Auge zudrücken

Angesichts der gegenwärtigen Zustände in Deutschland halten es immer mehr Menschen für angemessen, öfter mal ein Auge zuzudrücken. So kann man nämlich besser zielen.

Trimm dich durch Sport

Eine von Bob Goldman durchgeführte anonyme Umfrage unter Leistungssportlern ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten ein nicht erlaubtes Dopingmittel auch dann einnähme, wenn es nach fünf Jahren zum sicheren Tod führen würde, sie aber bis dahin in jeden Wettkampf Sieger wären.

Quelle: Telepolis

Oder kurz gesagt: Im so genannten „Leistungsport“ haben wir bereits jetzt die Zustände, die nach den kranken Ideen der neoliberalen Kryptofaschisten auf die ganze Gesellschaft übergreifen sollen. Die Menschen sollen ständig gesteigerte Leistung als quasi-heiligen Selbstzweck verstehen, und zwar selbst dann noch, wenn sie dabei krepieren.

Ach ja, und wer das mangels Nachfrage am Markt für Menschenmaterial gerade mal nicht mitmacht, der muss eben kaserniert werden. Sonst merken die Menschen noch, dass es auch ein richtiges Leben geben könnte.

Kurz verlinkt (14)

Der BatzLog: Dinge, die ich erst später kapiert habe

Wie die Politik es geschafft hat mich in den letzten 20 Jahren, von einem hochinteressierten politisch denkenden Menschen in einen Zyniker zu verwandeln, dessen Haltung mit Politverdrossenheit nicht mal mehr richtig erfasst wird. Verdrossen ist ein zu schwaches Wort. Politikverachtung, trifft es da schon eher.

[…] Verachtenswert ist, daß es die Politik durch ihr Handeln über die Jahre wirklich geschafft hat, mir jedwedes Zutrauen in die Redlichkeit ihrer Protagonisten zu nehmen.

[…] Ich glaube nicht mehr an euch. An keinen Einzigen von euch. Selbst wenn mal einer etwas vernünftiges sagt ab und zu. Ich bin mir nie sicher, ob es seine Meinung ist oder grade strategisch sinnvoll erscheint. […] Ich glaube ihr würdet letztlich alles dem eigenen Vorteil, wirtschaftlichen Zwängen und der Erreichung kurzfristiger Ziele opfern.

Das Lesen des ganzen Textes ist vielleicht geeignet, etwas heilsamen Geist zu Pfingsten in die Gehirne derer fallen zu lassen, die immer noch mit den Beglückungsideen der p’litischen Kaste ruhig und zufrieden zu stellen sind.

Den Gürtel enger schnallen

Eben bei Fefe gelesen:

Ja bei der Globalisierung, da müssen wir alle den Gürtel enger schnallen, da kommt einfach nicht mehr so viel Geld beim Arbeiter an, die Preise sinken, Profit macht da keiner mehr…

Aber die illustrierende Grafik des Statistischen Bundesamtes, die schaut man am besten dort an.

Hier spricht Schäuble…

Erstellung von Gesetzvorschlägen mit dem Schäuble-RoboterAchtung! Hier spricht der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Wolfgang Schäuble. Es ist zwar etwas roboterhaft, aber damit in gewisser Weise schon wieder nahe am Original:

Abhören
von privaten E-Mails
durch Folter
zur Bekämpfung
von Sicherheitsrisiken.

Dieser kleine Schäuble-Roboter zur automatischen Erstellung von Gesetzesvorlagen wurde mir vor ein paar Tagen mit einer anonymisierten Mail mitgeteilt. Und er ist durchaus einen Link wert.

Tinnef (11)

Standbild Maria

Aus dem aktuellen Katalog „Die moderne Hausfrau„. Die Hervorhebungen im folgenden Zitat entsprechen der Quelle:

Gestalten Sie ihren privaten Andachtsraum!

Je lauter die Welt, in der wir leben, desto größer wird bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Ruhe und Besinnung. Wer in unmittelbarer Nähe zu einer Kirche wohnt, kann sich zum Gebet dahin zurückziehen. Andere freuen sich darauf, mit dem Standbild „Maria“ einen eigenen Hausaltar einzurichten. Platzieren Sie dazu das Standbild „Maria“ auf einem Tischchen, das Sie mit Blumen und Kerzen schmücken — schon verstummt der Weltenlärm! Das Standbild „Maria“ ist aus sehr schön coloriertem Kunststein und ca. 15 x 12 x 25 cm groß.

Ach, Maria, wie oft habe ich mich gefragt, warum deine Eltern dir ausgerechnet den Namen Bitterkeit (hebr. Mirjam) gegeben haben. Aber wenn ich sehe, was aus dir geworden ist…

Der „Stern“ fordert neuen Heldenkult in Deutschland

Es gab in meiner Jugend einmal Zeiten, in denen der Stern ein durchaus ernst zu nehmender Auswurf der Journaille war. Aber irgendwann haben die Adolf Hitler in Form seiner Tagebücher entdeckt, daraufhin die deutsche Geschichte umschreiben wollen und das Ganze wurde zu einer der größten denkbaren Lachnummern. Von diesem GAU hat sich der Stern nie wieder erholt, er ist heute ein ganz normales Arsch- und Tittenblatt, durchaus gut mit so einer ungenießbaren Druckspeise wie der „Bunten“ zu vergleichen.

Das hindert den Stern aber nicht daran, sich immer wieder mit p’litischen Kommentaren hervorzutun. Das tun sie auch heute wieder in ihrer Online-Ausgabe mit dem Kommentar „Deutschland muss das Trauern lernen“ von Florian Güßgen anlässlich des Todes einiger Soldaten der Bundeswehr. Er ist ein typisches Beispiel der Form, wie in der gleichgeschalteten Journaille der BRD mit der gegenwärtigen, gegen Geist und Buchstaben des Grundgesetzes gerichteten P’litik des Berliner Regimes umgegangen wird:

Der Tod dreier Bundeswehr-Soldaten in Kundus zwingt uns, über Sinn und Unsinn des Afghanistan-Einsatzes zu diskutieren.

Mit Verlaub, Herr Güßgen: Müssen dafür erst ein paar Soldaten verrecken? Reicht es nicht hin, dass der recht klare Rahmen des Grundgesetzes der BRD, nämlich die Landesverteidigung, in den letzten Jahren immer häufiger durch recht fragwürdige außenp’litische Ambitionen der jeweiligen Berliner Regimes „erweitert“ wurde, bis nicht mehr viel davon übrig blieb. Offenbar reicht ihnen das nicht, denn sie wollen ja das Heldenbegräbnis mit viel Firlefanz und öffentlichen p’litischen Lügenreden etabliert wissen:

Ebenso wichtig ist jedoch, dass wir lernen, die Trauer über den Tod der Soldaten mit öffentlichen Ritualen zu feiern.

Klar, das ist die einzige Lehre, die „wir“ (ich empfinde diese Anrede in einem solchen Zusammenhang übrigens als persönlichen Angriff) daraus zu ziehen haben. Die Leichensäcke sind angekommen und aus der p’litischen Kaste ertönt ein lautes Juchu, weil sie einen Anlass hat, sich selbst zu feiern.

Der Tod ergibt nie Sinn. Er ist sinnlos. Er ist unbegreifbar. Jener Verlust, den die Angehörigen und Freunde der drei Bundeswehr-Soldaten erlitten haben, ist unermesslich, ihre Trauer ist zutiefst persönlich.

Der Krieg ergibt nie Sinn. Er ist sinnlos…

Diese Lektion fände ich angesichts der modernen Leichtfertigkeit in der Militarisierung der Außenpolitik viel angemessener als die sehr professionellen, sehr staatstragenden und deshalb sehr kalten Worte in ihrem Menschen verachtenden Kommentar, Herr Güßgen.

[…] Dennoch: Jenseits der privaten Dimension gibt es auch eine politische, eine öffentliche. Es muss gefragt werden: Rechtfertigen die sicherheitspolitischen Ziele der Regierung, rechtfertigt ein vielleicht in ferner Zukunft wie auch immer befriedetes Afghanistan, rechtfertigt das alles den Tod deutscher Soldaten?

Klar doch: Solange bei einem solchen Einsatz (wie sehr dieses Wort doch ans Roulette erinnert) keine eigenen Leute verrecken, solange muss nichts gefragt werden. Die immer weiter fortschreitende Relativierung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist kein Grund, irgend etwas zu fragen. Statt dessen…

Wollen wir den höchsten Preis zahlen, den ein Staat, den diese Bundesrepublik für eine Politik zahlen kann?

…fragen sie lieber wie ein beflissener Kaufmann nach dem Preis. Und meinen damit zerstörte Existenzen, Angehörige, die mit dem schweren Verlust klarkommen müssen und Waisenkinder. Das ist übrigens auch das, was ein Kampfeinsatz (an dem die Bundeswehr spätestens beteiligt ist, seit sie Luftaufklärung zur Ermittlung von Angriffszielen betreibt) auf der anderen Seite hervorbringt. Alles nur ein Preis, der für P’ltik bezahlt wird.

Trefllich zeigt sich in solcher Wortwahl eine unmenschliche Denke, die genau das hervorbringt, was bei oberflächlicher Betrachtung des Artikels bedauert wird: Tod, Vernichtung und Trauer. Als Preis für eine wie auch immer geartete P’ltik. Ein Sack Kartoffeln für zwei Euro neunzig und frische außenp’litische Ambitionen für ein paar hundert bis zehntausend ganz ordinäre Menschenleben.

Hier schreibt ein typischer Schreibtischtäter über den Krieg, und zwar in der offenbaren Gewissheit, dass er niemals für die gierigen Interessen von P’litik und Kapital im feldgrauen Hemd verbluten muss. Alle Ächtung!

Und er kann von dieser Menschen verachtenden Metapher…

[…] Nutzen und Preis des Afghanistan-Einsatzes müssen stets neu abgewogen und überprüft werden.

…gar nicht genug kriegen, der Herr Schreibtischtäter Güßgen, der im Auftrag des Stern Stimmung für stimmungsvolle Heldenbegräbnisse macht:

[…] Der zweite, mit dem ersten eng verwobene Teil, muss darin bestehen, dass die private Trauer flankiert wird von einer gewollten, bewusst gefeierten öffentlichen Trauer. Durch öffentliche Zeremonien und öffentliches Gedenken müssen wir uns den Preis deutscher Politik auch durch Trauer- und Gedenkrituale bewusst machen.

Das ist ja (Achtung: Zynismus) genau die richtige Antwort auf das Leiden derer, die vom Tod geliebter Menschen betroffen sind! Derjenigen p’litischen Kaste, die durch gezielte Relativierung der Artikel des Grundgesetzes die Möglichkeit erst schuf, dass wieder überall auf der Welt deutsche Soldaten verrecken können auch noch eine Bühne für ihre gut geschriebenen, verlogenen Reden zu geben. Natürlich mit guter Inszenierung der ganzen Funeral-Show und viel pseudofrommen militärischen Spektakel zur Dekoration, während in weniger öffentlichen Hinterkammern die nächsten Kosten-Nutzen-Rechnungen für irgendwelche „Einsätze“ angestellt werden.

Schämen sie sich eigentlich gar nicht, Herr Güßgen?

Wahrscheinlich nicht. Bis jetzt hat sich noch kein in Sicherheit sitzender Schreibtischtäter für seine Taten geschämt.

Aber unser Stern-Schreiberling weiß auch genau, dass für eine solche Abstumpfung der Menschen noch ein paar dicke Bretter zu bohren sind:

Gerade das jedoch müssen die Deutschen erst lernen. Sie sind unerfahren, weil Auslandseinsätze und tote Soldaten aus gutem Grund lange nicht zur bundesrepublikanischen Erfahrungswelt gehörten.

Übrigens: Der „gute Grund“, warum so etwas nicht zur Erfahrungswelt in der Bundesrepublik gehören sollte, besteht weiterhin. Er heißt Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, ein sehr lesenwertes Büchlein.

Nee, ich habe keine Lust mehr, den Rest ihres unmenschlichen Geschreibsels richtig zu stellen. Dazu gehört nämlich Denktätigkeit, die sie offenbar beim Schreiben unterlassen. Deshalb können sie auch mit solcher professionellen Leichtigkeit sogar aus dem Tod deutscher Soldaten noch einen verhaltenen Jubelartikel für die P’litik der gegenwärtigen Bundesrepublik zaubern.

Ich kann nur hoffen, dass immer mehr Menschen in Deutschland nicht wie von ihnen gewünscht, lernen, ein verlogenes p’litisches Schauspiel für einen Ausdruck der Trauer zu halten. Stattdessen sollten sie besser das Denken lernen.