P’litik

Ich verwende in allen meinen neuen Texten eine besondere Schreibweise einer bestimmten Klasse von Wörtern, die – obgleich bewusst und gedankenvoll ersonnen – wohl ohne weitere Erklärung unverständlich bleibt. Es handelt sich um alle Wörter, die sich vom Worte „Politik“ ableiten.

In diesen Wörtern lasse ich stets den Vokal „o“ der ersten Silbe aus und ersetze ihn durch einen Apostroph, um die vorgenommene Auslassung zu kennzeichnen und die Erkennung des so künstlich und neu gebildeten Wortes zu erleichtern. So schreibe ich beispielsweise „P’litik“, „p’litisch“ oder „P’litiker“.

Das Wort „Politik“ leitet sich ursprünglich vom griechischen Wort für den Stadtstaat, die polis ab. Es bezeichnete in seinem antiken Ursprung die Summe des gemeinsamen Handelns, welches aus der Einsicht heraus geschah, dass es beim Zusammenleben von Menschen in der polis neben dem unantastbaren „Privaten“ auch etwas „Gemeinschaftliches“ gäbe, was aus eben diesem Grunde gemeinsam von allen freien Bürgern verantwortlich gestaltet werden müsse. Diese gemeinschaftliche Gestaltung der Angelegenheiten, die alle Bürger betreffen, war eben Politik, und wer sich an dieser Politik (die mit sehr zeitraubender Aktivität verbunden war) nicht beteiligte, der war eben ein Idiot – dieses schon damals abwertend gemeinte Wort meinte nicht unbedingt einen Mangel an Bewusstheit oder Einsichtsfähigkeit, sondern diente zur Bezeichnung eines auf seine Eigensinnigkeit beschränkten Menschen. Von dieser Politik völlig ausgeschlossen war die große Gruppe der Sklaven, die durch ihr Tätigsein den freien Bürgern der polis genügend Zeit verschafften, die somit auch der Politik gewidmet werden konnte. (Wissenschaftler der Geschichte mögen mir diese sehr knappe Darlegung, die wahrlich nicht alles zum Thema sagt, verzeihen.)

Was in der Jetztzeit unter dem völlig verwaschenen Begriff der „Politik“ verstanden wird, ist etwas qualitativ anderes. Es bezeichnet die Tätigkeiten und Tätlichkeiten einer bestimmten gesellschaftlichen Kaste, die darauf gerichtet sind, allen Menschen innerhalb eines großen und daher anonym gewordenen Staatswesens einen Rahmen für ihr Leben und öffentliches Wirken zu setzen. Die Idee eines unantastbaren Bereiches des „Privaten“ für die propagandistisch als frei bezeichneten Bewohner und Bürgen der Staatswesen findet sich in diesem Zusammenhang zusammengeschrumpft auf eine Handvoll freiheitstümelnder Sonntagsreden und ein paar prosaische Sätze in den Verfassungstexten, deren Wirksamkeit im absurden Theater der Lach- und Sach-„Politik“ erschreckend gering ist. Jedem Bewohner eines Staatswesens, der trotz des gesellschaftlichen Druckes noch nicht moralisch korrumpiert und ethisch verrottet ist, wird die Mitgliedschaft in diesem „politischen“ Kastenwesen über Mechanismen erschwert, die ausschließlich von der „politischen“ Kaste ersonnen und aufgerichtet wurden und werden – ob es sich dabei um ein Parteiwesen nach westlich-„demokratischem“ Muster oder analoge Strukturen in Entwürfen anders verfasster Staaten handelt, ist für diese Mechanismen eher nebensächlich.

An die Stelle einer Gestaltung der überschaubaren gemeinsamen Angelegenheiten durch alle freien Bürger tritt die Verwaltung eines monströs und abstrakt gewordenen Staatswesens durch eine mächtige Minderheit – und die mehr oder minder spürbare Vergewaltigung aller Bewohner des Staates. Der Einzelne in diesem Kräftespiel, der wie zum Hohn auch noch „Bürger“ gerufen wird und sich dabei „frei“ fühlen soll, er ist entmachtet, entrechtet, unbeachtlich. Er ist systematisch zum Idioten oder zum Sklaven oder gar zu beidem gemacht worden, und dieser Status wird in fortwährendem Lauf des unterdrückerischen Herrschaftsapparates mit allen Mitteln einschließlich der Anwendung von Gewalt aufrecht erhalten.

Bilden sich trotz dieser Verhältnisse und entgegen der bequemen Rede „Die da oben machen ja doch, was sie wollen“ einmal Bewegungen von Menschen, die wirkliche Freiheit einfordern und sich nicht mit trügerischen Surrogaten, Brot und Spielen oder Vertröstungen auf ferne Zeiten zufrieden geben, so reagiert die politische Kaste (die weit über das Treiben der Parlamente und ähnlicher Ablenkungen von den wirklichen Verhältnissen hinaus geht) darauf mit den althergebrachten gröberen Formen der Machtausübung; mit Knüppeln, Tränengas, Maschinengewehren und Gefängnissen, letztlich mit subtileren Androhungen des Todes, um aus der damit verbundenen Angst die Peitsche zur Herstellung der erforderlichen Zucht zu machen.

Kein Einwohner einer griechischen polis hätte die Summe dieses Tuns als ein „politisches“ bezeichnet – wäre sie nicht gleich als „Barbarei“ gescholten worden, so wäre sie doch wenigstens klar als eine „Oligarchie“, als eine Herrschaft einer Minderheit über das Gemeinwesen bezeichnet worden. Und der Begriff einer „Ochlokratie“, einer Herrschaft des Pöbels, hätte da klanglich wie inhaltlich gar nicht so fern gelegen.

Ich trage diesen Tatsachen Rechnung, indem ich in meinen Texten den irreführenden Anklang an die polis im Worte „Politik“ durch einfaches Auslassen eines Vokals zerstöre und auf diese Weise ein immer noch sprechbares Kunstwort bilde. Die Begleiterscheinung, dass dieses Kunstwort durch das anlautende „p“ ohne einen darauf folgenden Vokal beim Sprechen einen verächtlich spuckenden Charakter bekommt, steht dabei in völligem Einklang mit meinen Intentionen.

8 Kommentare

  1. […] Ich kann durchaus verstehen, dass Sie — eben so wenig wie die anderen Vertreter der p’litischen Kaste in der BRD — gewillt sind, den mit dumpfen Angstaffekten Roulette spielenden Populismus allein der Bildzeitung zu überlassen, so sehr ich diese Ihre Haltung auch verachte. Es ist ihr Recht, an die Dummheit der Bevölkerung zu appellieren und ihren p’litischen Kalkül darauf basieren zu lassen, und es gibt keinen legalen Weg, Sie an solchen Versuchen zu hindern. Das wissen Sie, werter Herr Minister, als Berufsp’litiker und Innenminister der BRD sicherlich genau. […]

  2. […] Nachtwächter: Ah, ein aufmerksamer Mensch! Wenn schon regiert werden muss, denn müssen die Regierenden die charakterliche Eignung dazu mitbringen. Sie müssen es schaffen, bei allem Ruhm und aller Aufmerksamkeit und aller Einsamkeit der Regierenden das Wesentliche im Auge zu behalten, und das ist das Wohlergehen aller Menschen, die sie regieren. Wenn es überhaupt einen legitimen Staat geben kann, denn ist dieser für die Menschen da, und nicht die Menschen für den Staat. Die Regierenden müssen intellektuell befähigt sein, für ihre Entscheidungen langfristig zu denken und vernünftig zu planen, niemals dürfen sie sich von dem unsteten Wahnsinn der Nachrichtenlage mitreißen lassen oder gar für eine gute Erscheinung in den Medien arbeiten. Ein Beamter ist zum Regieren völlig ungeeignet. Er ist es gewohnt, feste und vorgegebene Regeln in unkreativer und verantwortungsloser Weise anzuwenden, egal, was das für die betroffenen Menschen bedeutet. Dem entsprechend regiert auch die gegenwärtige p’litische Kaste, die sich überwiegend aus Beamten zusammensetzt. […]

  3. […] andere Politik ist möglich! Wieviel verschiedene Politiken (bzw. P’litiken) gibt es denn eigentlich? Welche Spielart wurde noch nicht […]

  4. […] P’litik « Liebe Terroristen […]

  5. […] sie hat somit gar nichts damit zu tun, dass die Menschen in der “alternativlosen” P’litik der extremen Mitte gar keine wirkliche Wahl mehr […]

  6. […] so viel “Gnade” vor Gericht rechnen können wie die ganz großen Verbrecher aus P’litik und […]

  7. […] Miteinanders — ich vermeide das oft missbrauchte und zum schwammhaften Nichts verkommene Wort Politik an dieser Stelle — treffen […]

  8. […] Abbild der Wirklichkeit sind als alle diese nach scheinbarer Objektivität strebenden, meist p’litisch geprägten Werke, die zusammen mit werbevergällten Nullseiten über Titten, Medien und […]


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