische ausbreitung des auslassungszeichens vor dem plural- und genitiv-»s« und über sachlich falsche leerzeichen, die sinnentstellend trennen, was eigentlich zusammen gehört.

Hier wird Vakuum verpackt! Und das klagen ist ein anklagen. Ein verunglimpfendes anklagen, das von »deppen-leerzeichen« und »deppen-apostrofen« spricht und so alle so schreibenden pauschal zu deppen, ja idioten abstempelt. Manchmal mag man den klagenden sogar recht geben. Aber von welchem standpunkt geht diese klage aus? Diese frage will ich zu beleuchten versuchen. Im zuge dieses versuches wird das fänomen an einigen wenigen beispielen behandelt und zerlegt.

Wer unter meinen lesern noch nicht weiß, was hier gemeint ist: Es gibt eine ganze reihe ansich recht interessanter websites, auf denen der aktuelle geist und ungeist deutscher sprache gegeißelt wird. Die unten stehenden links führen auf typische beispiele. Und zusammen mit dieser brandmarkung des zumeist verkaufsbesoffenen ungeistes geht die klage über den zunehmenden verfall und verlust der deutschen sprache einher. Und natürlich macht sich diese klage vor allem an formalitäten der rechtschreibung fest, wie sich etwa so auf der internet-präsenz zum »Idioten-Apostroph« lesen lässt: »Bedauerlicherweise kann die überwiegende Mehrheit der Deutschen keinen fehlerfreien Satz zu Papier bringen. Trotzdem wird in zunehmendem Maße eine Orthografieregel aus der englischen Sprache in den deutschen Genitiv übernommen und sogar im deutschen Plural verwandt, was nicht einmal im Englischen richtig wäre.« Eine tiefere auseinandersetzung mit den ursachen dieser falschschreibung findet nicht statt, obwohl sie sehr wünschenswert wäre, da sie zur erkenntnis des allgemeineren kulturellen prozesses über dieser gesellschaft führen würde.

Ich kann einfach nicht widerstehen, mich auch zu diesem tema zu äußern, und zwar in einer formal recht »falschen« weise — das ist der tiefere grund, weshalb ich ausgerechnet hier zusätzlich zu den immernoch umstrittenen regelungen der neuen deutschen rechtschreibung die regel der gemäßigten kleinschreibung anwende und gebräuchliche fremdworte in vorsichtiger weise fonetisch an die gegebenheiten des deutschen anpasse. Darüber hinaus werde ich, wo immer mir’s beliebt, auslassungen von zeichen auch dann durch einen apostrof kennzeichnen, wenn der duden dieses zeichen nicht vorsieht. Das tue ich ja überall auf dieser site, und so manche mail und manchen kommentar, die mich auf meine »deppen-apostrofe« hinzuweisen suchte, habe ich deshalb schon beantworten müssen.

Jetzt komme ich aber erstmal zur sache, und ich beginne mit dem auslassungszeichen, dem apostrof. Hier lässt sich leicht nachvollziehen, wieso sich dieses zeichen in falscher analogie zu den verhältnissen in der englischen sprache so schnell an den sonderbarsten stellen durchsetzen konnte.

Der falsche apostrof

Was im deutschen von der duden-redaktion als falsch definiert wird, ist im englischen regelgerecht und richtig: Der apostrof vor dem genitiv-»s«. Wo ein mensch englischer zunge »my father’s house« schreibt, da lautet es im deutschen »meines vaters haus«. (Es ist kein besonders gutes beispiel, aber das englische ist hier dem deutschen so ähnlich, dass diese wahl allen menschen entgegen kommt, die nicht besonders gut englisch verstehen. Der kleine unterschied im ansonsten sehr ähnlichen wortlaut wird doch gut deutlich.)

Interessanterweise scheint der englische genitiv in umgangs- und schriftsprache immer mehr zu verschwinden. Sehr viele heute lebende menschen englischer zunge würden an stelle von »my father’s house« die analytische konstruktion »the house of my father« verwenden, und zumindest im mailverkehr, im usenet, in foren und websites ist letztere form auch zum regelfall der schriftsprache geworden. Dies gilt selbst für die mitteilungen jüngerer gebildeter menschen aus universitärem umfeld. Wenn ich einen englischen genitiv sehe, vermute ich sofort, dass der schreiber älter als fünfunddreißig jahre ist, und mit dieser vermutung hatte ich bislang fast immer recht. Ausnahmen sind mitteilungen feierlichen anlasses und klanges und religiöse verlautbarungen, hier wird im auch englischen ein gewisser wort- und formenreichtum angestrebt, der sich deutlich vom gewöhnlichen sprachgebrauch abhebt.

Dieses verschwinden des genitivs aus dem englischen sprachraum hat die englische genitiv-schreibweise allerdings nicht daran gehindert, in fröhlicher wiedergeburt in die deutsche schriftsprache einzudringen. Eine falschschreibung wie »oma’s kuchen« ist inzwischen so geläufig geworden, dass sie kaum noch von jemandem als falsche schreibung erkannt wird — außer vielleicht von lehrern, die einen stapel diktate korrigieren müssen. Richtig wäre an dieser stelle natürlich »omas kuchen«. Im deutschen wird normalerweise kein apostrof vor dem genitiv-»s« geschrieben. Es wäre ja auch sonderbar, wenn ausgerechnet für diese eine wortendung in einer so flexionsrechen sprache wie der deutschen eine ausnahme gelten würde, während alle anderen suffixe mit ihrem wort verschmelzen.

Und nicht nur für das genitiv-»s« macht sich der neue apostrof breit. Auch in jenen fällen, in denen der plural auf die endung »-s« gebildet wird, wird immer häufiger ein apostrof verwendet. Und das wäre sogar im englischen falsch. Hier entsteht das so genannte »denglisch«, eine sonderbare durchmischung schlecht beherrschter deutscher sprache mit halb verdauten englischen versatzstücken, peinlich und überflüssig und dümmlich.

Ein schmerzhaft‘ beispiel für modernes »denglisch« ist das neudeutsche wort »handy« für ein mobiltelefon. Nur den wenigsten deutschen ist klar, dass ein mensch englischer zunge dieses zunächst englisch klingende wort nicht versteht, oder besser, dass er es völlig anders versteht. Das englische wort »handy« ist ein adjektiv mit der ungefähren bedeutung »handlich« oder auch »niedlich«, während das denglische oder neu-deutsche wort »handy« ein substantiv mit der bedeutung »tragbare batteriebetriebene quasselfunke« ist — wobei sich das adjektiv »tragbar« hier auf größe und gewicht bezieht, keineswegs auf die kosten der kommunikation oder auf die gesundheitlichen auswirkungen des klingeltonterrors. Es handelt sich hier also klar um ein deutsches wort, nicht um ein englisches. Es wurde erdacht von werbern und verkäufern und übernommen von telefonbenutzern, denen ein anderes handliches wort für dieses ding vorenthalten wurde. Und es wäre ansich folgerichtig, wenn auch die schreibweise dieses neu-deutschen wortes an den deutschen sprachgebrauch angepasst würde, indem man »händy« schriebe.

Bleibt man aber bei der englischtümelnden (und damit verkaufsfördernd moderntuenden) schreibweise »handy«, so würde der richtige plural eines hypotetischen englischen substantives »handy« nach englischen regeln »handies« lauten. Aber jetzt tritt das nur halb verdaute englisch auf den plan, erzeugt sondersame apostrofen-katastrofen, und so kommt es zur viel zu häufigen plural-schreibweise »handy’s« — und die ist ausgesprochen gräßlich. Ein einfaches angehängtes »s« hätte es auch getan und würde nicht so grauenvoll an eine englische genitiv-form erinnern. Wisst ihr bescheuerten telefonverkäufer eigentlich, dass menschen aus englischsprachigen ländern über so etwas den kopf schütteln und lachen? Und zwar gleichzeitig.

Das heißt nun aber nicht, dass ein apostrof vor einem plural-»s« auf die aktuellen beglückungsfantasien des organisierten mobiltelefonverkaufes beschränkt wäre. Um eine ahnung des ausmaßes dieser undeutschen und unenglischen, aber denglischen pluralbildung zu erhalten, reicht es, einmal mit google nach dem wort »info’s« zu suchen. Nicht minder erfolgversprechend ist die suche nach »foto’s«, »tattoo’s« oder »agb’s«, was allesamt häufige und schmerzhafte beispiele für den neu-deutschen plural sind.

(AGB heißt übrigens »allgemeine geschäftsbedingungen« und ist damit bereits ein plural. Dies ist ein schönes beispiel am rande dafür, wie abkürzungen die empfindung der sprache zerstören können — und darüber hinaus auch von weiteren empfindungen entfremden. Es ist für jeden fühlenden besser, auf jede form der aküsprache so weit als möglich zu verzichten. Wenn’s aber nicht mehr anders geht, sollte man sich beim schreiben immer der bedeutung jeder verwendeten abkürzung bewusst sein, um kein hirnloses gestammel von sich zu geben. Das bewusstsein, das eine von abkürzungen durchsetzte sprache ein unverzichtbares manipulationsmittel in jedem menschverneinenden, freiheitsberaubenden und repressiven system der jetztzeit ist, kann gar nicht groß genug sein.)

Das falsche leerzeichen

Eine andere mode, die sich zunehmend über die deutsche schriftsprache hermacht, ist das falsch gesetzte leerzeichen. Dieses ist fast noch beachtlicher als der apostrof, der ja nur eine neue schreibweise für bereits bestehende oder fälschlich gebildete formen ist. Das leerzeichen an der falschen stelle (siehe das bild zu diesem artikel) steht jedoch im gegensatz zur struktur der deutschen sprache, und dementsprechend sinnentstellend kann es beim auftreten sein. »Hier wird Vakuum Verpackt!« ist nun einmal eine völlig andere aussage als »Hier wird Vakuumverpackt!« — und eine sachlich falsche hinzu. Hier scheint wirklicher sprachzerfall stattzufinden, und das sprachempfinden der so schreibenden scheint einem vakuum gleich zu kommen.

Zunächst einmal zur klärung: Warum steht diese erscheinung »im gegensatz zur struktur der deutschen sprache«?

Was für einen menschen deutscher zunge eine selbstverständlichkeit ist, das ist für jeden, der deutsch lernen will oder muss eine qual: In der deutschen sprache können sehr bequem neue wörter gebildet werden, indem bereits bestehende wörter kombiniert werden.

Natürlich finden sich diese neologismen in keinem noch so vollständigen wörterbuch, aber sie werden doch von jedem deutschen mit leichtigkeit verstanden und selbst verwendet oder bei bedarf gebildet. Wenn etwa eine fragwürdige zeitung von einem »busenmonster« schreibt, so bedarf dieses wort keiner besonderen erläuterung, obwohl jeder leser es zum ersten male liest und dieses wort in keinem wörterbuch steht. Das ist uns selbstverständlich, aber es ist auch eine ziemlich einmalige eigenschaft der deutschen sprache, die auf diese weise ihre ganz besondere schärfe, deutlichkeit und ausdruckskraft bekommt. Als ich vorhin ein handy verunglimpfend als »quasselfunke« bezeichnete, konnte ich mir gewiss sein, von den meisten lesern in der von mir beabsichtigten weise verstanden zu werden.

Den meisten anderen sprachen steht ein derartiges ausdrucksmittel nicht in diesem maße zur verfügung, die sprecher müssen sich mit umschreibungen behelfen. Was im deutschen schlicht und deutlich ein »staatsfeind« ist, das umschreibt der sprecher des englischen als einen »öffentlichen feind« und nennt’s »public enemy«. Und das ist ein schönes bespiel für die schärfe der deutschen sprache, die immer auch eine deutliche sprache ist.

Für den ausländer, der vor der äußerst undankbaren aufgabe steht, deutsch zu lernen, stellt sich das ständige problem, solche neu gebildeten wörter zu erkennen und richtig zu deuten, obwohl sie nicht einfach nachgeschlagen werden können. Dies ist — neben dem barocken formenreichtum und den großen unregelmäßigkeiten des deutschen — eine enorme schwierigkeit, was wohl jeder bestätigen kann, der schon einmal einem ausländer bei seinem undankbaren lernvorgang zur seite stand. Die beste methode, deutsch zu lernen, ist’s immernoch, einfach in deutschland geboren zu werden.

Wegen dieser besonderheit der sprache sind auch viele gewöhnliche deutsche wörter zusammengesetzte wörter, was den sprechenden und schreibenden wegen des häufigen gebrauches solcher wörter gar nicht mehr bewusst ist. Ein beispiel ist das als bild verwendete falsch geschriebene adjektiv »vakuumverpackt« — übrigens kommt dieses bild nicht von einem ausländischen geschäft, sondern von einem deutschen stand auf dem münchener viktualienmarkt.

Die verwendung zusammengesetzter wörter ist etwas typisch deutsches. Und deshalb verlassen schreibungen wie »schach genie« (data becker); »alpen milch« (weihenstephan); »frühling suppe« (maggi); »joghurt müsli« (kölln); »bremsen dienst«, »motor inspektion« und »tiger wäsche« (esso) sowie »hagel zucker«, »tee zucker« und »würfel zucker« (südzucker) den bisherigen deutschen sprachgebrauch und deuten einen beginnenden verzicht auf die bislang bestehende ausdruckskraft an. Den ausländer, der mit dem lernen der deutschen sprache gestraft ist, wird’s vielleicht freuen, dass er so leichter das gemeinte versteht.

Allerdings sind beispiele wie »alpen milch«, »tee zucker« und »frühling suppe« produktverpackungen entnommen, und die worttrennung entsteht durch einen zeilenumbruch. Hier wurde also einfach nur ein bindestrich weggelassen, und dies geschah wohl, weil der werbegrafiker ein optisch ausgewogenes und damit ansprechendes druckbild erhalten wollte. (So ein bindestrich ist ja kein richtiger buchstabe, und deshalb wirkt eine solche trennung etwas asymmetrisch.) In diesem schizophrenen land wundert man sich aber doch darüber. Einerseits regen sich große teile der bevölkerung sehr lautstark über eine lächerliche und nicht weit genug gehende rechtschreibreform auf. Andererseits interessiert’s keinen, wenn die dudenkonforme schreibung den verzerrten ästetischen vorstellungen irgendwelcher werbeleute geopfert wurde und wird. Wo ist da das laute stöhen? Wo die entrüstung? Wo der boykottaufruf? Es lässt schon tief blicken, auf welchem auge die menschen im real existierenden konsumismus blind, geblendet, verblendet sind.

Die getrenntschreibungen an esso-tankstellen sind allerdings nicht durch worttrennungen in zwei druckzeilen ästetisch motiviert. Sie stellen eine corporate identity über gezielte falschschreibung her. Und auch so etwas lässt sich mit menschen machen, die sich in kleinlichster weise über jede veränderung der »offiziellen« rechtschreibung aufzuregen vermögen, so sehr diese veränderung auch entrümpelung und vereinfachung ist. Wo ist der boykottaufruf der selbst ernannten verfechter der sprachkultur?

Und inzwischen greift auch das falsche leerzeichen immer mehr um sich. An vielen stellen kann man schon »park plätze«, »schnell anleitung«, »herren schuh«, »wasser temperatur«, »opel partner«, »dauer welle«, »film klassiker« oder weitere hübsche beispiele in handgeschriebener form finden, ohne dass ein beflissener werber oder eine andere fragwürdige gestalt die hände im spiel gehabt hätte. Und wenn’s denn gar um computertechnik geht und sich aküsprache und denglisch im taumeltanz der ungreifbaren begriffe umklammern, dann wird der fehler zur selbstverständlichkeit und man liest beispielsweise folgendes: »dsl modem«, »dsl router«, »aol zugang«, »reinigungs set«, »pentium prozessor«, »support forum« und so weiter.

Wie kommt’s dazu?

Wie aber kommt es nun zur ausbreitung solcher schreibweisen? Die ursachen scheinen recht vielfältig zu sein, sie können hier nicht erschöpfend gewürdigt werden.

Zunächst scheint einem größeren anteil der deutschen bevölkerung der bezug zur eigenen sprache, insbesondere zur eigenen schriftsprache verloren gegangen zu sein. In einem zeitalter überall verfügbarer, entsprachlichter audiovisueller medien, die selbst für die kleinsten und unreifsten menschen mühelos rezipierbar sind und niemanden die mühe des lesens und schreibens abverlangen, nimmt solch‘ verlust auch nicht wunder. Nicht einmal das hören und zuhören ist vor dem fernseher erforderlich, wenn doch alles direkt gesehen werden kann und wenn anstelle komplexer verbaler erläuterung kamerafahrten und schnitte die aufmerksamkeit dahin führen, wo sie der regissör hinbekommen möchte.

Auch am computer lässt sich eine fortschreitende entsprachlichung auf allen ebenen der benutzerschnittstelle feststellen. Zudem sind heutige grafische oberflächen nicht nur bunt und bildhaft, sondern comichaft und infantil. Ich persönlich glaube nicht, dass »niedlich« und »knuffig« die richtigen attribute für eine benutzerschnittstelle sind, die sich an erwachsene menschen richtet — »klar« und »verständlich« fände ich besser.

Ein großteil der immer noch gelesenen botschaften sind werbebotschaften, die auf großen, bunten, offen mit sexualität um die aufmerksamkeit des vorbeieilenden ringenden plakaten und videoinstallationen den gesamten öffentlichen blickraum durchseuchen. Auch sind mehr als die hälfte einer zeitung und neuerdings sogar packungen für milch und billigen fruchtsaft dieser einseitigen kommunikationsform gewidmet. Für den zweck der werbung, nämlich die verwandlung eines menschen in einen kauftrottel, ist’s wichtig, dass die aufmerksamkeit solcher botschaft nicht zu leicht entkommen kann. Deshalb wird mit bildern gearbeitet, die sich bei nüchterner betrachtung als schrille wahnideen entpuppen, deshalb werden anklänge an verbreitete, selbst an zweideutige redensarten (»besorg’s dir doch einfach«) verwendet und deshalb wird eben auch mit vorsätzlich falscher, pseudo-englischer sprache gearbeitet, um der routine des darüber-hinweglesens entgegenzuwirken.

Gleichzeitig muss in der werbung auch jedes rezeptive missverständnis ausgeschlossen werden. Die sprache der werbung ist einfache sprache, auf den affektauslösenden reiz reduzierte sprache. »billig? will ich!« Der formenreichtum einer sprache, die sich einmal entwickelte, damit sich menschen ihre (teilweise komplexen) gedanken mitteilen können, bleibt dabei auf der strecke, es findet eine vereinfachung fast auf das niveau des äffischen grunzens statt. Die auswirkungen einer solchen allgegenwärtigen gehirnwäsche kann ich jeden tag hören, wenn kinder im alter von acht jahren erhebliche wortfindungsstörungen haben, sobald sie ereignisse ihres alltages zu beschreiben suchen. An stelle einer sprachlichen mitteilung tritt eine mit imitierten geräuschen durchsetzte und von ausladenen gesten unterstützte zusammenhanglose beschreibung, die wirklich zu großen teilen an tierlaute erinnert. Und ich durfte es mehr als einmal erleben, dass die ausdruckskraft von jungen erwachsenen menschen (ca. 20 jahre) nicht wirklich besser war.

Aufmerksamkeitsprobleme

Der verlust der sprache ist bedauerlich.

Aber er hat nichts mit dem verlust grammatikalischer form zu tun. Die ausdruckskraft und das verständnis leiden nicht wirklich darunter, ob worte getrennt geschrieben werden oder ob sinnlose apostrofe eine plural- oder genitivendung vom wortstamm trennen. Ich habe mich in diesem text recht weit von den im duden festgelegten konventionen entfernt, ohne dass mich so etwas der ausdruckskraft berauben würde, und ohne, dass sich das verständnis dieses textes nennenswert erschweren würde. (Ich schreibe private notizen am rechner immer in dieser form, lasse aber auch noch wortendungen weg und verwende zahlreiche persönliche kurzformen, eine solche notiz wäre für einen anderen menschen sehr schwierig zu verstehen. Für mich ist’s eine art stenografie des tippens, die mir hilft, mich auf das wesentliche des schreibens zu konzentrieren.)

Die pöbeligen kritiker der aktuellen erscheinungen zielen mit der beschimpfung »deppen« und »idioten« am eigentlichen tema vorbei. Dieses eigentliche tema besteht darin, dass sprache immer weniger ein mittel der mitteilung von mensch zu mensch ist, und stattdessen immer mehr ein affektbesetzter hohlkörper zur verkaufsförderung, ein wohl verpacktes vakuum. Und damit ist sprache ihres eigentlichen zweckes beraubt und kann beliebig missbraucht werden. Jedes mal, wenn ich an einer esso-tankstelle vorbeigehe, träume ich davon, einmal nur einen tiger mitzunehmen und die angeprisene »tiger wäsche« auszuprobieren. Der anblick eines zitternden tankwarts vor einer großen raubkatze (ohne gitter dazwischen sieht ein tiger gewiss noch etwas größer aus) muss einfach göttlich sein, da können die mir noch so viele »tiger in den tank« anbieten.

Auch eine ziemlich falsch geschriebene mitteilung eines menschen ist noch verständlich. Aber die mitteilung von menschen, die sich nicht mehr mitteilen können und aus diesem grund die pseudoerlebnisse der massenmedien wiederkäuen, sind ziemlich leer und unverständlich — und die welt und das internet sind voll davon. zumindest sind diese äußerungen unverständlich für einen menschen wie mich, der seine stunden nicht im flackernden licht der glotze verlebt. Das wort »meinung« kommt immer noch daher, dass etwas »mein« ist — und was mir bei den meisten zeitgenossen begegnet, ist nurnoch eine »deinung« aus soap, news, bild und werbebotschaft. Die sprache passt sich von allein dem neuen zweck an.

Nicht im vakuum

Noch ein kleiner aspekt: Alles in allem handelt es sich sowohl bei den leerzeichen als auch bei den apostrofen um vereinfachungen.

Die sonderbaren apostrofe stellen eine vereinheitlichung der deutschen sprache mit dem allgegenwärtigen englisch und denglisch her. An stelle der verwendung zweier regelwerke, des deutschen und des englischen, wird eben zur ersetzung des deutschen regelwerkes durch ein nur halb und damit falsch verstandenes englisches regelwerk übergeangen. Das ist keine beispiellose entwicklung in der deutschen sprache; die ganzen verben auf »-ieren« wie spazieren, flanieren, rasieren und so weiter, sie entstanden beispielsweise erst vor gut zweihundert jahren in unverstanden nachäffender analogie zu französischen formen. Und heute sind’s ganz gewöhnliche wörter, teil unserer deutschsprachigen ausdruckskraft. Und doch waren sie einmal fremdkörperhaft, überflüssig, falsch, neumodisch, hässlich und bestimmt auch schmerzhaft, vor allem für kenner und liebhaber das französischen. Also ganz so, wie heute die grausam falschen formen in der im geistlosen imitation des englischen.

Die überflüssigen und falschen leerzeichen sind eine vereinfachung in der erkennung zusammengesetzter wörter. Sicher ist das so geschriebene sachlich falsch, und »Hier wird Vakuum Verpackt!« dürfte vom wortlaut her nicht der werbenden intention des kaufmanns entsprechen, wenn er nicht gerade ‚mal einen anfall von ehrlichkeit hatte. Aber doch wird dieses schild wohl von jedem menschen in seinem situativen kontext vollkommen richtig gedeutet, und deshalb fordert niemand am münchener marktstand 50 kubikzentimeter vakuum.

Tatsächlich könnte ein solches missverständnis auch in gesprochener umgangssprache auftreten, die ja selten sauber und klar ist, sondern dem hörer abgeschliffen, undeutlich und missverständlich entgegentritt. Aber die sprache kommt niemals ohne einen kontext, und deshalb ist fast immer klar, was mit einer aussage wie »der gefangene floh« gemeint ist. (Aus dem gleichen grund ist die angeblich klarheit über die wortarten herstellende großschreibung in der deutschen sprache auch überflüssig wie ein kropf. Ich verwende sie in aller regel aus gewohnheit, nicht aus liebe oder überzeugung.)

Jeder gebildete mensch wird bestätigen, dass sich sprache immer in einem zustand der wandlung und anpassung an das sich wandelnde miteinander der menschen befindet. Dabei reflektiert die sprache gesellschaftliche entwicklungen, bildet gruppen mit »gemeinsamer sprache«, die ihrerseits direkt aus gesellschaftlicher schichtung hervorgehen und wird so zum spiegel eines geschichtlichen prozesses. Die sprache Goethes wird irgendwann den meisten nicht spezialisierten deutschen so fremd erscheinen, wie mir heute die sprache des hildebrandtliedes fremd erscheint. (Nicht vollkommen fremd, aber flüssig lesen kann ich das wirklich nicht nennen.) Nichts kann die entwicklung aufhalten, und wird’s dennoch versucht, so tritt eine nicht besonders wünschenswerte entwicklung ein: Der zerfall.

Eine der wenigen konstanten in dieser entwicklung: Wo sprachräume nicht in völliger isolation existieren, kommt es mit der zeit zu grammatikalischen vereinfachungen und vereinheitlichungen.

Wie sich menschen im formalen sinne schriftlich mitteilen, ist mir völlig gleich-gültig — ich pflege da meinen eigenen richtig-dichtenden stil, der sicherlich auch für manchen menschen harter tobak ist. Der prozess, der zurzeit über einer betäubten und hypnotisierten gesellschaft abläuft, der ist’s, worauf ich meinen schimpf und meine ätzende ironie gieße. Und zwar mit allen mir sprachlich zur verfügung stehenden mitteln (die mir noch zu gering vorkommen).

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P’litischer Dreisatz

Heute nur eine kleine Dreisatzaufgabe, fast wie in der Schule.

Es gab in der BRD sieben Jahre „sozialdemokratischer“ Politik unter dem Schröderregime, ausgehend von der modernen neoliberalen Fantasie, dass wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen die gesellschaftliche Situation verbessern würden.

Diese sieben Jahre lösten insgesamt null Probleme.

Wie viele Jahre werden die politischen Parteien in der Bundesrepublik Deutschland wohl brauchen, bis sie zur allgemeinen Einsicht gekommen sind, dass ihre ideologischen Grundlagen falsch sein müssen?

Satire

Ich habe früher häufig und gern Satiren geschrieben. In den letzten Jahren habe ich jedoch immer mehr auf dieses Stil- und Ausdrucksmittel verzichtet, und auf dieser Site finden sich kaum noch satirische Texte von mir. Mein Unbehagen über satirische Texte fasse ich hier in Worte, die leider nicht sehr erfreulich sind.

Eine Satire entsteht, wenn ein Mensch unter den Umständen seines Lebens in irgendeiner Form leidet. Niemand schreibt Satiren über schöne Sonnenaufgänge oder die Blütenpracht einer Frühlingswiese.

Das Schreiben einer Satire ist bereits Symptom eines beschädigten Lebens; die Satire ist ein Scherz aus dem Schmerz, ein böser Witz, bei dem Lachen nicht leicht und frei aus dem meist etwas angeschwollenen Hals heraus will.

Die in der Satire verwendeten Stilmittel sind dabei den Stilmitteln des Witzes ähnlich. Es wird mit Doppeldeutigkeiten, Anklängen und Verunglimpfungen von Namen und Benennungen herumgespielt („Früher wurden wir verkohlt, heute werden wir verköhlert“ oder „Der Arbeitgeberpräsident, dieser Hundt!“ oder auch einfach nur „Vergewaltigungsangestellte“ und „Staatsvergewalt“), es werden in boshafter Karikatur der so genannten „political correctness“ Übertreibungen und Verharmlosungen gezielt eingesetzt, um eine lustige und lustvolle Wirkung zu erzielen („Hartz IV: Keine Zwangsarbeit, sondern neue Freiwilligkeit“) , es werden überraschende Wendungen dort eingefügt, wo die Erwartung des Zuhörers oder Lesers sie nicht erwartet („Alle diese Systeme haben ihre Nachteile und ihre Nachteile“).

Unglücklicherweise muss ich in einer Zeit leben, in welcher die sich in den Massenmedien widerspiegelnde Wirklichkeit von den gleichen Verzerrungen geprägt ist, die beim Schreiben einer Satire als Stilmittel zur Verfügung stehen – man nennt die Summe dieser Verzerrungen meist „Modernität“ oder „Fortschritt“. Egal, wie groß meine Übertreibungen und Verharmlosungen sind, immer ist die Wirklichkeit dicht auf den Fersen und entwertet die satirischen Zuspitzungen schnell durch den real existierenden Wahnsinn beworbener Produkte, medialer Darbietungen und politscher Auftritte.

Hierzu nur ein ganz kleines, beinahe harmloses Beispiel. Als ich vor einigen Monaten in geselligem Beisammensein auf den objektiven Irrsinn der Werbung hinwies, die immer wieder angebliche „Innovationen“ als großartige Leistung an den Verbraucher bringen will und als ich dabei die Frage aufwarf, in welchem Bereich es schon lange keine „Revolution“ mehr gegeben habe, gab ich auch gleich eine Antwort: Beim Rasieren. Schon die dritte Klinge war komplett überflüssig, da kann man noch so laut und bildreich proklamieren, dass sie „für das Beste im Mann“ gewesen sei. (Sind die Stoppeln nicht außen?) Und jetzt, so sagte ich, ohne dabei etwas Böses zu ahnen, sei die Zeit langsam reif für die vierte Klinge – und natürlich hatte ich erstmal die Lacher auf meiner Seite.

Nur eine Woche später wurde es mir kund getan: Ein Werbespot, wo das männliche Standardfotomodell für Rasuranpreisung vier Finger in die Luft streckt, prüfend und doch befriedigt über sein stoppelbefreites Kinn streicht und gefolgt wird von dieser typischen Computer-Animation eines Rasierers mit vier Klingen, mit deren vereinter Schärfe das Unkraut des Gesichtes so restlos ausgerupft wird. Wie soll man unter diesen Bedingungen noch Satire machen?

(Nachtrag vom 21.11.2006: Inzwischen haben wir Raiserer mit sechs Klingen. Ein Ende ist nicht in Sicht.)

Und manchmal ertappe ich mich seit dieser kleinen Begebenheit dabei, dass ich nach diesen kleinen Sonden Ausschau halte, die mich wohl verfolgen müssen. Es muss sie einfach geben, diese kleinen, aufmerksamen Sonden der Werbefirmen, die jeden Irren und jeden Satiriker (was gar nicht so ein großer Unterschied ist) verfolgen, um die ganzen krankhaften geistigen Ausflüsse aufzufangen. Woher sollen sonst solche Produktideen kommen? Und wie sonst könnte jemand auf die Idee gekommen sein, modische Rucksäcke mit dem englischen Wort für „Leichensack“ (bodybag) zu vermarkten?

Aber nicht nur die Entwertung des Witzes durch den Wahn-Witz der Gegenwart bedroht die Satire, es ist da noch das Problem der Leseschwäche in der breiten Masse.

Sicher, die Zuordnung der komischen Zeichen auf dem Bildschirm zu einer Abfolge von Lauten gelingt den meisten Menschen noch. Das setzt allerdings noch kein tieferes Verständnis voraus, und an der Fähigkeit zum Verständnis hapert’s bei einigen meiner Leser doch recht schmerzhaft. Eine Satire muss eben auch als Satire erkannt werden.

Das betrifft keineswegs nur den Autor Frank Eckert, der auf seiner alten Homepage einen satirischen Text namens „Endlösung der Satanistenfrage“ publizierte, in welchem die gesellschaftlichen Klischees bezüglich der Randgruppe der „Gothics“ eine angemessene Würdigung erfuhren. Zu Franks eigenem Erstaunen nahmen erstaunlich viele Gothics diesen Text für völlig bare Münze und verewigten sich mit bemerkenswerten Realsatiren in Form erbosten Schimpfes im Gästebuch ebendieser Homepage. Anfangs war das noch lustig, aber je mehr das wahre Ausmaß des Problems zu Tage trat, desto mehr trat dieses Lustige hinter der äußerst ernsthaften Aliteralität der Leser zurück. Bei diesen „Gothics“ nahm dann auch der Erfolg von HIM nicht mehr Wunder.

Nein, auch ich war kürzlich (wieder einmal, zum x-ten Mal) davon betroffen. Wie jeder ernsthafte Websitebastler habe ich einen gewissen Hang zur Statistik. Ich bin ganz einfach daran interessiert, was meine Leser interessiert – schließlich schreibe ich, um gelesen zu werden. Gut, ein größerer Anteil meiner Leser interessiert sich scheinbar in erster Linie dafür, wie man am besten wichsen kann und findet dann über Google meinen Text mit dem viel versprechenden Titel „Wie kann man sich einen runterholen“. Aber fernab von diesem Stück alltäglicher Wüste gibt’s immer wieder Überraschungen.

Das Internet ist ein recht seltsames Netzwerk, und manchmal gibt es da gewisse Häufungen von Zugriffen auf bestimmte meiner Texte, meist deshalb, weil jemand einen Link auf einen Text in ein Forum platziert hat. Ich versuche dann natürlich herauszufinden, wo diese Leser herkommen und was man andernorts so über meine Texte schreibt (und damit wohl auch denkt). Dieser Hang hat mir bestimmt schon dreißig Foren-Accounts verschafft, die ich genau einmal zu diesem Zweck genutzt habe.

Und neulich hat jemand in einem Forum, dass ich hier nicht explizit nennen will, einen Link auf meinen Text zum „Einheits-Wahlkampf 2005“ gesetzt, also auf einen der wenigen satirischen Texte auf dieser Site – das brachte mir dann einen Tag mit sehr viel Datenverkehr. Und im Verlauf der daraufhin entbrannten Diskussion wurde von einigen Forumsteilnehmern festgestellt, dass ich ein Nazi bin. Und von dieser Einsicht ließen sie sich auch nicht durch Links auf andere Texte dieser Website abbringen.

Die Schlussfolgerungen dieser Teilnehmer waren recht einfach und logisch. Erstens: Hier spricht jemand von einem Staat ohne Opposition. Zweitens: Hier spricht jemand von einem starken, gewaltsamen Staat, einen Staat mit harter Peitsche gegen die Bevölkerung. Drittens: Hier betreibt jemand die gleiche Arbeitsverherrlichung wie die Nationalsozialisten. Viertens: Hier schreibt jemand auch noch die üblen Worte „Arbeit macht frei“ in einem solchen Text. Und fünftens: Hier sagt jemand, dass Braun eine gute Farbe zur Symbolisierung der neuen gesellschaftlichen und p’litischen Geschlossenheit sei. Ganz klar: ein böser böser Nazi.

Und jeder dieser Schlüsse – bis auf den letzten – war vollkommen richtig. In der Tat sehe ich in der heutigen Arbeitsmarktp’litik und der ihr zu Grunde liegenden Neigung, Arbeitslose nicht als Verlierer eines Prozesses zu sehen, der über der Gesellschaft abläuft, sondern sie mit allen Mitteln dazu zu bringen, dass sie auch dann noch um Arbeit betteln, wenn niemand mehr ihrer Dienste bedarf, geschweige denn für ihre Dienste bezahlen will und in dem sich darin mitteilenden Menschenbild eine gefährliche Nähe zu faschistischen Idealen. Dass dabei beinahe so von der „gesellschaftlichen Mitte“ wie in Deutschlands düstersten Zeiten vom „Volkswillen“ gesprochen wird, dass manchmal auch Vertreter aus der ehemaligen Alternativpartei der „Grünen“ völlig schamlos und unverschämt davon sprechen, dass ihre Politik ohne Alternative sei und dass Opposition im parlamentarischen Politbetrieb nicht mehr stattfindet oder aus reinen Scheingefechten ohne argumentativen Inhalt besteht, das alles macht diesen Eindruck nur umso bedrohlicher. Deshalb habe ich ja angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes diese Satire geschrieben und ein inhaltlich wie gestalterisch wirklich widerliches Wahlplakat entworfen, das übrigens heute zum hundersten Mal heruntergeladen wurde. (Ich sagte es doch: Ich habe einen Hang zur Statistik.)

Was diese Leser nicht verstanden, das war die literarische Form der Satire. Sie waren nicht im Stande, einen satirischen Text als solchen zu erkennen und zu verstehen, sie nahmen ein leicht als Satire zu erkennendes Werk für bare Münze. Aus dieser Sicht kann man natürlich auch zu dem Schluss kommen, dass ich ein Nazi bin.

Dieser Schluss ist zwar falsch und dumm. Aber ich kann nicht verhindern, dass es dazu kommt. Wenn ich satirisch schreibe, muss ich damit leben, dass einige Menschen nicht mehr die Auffassungsgabe haben, Satire als solche zu erkennen. Und wie ich an gewissen Hassmails bemerke, sind „einige Menschen“ in diesem Zusammenhang doch eine recht große Masse. Die Ergebnisse der PISA-Studie scheinen mir nur die Spitze eines Eisbergs offen gelegt zu haben.

Und das ist der Grund, warum ich hier so wenig Satiren schreibe. Obwohl es mir oft sehr juckt, und dieser Juckreiz kann ganz schön quälen. Gerade in Zeiten des Wahlkampfes.

Aber ich werde auch weiterhin vereinzelte satirische Texte in diese Website einstreuen. Wer Probleme hat, diese zu erkennen, betrachte es bitte einfach als eine Form des Intelligenztests – meine Satiren sind nämlich nicht besonders gekennzeichnet, weil sie sich bereits durch Form und Inhalt kennzeichnen.

Wer bösen Sarkasmus in den Texten findet, darf ihn einfach behalten.

Blindes Reden über Licht

Wenn ein Blinder über’s Licht redet, dann werden die meisten vernünftigen Menschen dem Inhalt solcher Rede nicht besonders viel Aufmerksamkeit schenken. Aufgrund der bestehenden Einschränkung des Blinden in der Wahrnehmung von Licht ist die Chance nur gering, dass die Mitteilung dem Sehenden etwas Neues und Wichtiges mitteilt.

Ganz anders ist das, wenn unser derzeitiger Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Interview mit der Westfälischen Rundschau über Bewusstsein redet. Solchen Worten wird eine enorme Aufmerksamkeit zu Teil, sie werden sogar in der Zeitung abgedruckt und von den staatlichen und wirtschaftsfinanzierten Massenmedien zitiert. Und das, obwohl sich in diesen Worten eine erhebliche und erbärmliche Armut an Bewusstsein mitteilt, die, wenn sie schon nicht direkt in Blindheit fußt, doch wenigstens ihre Wurzel in ideologischer Verblendung unseres Kanzlers haben muss.

Sollte es sich jedoch weder um Blindheit noch um Verblendung handeln, dann ist’s ganz offensichtlich Lüge, also bewusst ausgesprochene Unwahrheit. Das sich in solcher Lüge im Vorfeld der Bundestagswahl keineswegs überraschend mitteilende Bewusstsein entspräche dann dem ungebremsten Machtwillen und der vollkommenen Volksmissachtung eines von seinem Egowahn angetriebenen Spitzenkandidaten im Politshowgeschäft der Jetztzeit. Gleich, welche Deutung man den nachfolgend zitierten Worten auch beilegt, eine Wahlempfehlung für Schröder und seine SPD sind sie nicht, jedenfalls nicht für Menschen, die denken und lesen können. Aber an diese scheint sich der Wahlkampf ja schon lange nicht mehr zu richten, was sich ja auch überdeutlich in der allgegenwärtig plakatierten Nullinformation zeigt.

Genug der Einleitung, jetzt komme ich endlich zu den tollenWorten über Bewusstsein, die unser Medienkanzler in’s eifrige Mikrophon des Reporters gepustet hat. Denn Schröder hat keineswegs auf sein Bewusstsein hingewiesen, sondern er hat Bewusstsein gefordert. Und zwar von den Unternehmen. Aber vorher nahm dieser Inbegriff eines Menschen, der mit seinen so genannten »Reformen« in beispielloser Verantwortungslosigkeit die menschlichen und sozialen Grundlagen des Miteinanders in Deutschland ruiniert hat, noch das Wort von der „Verantwortung“ in seinen Mund.
Und er meinte damit keineswegs, dass er sich für seine Verrichtungen und Vernichtungen verantwortlich fühlt.

Nein, Verantwortung ist für die anderen, und ausnahmsweise diesmal für die Unternehmen in Deutschland. Im Originalton Schröder liest sich das so:

Auch global tätige Unternehmen müssen erkennen, dass sie nicht nur eine betriebwirtschaftliche, sondern auch eine nationale und regionale Verantwortung haben – eine Verantwortung für Standorte und Arbeitsplätze.

Es mag ja sein, dass Schröders persönlichste Konkurrentin im Wahlkampf, Frau Merkel, gelegentlich sehr peinliche Probleme mit Begrifflichkeiten wie „brutto“ und „netto“ hat. Aber diese kleinen Schwierigkeiten wirken überaus harmlos gegenüber dem sich hier in der Person Schröders darstellenden Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen; ein Verständnis, welches übrigens die verheerende P’litik der letzten sieben Jahre hervorbrachte.

Also noch einmal in aller Ruhe, damit’s auch ein Schröder versteht. Weshalb kommt es zu einer Unternehmung? Etwa aus Langeweile? Oder weil man gern seine Kraft und sein Geld in einem riskanten Spiel verzockt? Richtig! Wegen der Absicht, Gewinn zu erwirtschaften. Unternehmungen, bei denen diese Absicht sich nicht erkennbar und wirksam in allen Entscheidungen widerspiegelt, existieren auch nicht besonders lange – die Konkurrenz schläft nicht.

Und zu welcher Verantwortung führt diese Situation? Richtig! Zur Verantwortung, mit dem in der Unternehmung eingesetzten Kapital möglichst sicheren und reichlichen Gewinn zu erzielen.

Und was ist die Folge dieser Verantwortung in der Situation eines entfesselten, immer globaler werdenden Wettbewerbs? Richtig! Die Folge ist, dass der aus dieser Verantwortung erwachsene Druck auf den unternehmerisch tätigen Menschen enorm wird, alles dafür zu tun, dass die Retabilität des eingesetzten Kapitals so gut als möglich maximiert wird.

Und? Was hat das mit Nationen, Regionen und Menschen zu tun? Richtig! Diese sind nur Bedingungen einer Produktion, die um jeden Preis optimiert werden muss, sie sind gewöhnliche Produktionsfaktoren und werden letztlich auch in der gleichen kultur- und menschenverachtenden Weise kalkuliert. Wenn diese Bedingungen dem unternehmerischen Ziel nicht förderlich sind, dann werden sie eben beeinflusst oder nach Möglichkeit ausgetauscht. Ist doch ganz einfach, Herr Bundeskanzler!

Übrigens, Sie und Ihre wortbeflissenen Schergen haben für die hier beschriebene Situation ein ganz klares, sehr „positiv“ klingendes Wort auf den Lippen. Sie nennen das „Fortschritt“, und Sie wollten und wollen diesen so genannten „Fortschritt“ um jeden Preis fördern, auch wenn sie dafür nach den geisteskranken Ideen eines korrupten Hurenbocks wie Herrn Hartz „fordern und fördern“ müssen. Dieser kindische und unbedingte Glaube an den so genannten „Fortschritt“ ist eine der wenigen Kontinuitäten sozialdemokratischer P’litik im Nachkriegswestdeutschland – und er hat nennenswerte Teile des Landes in eine moderne Form der Wüste verwandelt.

Die Verantwortung dafür, dass aus der beschriebenen Situation des Unternehmers nicht eine Form des menschlichen Miteinanders wird, die den angeblich „unantastbaren“ Rahmen des Grundgesetzes (Würde, Freiheit und Gesundheit des einzelnen Menschen) verlässt, liegt übrigens nicht bei den völlig vernünftig handelnden Unternehmern, sondern bei der P’litik, die dem unternehmerischen Handeln einen Rahmen und damit auch Grenzen zu verschaffen hat. Zumindest gilt dies, wenn man an die Idee der „sozialen Marktwirtschaft“ glaubt – übrigens ein Wort, dass seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatsordnungen in Osteuropa immer seltener aus Mündern von Politdarstellern aus der BRD zu hören ist. Man könnte fast glauben, dass da keine dräuende Angst vor einer Revolution des Proletariats mehr ist.

Und Sie, Herr Schröder, Sie haben in den letzten sieben Jahren P’litik gemacht. Und Sie haben dabei keineswegs nur, wie im Grundgesetz eigentlich vorgesehen, die Richtlinien der P’litik bestimmt, sondern alles in irgendwelchen Kommissionen aus gierkranken Menschen zur Chefsache gemacht und sowohl ihre Ministerbank als auch das Parlament zur bloßen Applausmaschine für ihren Taten und Tätlichkeiten degradiert. Also erzählen Sie mir nichts über anderer Leute Verantwortung!

Nun, Herr Bundeskanzler, fahren Sie fort in ihrem Referat!

„Ich glaube, dass es bei den Unternehmen eines neuen Bewusstseins bedarf“, erzählte da unser aller Bundeskanzler weiter. Um dann damit fortzusetzen, dass die »einseitige Shareholder-Value-P’litik«, die nur den Gewinn der Aktionäre im Blick habe, an ihre Grenzen gestoßen sei. Zwar müsse das Betriebsergebnis stimmen, dennoch könnten Großunternehmen »viel von den Mittelständlern lernen, die immer auch ihre gesellschaftliche Verantwortung im Blick hatten«.

Was für eine gequirlte Scheiße Sie da doch schon wieder von sich geben, Herr Schröder. Wissen Sie’s nicht besser, oder halten Sie die Menschen in Deutschland wirklich für so blöd?

Also, fangen wir ’mal von hinten an. Offenbar haben Sie in BWL nicht so gut aufgepasst, deshalb wieder gaaanz langsam: Was ist der Unterschied zwischen einem mittelständischen Unternehmen und einem Großunternehmen? Die Größe? Na ja, das ist als Antwort etwas dünne.

Ich weiß, das ist eine schwierige Sache mit dem abstrakten Denken, Herr Bundeskanzler, dieses Problem haben laut PISA-Studie auch ganz viele Schüler in Deutschland. Also etwas konkreter.

Was ist der Unterschied zwischen der weltweit operierenden Volkswagen AG und einem ihrer mittelständischen Zulieferer, den wir hier einmal Peiner Blech & Lack GmbH nennen wollen?

Ah, jetzt wird’s Ihnen deutlicher! Sehen Sie, das habe ich mir gleich so gedacht. Ein konkretes Beispiel, und schon verstehen Sie. (Dummkopp!) Sicher, beide Unternehmungen sind eigenständige juristische Personen und keine Personengesellschaften. Aber die Gesellschafter des Blechwalzers aus Peine sind noch die Firmengründer oder ihre Nachkommen und haben von daher eine gewisse persönliche Beziehung zum Standort ihres Betriebes. Ganz einfach, weil sie dort im Schützenverein sind, weil sie an den Stadtfesten beteiligt werden, weil sie unmittelbar vor Ort sind. Dass da eine gewisse Verantwortung für eben diesen Ort entsteht (und von der Bevölkerung zuweilen auch sehr persönlich eingefordert wird), ist nur logisch. Und dass eine solche unmittelbar empfundene Verantwortung einige der schlimmsten Exzesse gewinnorientierten Wirtschaftens etwas abmildert, ist ein sehr begrüßenswerter Nebeneffekt, den Sie hier allerdings in einen etwas sonderbaren Kontrast stellen wollen, Herr Schröder.

In wessen Hand befindet sich nämlich unser anderes Beispiel, Volkswagen? Wie sie an dem angehängten Kürzel AG sehen können, befindet sich VW im Besitz seiner Aktionäre, die übrigens weltweit verstreut sind und mit dem Erwerb dieser Aktien in der Regel nur ein Ziel verfolgen, nämlich von Wertsteigerungen und Dividenden zu profitieren. Und diesen Aktionären ist die Geschäftsführung von VW Rechenschaft schuldig, nicht ein paar Schützen aus der Nähe eines Betriebsstandorts. Und wie jeder aufgeweckte Achtjährige nachvollziehen kann, resultiert aus dieser völlig anderen Gegebenheit eine völlig andere Verantwortlichkeit. Nur sie scheinen ein Problem damit zu haben, so etwas zu verstehen! Oder wollen Sie uns schon wieder für dumm verkaufen?

Übrigens war es Ihre wie aus dem Tollhaus tolle Idee, mit der Riester-Verrentung die Alterssicherung der Bundesbürger von der zukünftigen Wertsteigerung der Aktien abhängig zu machen.

Von daher sollten Sie solche Zusammenhänge doch schon einmal gehört haben, oder treffen Sie Ihre Entscheidungen ohne diese lästigen Phasen des Nachdenkens, Erwägens und Erörterns?

Dann ist es Ihnen sicherlich auch klar, dass finanziell gut ausgestattete, große Aktiengesellschaften unter dem Druck des Wettbewerbs ganz anders agieren können (und müssen) als es dem kleinen Mittelständler auch nur möglich wäre. Die Verlagerung ganzer Produktionsstätten in Staatsgebilde mit besseren Rahmenbedingungen ist zwar aufwändig, aber doch möglich und sie wird auch durchgeführt, wenn sich das mittelfristig oder langfristig rechnet. Für unseren Peiner Blechwalzer, der leider sehr abhängig von einem solchen Kunden wie VW ist, bedeutet so etwas denn die Insolvenz. Und wenn Sie einmal dieses dicke Zahlenwerk vom Statistischen Bundesamt zur Hand nehmen würden, dann würden Sie mit eigenen Augen sehen, dass so etwas eine immer häufigere Begebenheit in deutschen Landen ist. Dafür führt das Statistische Bundesamt übrigens seine ganzen Statistiken: Um Ihnen, Ihren Ministern und dem Parlament korrekte Daten zu liefern, damit Ihre Entscheidungen nicht völlig den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollten Sie unbedingt ’mal reinschauen, ist sehr informativ!

Ach ja, der Bezug zur Wirklichkeit! So so, die einseitige Shareholder-Value-P’litik ist also „an ihre Grenzen gestoßen“. Es ist ja verständlich, dass Sie das statistische Jahrbuch etwa so interessant wie einen Fahrplan finden, aber wenigstens in die Zeitungen sollten Sie gelegentlich einen Blick werfen. Und bitte nicht nur in die Bildzeitung, aus der Sie offenbar die Anregungen für Ihren „argumentativen“ Stil erhalten. Ein kurzer Blick auf die Börsenentwicklung würde Ihnen schnell klar machen, dass da von einer Grenze keineswegs die Rede sein kann.

Und mit dieser Zusammenstellung dummer Phrasen wollen Sie den Unternehmen sagen, dass es bei ihnen eines „neuen Bewusstseins“ bedarf. Mit Verlaub, Herr Bundeskanzler, sie reden vom Bewusstsein wie ein Blinder vom Licht! Aber das deutete ich ja schon eingangs an. Diese Phrasen richten sich nicht an Unternehmer, sondern an die Wähler, die von Ihnen offenbar für strohdoof gehalten werden.

Das einzige, was sie mit einer solchen Verlautbarung bezwecken, ist die Verdunkelung des Bewusstseins im Wahlvolk. Man kann förmlich aus jeder Zeile herauslesen, wie sehr Ihnen dieses Bündnis von Lafontaine und Gysi zusetzt, das so viele frühere SPD-Wähler anzieht. Und jetzt, nachdem Sie jahrelang das Ansehen als Genosse der Bosse genossen haben, müssen Sie unbedingt dem Unbehagen der abhängig Beschäftigten ein paar linkstümelnde Worte hinwerfen.

Vor einer Wahl erweckt das weder Glauben, noch ist es würdig, und es ist schon gar nicht glaubwürdig. Es ist einfach nur die gleiche Bevölkerungsverarschung, die Sie schon seit ein paar Jahren betreiben, während Sie Ihre Aufgabe als Volksvertreter darin zu sehen scheinen, das Volk meistbietend zu verkaufen. Und was mich als Deutscher daran so sehr beschämt und traurig macht, das ist die stumpfsinnige Gleichgültigkeit, in der so etwas vom größten Teil der Bevölkerung hingenommen wird.

Da können Sie sogar locker eine Lüge wie „Ich bin ein Gegner jeder Lohndrückerei“ aussprechen, ohne dass Ihnen auch nur die verdiente Ohrfeige droht. Was meinen Sie wohl, wie sich die von Ihnen eingeführten, leicht verfügbaren Ein-Euro-Jobber auf das allgemeine Lohnniveau auswirken werden. Oder ist Ihnen dieser Zusammenhang auch wieder zu komplex?

Ich sehe, an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Ob Sie ein chronischer Lügner, ein ehrloser Lump oder ein uneinsichtiger Idiot sind, das vermag ich nicht zu entscheiden. Ein gut geeigneter Bundeskanzler, der die Richtlinien der zukünftigen Politik festlegen soll, der sind Sie jedenfalls nicht.

Wahr und unwahr (1)

Wahr ist’s, dass sich Papst Benedikt der Sechzehnte nicht nur als „Heiliger Vater“ ansprechen lässt, sondern auch so aufführt.

Ebenfalls wahr ist’s, dass Papst Benedikt der Sechzehnte allen Teilnehmern des kommenden Weltjugendtages in Köln einen Ablass zuspricht, wenn sie „mit der erforderlichen Hingabe“ an diesem frommen Großereignis teilnehmen. Der Ablass erstreckt sich sogar auf Nicht-Teilnehmer, wenn diese in „bußfertiger Haltung um ein mutiges Glaubenzeugnis der Jugend“ beten.

Das ist schön, da braucht Mitmensch Katholik ja gar nicht zu pilgern.

Noch unwahr ist’s allerdings, dass im Zuge der noch zu startenden Kampagne „Katholizismus 2010“ überall im Lande Ablasszetteldrucker aufgestellt werden, die alle gängigen Kreditkarten und Kundenkarten der Banken akzeptieren und beim Verwenden der vom jeweiligen päpstlichen Nunzius ausgegebenen „Jesus Gold Card“ sogar Weihwasser auf den bußgeldfertigen Sünder sprenkeln.

Es wäre aber nützlich angesichts der Flucht aufgeklärter (und deshalb meist mit Geld gesegneter) Menschen aus den Fängen einer „katholischen“ Kirche, deren Geschäftsgrundlage ein aufdringlich nach Weihrauch duftender mittelalterlicher Aberglaube ist.