Zur „Logik“ des Kapitalismus

Wenn sich noch jemand darüber wundert, dass ein bisschen ganz normales Winterwetter in Teilen Deutschlands (vor allem im Münsterland) zu weiträumigen Stromausfällen führen konnte, der findet jetzt im Focus, der Bildzeitung für Besserverdiener einen gewissen Aufschluss: RWE – Tausende Masten aus der Vorkriegszeit:

Wie der Konzern auf Anfrage der „Berliner Zeitung“ einräumte, wurden 10.300 der derzeit genutzten Hochspannungs-Masten bereits vor 1940 errichtet. Auch nach den Mastbrüchen im Münsterland, durch die kürzlich mehr als 200.000 Menschen mehrere Tage lang von der Stromversorgung abgeschnitten wurden, plane der Konzern offenkundig keinen Komplettaustausch dieses Alt-Bestandes.

Warum auch große Summen in die übernommene und langsam vor sich hin marodierende Infrastruktur investieren, wenn man das Geld doch auch viel besser als Dividende ausschütten kann? Letzters freut die institutionellen Anleger und andere Großzocker der Börse und ist gut für’s Ranking, während ersteres nur so ein paar Kunden zu Gute käme, die eh nicht die Wahl haben, auf die Leistungen eines anderen Anbieters auszuweichen. Ist doch alles ganz logisch. Und die Ökonomen werden immer optimistischer, weil die Ökonomen immer optimistischer werden.

Nachtrag und Ergänzung vom 23.11.2006: Unter dem momentanen gesellschaftlichen Prozess, der von der Politkaste und von den wirtschaftlichen Interessenvertretern explizit gewünscht und gefordert wird, verkommt die BRD immer mehr von einer technischen Zivilisation zu einem Entwicklungsland. Solche Stromausfälle sind inzwischen ein etwas häufigeres Ereignis, und teilweise greifen sie sogar auf große Bereiche Westeuropas über. Passend zur langsamen Umformung der BRD in ein Entwicklungsland ist es, dass inzwischen immer mehr qualifizierte Facharbeiter und Ingenieure in solche Länder auswandern, die von den meisten Menschen für Entwicklungsländer gehalten werden. Sie können dort besser leben und werden für ihre Arbeit angemessen bezahlt.

Ich frage mich manchmal etwas zynisch, wann es wohl wieder einen undurchlässigen Grenzzaun um einen großen Teil Deutschlands geben wird.

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Juristischer Unsinn und Zensur

Dass so mancher Richter keine besondere Ahnung von den Sitten und Gepflogenheiten des Internet hat und dennoch in Volkers Namen Internet-Recht spricht, sollte bekannt sein. Dass es bekannt ist, macht’s aber leider nicht besser. Ein besonderes Beispiel juristischen Unsinns hat jetzt das Landgericht Hamburg zu geltendem Recht gemacht. Und zwar hat es den heise-Verlag für den Inhalt von Forumsbeiträgen seiner Leser verantwortlich gemacht, und dies selbst denn, wenn diese Beiträge dem Betreiber des Forums gar nicht zur Kenntnis gekommen sind — dieses Urteil macht den Betrieb von Webforen, Gästebüchern oder kommentierbaren Weblogs zu einem möglicherweise teuren Glücksspiel und wird sicherlich enormen Auftrieb für das gierige und zügellose Abmahnwesen bringen:

Die Kammer erklärte, sie sei überzeugt, dass der Verlag allein durch die Verbreitung auch ohne Kenntnis für die im Forum geäußerten Inhalte haftbar zu machen sei. Er könne schließlich die Texte vorher automatisch oder manuell prüfen. So wie der Verlag das Forum bisher betreibe, fordere er Rechtsverletzungen sogar potenziell heraus, betonte ein Richter. Es sei nicht hinnehmbar, dass „die in ihren Rechten Verletzten Ihnen hinterherrennen müssen“. Den Einwand des Verlags, dass eine automatische Filterung erwiesenermaßen nicht funktioniere und eine manuelle Prüfung jedes Beitrags angesichts von über 200.000 Postings pro Monat schlicht nicht zu leisten sei, ließ die Kammer nicht gelten.

Diese Rechtslage lässt sich ganz wunderbar missbrauchen. Wer einen Feind oder einen Konkurrenten mit interaktiv nutzbarer Website hat, pustet einfach ein paar kriminelle Worte oder ein urheberrechtlich geschütztes Werk hinein und arbeitet dabei gleich mit einem willigen Anwalt zusammen, der natürlich für die Abmahnung auch auf seine Kosten kommt. (Falls Sie Anwalt sind: Ich glaube Ihnen gern, dass Sie sich für derartig verachtenswerte Machenschaften niemals hergeben würden. Aber Sie kennen gewiss ein paar weniger gewissenhafte Kollegen. Wenn nicht, denn verschaffen Sie sich einfach jetzt einen ersten Eindruck.) Und schon ist jemand auf derzeit ganz legale Weise eventuell erheblich geschädigt. Eine ideale Vorgehensweise für die juristische Kaltstellung des Mitbewerbes, unliebsamer Zeitgenossen oder p’litischer Gegner. Oder noch deutlicher, ein weiterer Schritt zur ganz legalen Abschaffung der Meinungsfreiheit im deutschen Internet — frei nach dem Motto: „Sein Recht muss man sich leisten können“. Ich will kotzen!

Auch der Justiziar des heise-Verlages schätzt die Rechtslage nach diesem Urteilsspruch ähnlich ein:

„Sollte sich diese Rechtsprechung durchsetzen, führt das dazu, dass jeder Anbieter, der ungefiltert die Möglichkeit zu Kommentaren bietet, unmittelbar für Rechtsverstöße in den Beiträgen haftet und abgemahnt werden kann“, kommentierte der Justiziar des Heise Zeitschriften Verlags, Joerg Heidrich. Davon seien nicht nur Foren, sondern auch alle anderen Web-Kommunikationsformen wie Blogs, Gästebücher oder sogar Chats betroffen.

Eigentlich wollte ich das Publizieren im Internet erst mit der Einführung der Rundfunkgebühren-Pflicht auf Computerbesitz einstellen, aber dieser Wahnsinn lässt mich ernsthaft darüber nachdenken, eine einstmals schöne und nutzbringende Möglichkeit der Mitteilung und des Austausches schon etwas früher hinter mich zu lassen, da das Publizieren im Internet immer mehr zum unkalkulierbaren Risiko wird. Sollte also dieser Weblog oder meine Homepage in den nächsten Tagen verschwinden und durch eine rechtlich unbedenklich erscheinende Platzhalterseite ersetzt werden, seien Sie bitte nicht überrascht. Wer nach diesem Tag noch etwas von mir lesen will, der sollte meine Seiten vorher lokal spiegeln.

Ach ja, meine Linkempfehlung aus aktuellem Anlass: Rettet das Internet!

Anmerkung und Nachtrag vom 23.11.2006: „Dieser Weblog“ meint mein ursprüngliches, auf einem deutschen Server unter der Gefahr bundesdeutscher Meinungsunterdrückung laufendes Weblog. Das gleiche gilt für „meine Homepage“. Beide existieren ab dem 1. Januar 2007 nicht mehr. Die beschriebenen Zustände in der BRD sind der Grund dafür, dass ich meine jetzigen Publikationen ausdrücklich nicht mehr an deutsche Leser richte und lieber auf einem Server unterbringe, der es den repressiven deutschen Behörden und den in die gleiche Kerbe schlagenen wirtschaftlichen Zensoren schwer macht, die unerwünschte Meinung zu unterdrücken.

Inzwischen ist noch nicht einmal ein Jahr vergangen, und die Polizeibehörden der BRD haben keine Hemmungen mehr, ohne die Spur einer rechtlichen Grundlage gesellschaftskritsche Meinungsäußerungen von Menschen aus dem Internet zu entfernen, wenn sich ein größeres öffentliches Interesse dafür zeigt. Ein spürbarer Widerstand zeigt sich dagegen nicht, während sowohl die wirtschaftsfinanzierten als auch die staatlichen Massenmedien mit gezielter Fehlinformation einen unerträglichen Zerfall der gesamten Gesellschaft aufrecht erhalten.

Die Begegnung mit dem Schrecklichen

Es gibt ein Phänomen, das viel zu wenig beachtet, ja, von den meisten Zeitgenossen in verlachener Weise verdrängt wird. Es gilt als Erscheinung der Sommerzeit des Journalismus, als Thema, mit dem die Rotationsmaschinen beschäftigt werden, wenn’s keine p’litischen Meldungen zu vermelden gibt. Es ist nicht einmal leicht, das gefühlte Gesamte des Phänomens zu beschreiben — ich spreche hier kurz von der Begegnung mit »dem Anderen«, von der Begegnung mit »dem Schrecklichen« an sich.

Etwas, was nicht an den Himmel gehört: ein UFO Die Erscheinungsformen solcher Begegnung sind vielfältig. Da tauchen fremdartige geometrische Strukturen in bewirtschafteten Feldern auf, bei deren Anblick jedem völlig klar ist, dass es sich nicht um natürlich entstandene Formen handeln kann, die so genannten »Kornkreise«. Da glauben Menschen in abgelegenen Gewässern plötzlich fremde Wesen zu sehen, die dort bei vernünftiger Erwägung niemals existieren könnten, die diversen Seeungeheuer, deren bekanntester Vertreter wohl »Nessie« ist, auch wenn die Existenz von »Mokele Mbembe« sehr viel glaubwürdiger erscheint. Andere Menschen behaupten mit großer Überzeugung, groß gewachsene Mischwesen zwischen Mensch und Affe beobachtet zu haben, je nach Ort der Beobachtung spricht man von »Yeti«, »Sasquatch« oder »Bigfoot«.

Und es gibt noch mehr sonderbare Tiere, die in bestimmten Regionen immer wieder von Menschen beobachtet werden: Flugsaurier, Säbelzahntiger – »Tigre de Montagne«, Löwen mit dem Fellmuster eines Leoparden – »Marozi«, Zwergelefanten, riesige Krokodile in Afrika – »Mahamba«. Auch die europäischen Alpen sind keineswegs frei von unerklärlichen zoologischen Sichtungen, die Berichte über ein sonderbares Reptil, den »Tatzelwurm«, scheinen durchaus auf ein mögliches wirkliches Tier hinzudeuten. Die ernsthafte Beschäftigung mit solchen, nur durch Berichte von Augenzeugen und lokale Legenden bekannten Tieren ist Aufgabe der Randwissenschaft der Kryptozoologie — wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, wird mit Google schnell fündig werden. Mein Thema ist es nämlich nur zum Teil.

Festhalten will ich für mein Thema erstmal nur eines: Von den besagten Tieren wurde niemals ein Kadaver oder ein Skelett gefunden, es gibt keine wirklich überzeugenden Fotos oder Fährten. Die einzige Spur, die von ihnen hinterlassen wurde, ist die grenzenlose Verblüffung und Verwirrung (oft auch Verängstigung) in einigen wenigen Menschen, die von ihrer Beobachtung berichten.

Es wurde eben etwas gesehen, was es in der bewussten und normalen Sphäre von Erfahrungen nicht geben darf. Das ist, wie ich später noch ein bisschen weiter ausführen werde, kein neues Phänomen. Es gibt aber eine typisch moderne Ausprägung davon, die einer genaueren Beleuchtung würdig ist.

Für mich ist das UFO-Phänomen der Prototyp der Begegnung von Zeitgenossen mit dem Unfassbaren. Wahrscheinlich weiß jeder Leser, was unter einem UFO zu verstehen ist, so sehr ist dieses Thema Bestandteil der modernen Folklore geworden: Eine flugfähige Erscheinung, die scheinbar in der physikalischen Wirklichkeit auftritt, aber auch nach eingehender Begutachtung ihres Verhaltens und ihrer Eigenschaften durch Experten nicht identifiziert werden kann.

Dass ein normaler Mensch der Jetztzeit, vor allem, wenn er in einer künstlich beleuchteten Stadt lebt, schon mal den Mars oder den Jupiter für ein Flugobjekt hält, spielt dafür keine Rolle — sobald die Beobachtung und ihre Position einem Astronomen beschrieben wird, ist die Zuordnung der Leuchterscheinung zu einem Objekt am Firmament eine einfache Sache geworden: Aus dem UFO, dem unidentifizierbaren Flugobjekt ist ein IFO, ein identifiziertes Flugobjekt geworden. Was aber auch nach harten Nachforschungen durch Experten unerklärlich bleibt, das ist ein Kandidat für das UFO-Phänomen. Die Frage, ob es sich dabei um Erscheinungen handelt, die durch außerirdische Besucher verursacht wurden, kann nicht vernünftig beantwortet werden — da die Natur des Phänomens nicht genügend erfasst ist. Dass sich aber beinahe jeder eine außerirdische Besatzung vorstellt, wenn er an ein UFO denkt, ist durchaus von Belang.

Die Idee einer Besatzung mag auch darin wurzeln, dass sich UFOs oft so verhalten, als würden sie unter einer intelligenten Kontrolle stehen. Die beobachteten Flugbahnen wollen für den (immer mit seinem Bewusstsein während seiner Begegnung interpretierenden) Beobachter einfach nicht zu einer natürlichen Erscheinung wie etwa Kugelblitze, Meteoriten, Wirbelwinde oder Nordlichter passen, das UFO wird gelegentlich (vor allem bei Beobachtungen aus großer Nähe) klar als abgegrenzte materielle Entität erkannt. Was allen Beobachtungen gemeinsam ist, das ist der Eindruck einer bedrückenden, manchmal auch beängstigenden Fremdheit des beobachteten Objektes.

Einige Menschen berichten auch (unter Hypnose) davon, dass sie von einer UFO-Besatzung entführt wurden, dass sie von fremdartigen, sich roboterhaft verhaltenen und dabei völlig stummen, aber doch entfernt anthropomorphen Wesen in ein seltsames Gefährt geführt wurden, dort gewissen Untersuchungen unterzogen wurden und zum Abschluss des traumatischen Erlebens in Hypnose versetzt wurden und im somnambulen Bewusstsein den Befehl erhielten, diese Erlebnisse zu vergessen. Bei dem Klassiker derartiger Berichte, der Geschichte von Betty und Barney Hill, führte dies zu einer langen Phase (einer natürlich vorher nicht vorhandenen) psychischen Instabilität, die erst durch eine hypnotische Behandlung wieder ein Stück weit überwunden werden konnte, wobei dann die Erlebnisse das erste Mal erinnert und geäußert wurden.

Ich habe persönlich immer wieder Menschen kennengelernt, die irgendwann in ihrem Leben eine UFO-Beobachtung gemacht haben — und alle diese Menschen entsprachen keineswegs dem Bild des »Spinners«, der sich eine Geschichte ausdenkt, um sich selbst interessanter zu machen. Ihr Umgang mit einem solchen Erlebnis war immer das Verdrängen- und Vergessen-wollen, obwohl es sich den Erzählungen zu Folge keineswegs um besonders erschreckendes Erleben handelte. Die bloße Existenz einer Erscheinung, die einfach und völlig unerklärlich in die sonst so geordnete und verstandene Welt hereinbricht, scheint genügend traumatisierendes Potenzial zu haben, und der bewussten Auseinandersetzung mit einem solchen Erlebnis scheint eine immense Unlust zu widerstreben. Die häufigste Form der Verdrängung, die ich dabei gehört habe, war übrigens das Hinwegerklären der Erscheinung mit einer völlig unzureichenden Hypothese, deren dürftige Begründung schon bei einfachem Nachfragen abbröckelt. In der Psychoanalyse würde man von einer Rationalisierung sprechen. Ich hatte beinahe jedes Mal, wenn ich eine solche Erzählung hörte, den klaren Eindruck, dass mein Mitmensch wirkliches (und eben auch sehr beängstigendes, unheimliches) Erleben wiedergibt. Die einzige Ausnahme war die erste Erzählung, die mir zu Ohren kam — damals wollte ich mein frisch erworbenes, rationelles Weltbild nicht in Frage stellen lassen und tat den Bericht ohne Bedenken und ohne eine Spur von Selbstkritik als »Spinnerei« ab, was mir im Nachhinein sehr leid tut, zumal dieser Mensch ein paar Jahre später verstarb und meine neue Offenheit nicht mehr erlebte. (Ich war nicht immer so wie heute. Menschen entwickeln sich.)

Um dieser möglichen Frage einger Leser gleich zu begegnen: Nein, ich selbst habe niemals ein UFO-Erlebnis gehabt, und nach allem, was ich darüber gehört habe, verzichte ich auch gern darauf. In bestimmten, sehr langen Phasen meines Lebens (unter depressiver Schlaflosigkeit oder Wachheit) war ich oft Nachts unterwegs, ich habe schon Nordlichter gesehen, einmal hatte ich das Glück, einen Kometen mit bloßem Auge zu sehen, ich weiß, wie in klaren Nächten die Milchstraße aussieht, ich sah Meteore, Wetterleuchten, im knackigkalten Winter Halos in Regenbogenfarben um den Mond und andere Dinge, die Menschen unter den Bedingungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses nicht mehr kennen. Aber ich sah nicht ein einziges Mal etwas, was einem UFO auch nur ähnlich gewesen wäre — oder ich habe sehr gut verdrängt… (sorry, aber diesen kleinen Witz konnte ich mir einfach nicht verkneifen.)

Der physikalischen Existenz des von Menschen beobachteten Objektes widerspricht aber eines: Es gibt kein einziges klares Indiz der Gegenwart von UFOs. Kein einziges überzeugendes Foto, das sich nicht als Fälschung erwiesen hätte, keine zufällige Aufnahme aus einem astronomischen Observatorium, nichts weiter als die flüchtige Spur grenzenloser Verblüffung, Verwirrung und Verängstigung bei Beobachtern, die offenbar ansonsten völlig gewöhnliche Menschen sind. (Ich bin einfach nicht gewöhnlich genug, um ein UFO zu beobachten, meine spätere Erklärung wird diese Aussage vielleicht ein bisschen beleuchten.)

Es ist also völlig unklar, ob es UFOs gibt. Aber es ist völlig klar, dass es UFO-Beobachter gibt. Und dieser unbestreitbare Fakt sollte doch die Neugierde reizen. Leider hat er bislang nicht die Neugierde von seriösen Wissenschaftlern angestachelt, diese reagieren eher auf eine andere Weise gereizt auf das Thema, in dem sie (übrigens völlig zu Recht — aber das wird später noch besser angedeutet) eine Nähe zu Esoterik und Religion sehen. Das Thema wird getrost irgendwelchen geschäftstüchtigen Händlern des Irrationalen überlassen, und die lassen sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Die Bücherläden und das Internet quellen über vor parareligiösen, esoterischen, sektiererischen und dummen Deutungen des Phänomens — für die es offenbar einen großen Markt gibt. Auch hierbei handelt es sich um eine Form der Rationalisierung, mit der diesem Phänomen begegnet wird.

Und dieser lärmendbunte Jahrmarkt des Absurden, der einem so klar beim UFO-Phänomen entgegentritt, findet sich auch in der Kryptozoologie und bei den Kornkreisen. (Es gibt natürlich noch mehr derartige Themen, aber ich will einen Text für meine Homepage und keine Abhandlung schreiben.) Das ist der Grund, weshalb ich diese zunächst verschieden aussehenden, aber in ihrer Fremdartigkeit gleichen Themen unter einem Begriff stellen möchte: Die Begegnung mit dem Anderen oder dem Schrecklichen.

Es ist (wenigstens mir) klar, dass es Menschen gibt, die eine solche Begegnung erlebt haben. Aber das »Gegenüber«, was ja zu einer Begegnung dazugehört, ist in seiner Existenz fragwürdig, es zeichnet sich nur durch seine Fremdheit aus, die jeden Beschreibungsversuch um Worte ringen lässt. (Ich habe schon unbeholfenes Gestammel von ansonsten sehr eloquenten Menschen gehört, wenn sie ihr Erlebnis als UFO-Beobachter beschreiben wollten.) Da jede Wahrnehmung auch (sogar in erster Linie) ein psychischer Akt ist, bleibt mir zunächst als Möglichkeit des Be-Greifens des Un-Fass-Baren eine psychische Deutung der Wahrnehmung — mit interessanten Einsichten, denen natürlich leicht widersprochen werden kann.

Die bestimmende psychische Bedingung des Lebens ist das Eingebundensein des Einzelnen in einen abstrakten Prozess, der über der Gesellschaft abläuft. (Das liegt daran, dass Menschen soziale Wesen sind.) Die Psyche, also der eigentliche Kern des Menschseins, wird im heutigen gesellschaftlichen Prozess verleugnet, sprachlich mit der Verunglimpfung des »nur psychisch« abgewürgt und muss sich in ihren Äußerungen Nischen suchen, die den übermächtigen ökonomischen Rahmen der Gesellschaft nicht stören. (Wer wundert sich da noch, dass ein Viertel der Bewohner der Europäischen Union psychisch krank sind?) So kommt es, dass die abstrakte, kalte und lebensfeindliche Gesellschaft dem Einzelnen als etwas Fremdes und Monströses gegenübersteht, obwohl er doch selbst Teil dieses ihn verzehrenden Molochs ist — eine krankhafte Phase der Autophagie der Menschheit. Wer auch nur einen Funken Liebe zu sich selbst spürt — und der menschliche Narzissmus ist viel mehr als ein Funke — muss daran verzweifeln.

Es kommt zu einer Projektion des objektiven inneren Zustandes in die subjektiv wahrgenommene und damit für Wahr genommene Außenwelt. Die Monströsität der Seeungeheuer, Reptilien und prähistorischen Raubkatzen ist der Spiegel der Monströsität des gesellschaftlichen Prozesses; die Fremdheit der schnell als außerirdisch und damit auch unmenschlich erklärten Vorrichtungen ist der Spiegel der Entfremdung des Einzelnen von sich selbst; das traumatische Ausgeliefertsein in den (immer häufiger werdenden) UFO-Entführungsgeschichten findet seine Entsprechung im Zustand des Menschen gegenüber einem gesellschaftlichen Prozess; die Abstraktheit des Gegenübers in einfachen geometrischen Formen entspricht dem abstrakt gewordenen und damit seines sinnlichen Sinnes beraubten Leben; die Absurdität des traumatisch Erlebten ist eine treffliche Metapher des permanenten Traumas der erlebten Absurdität eines Daseins, dass der Möglichkeit des Lebens schon vor dem Tod beraubt wurde; die unpersönliche, mechanische Gestalt und Gewalt des Gegenübers trägt klar die Züge der technokratischen und bürokratischen Umwelt und Unwelt des Beobachters, das oft beschriebene hohe Tempo und die widernatürlich erscheinenden Flugbahnen der UFOs machen deutlich, dass der Mensch in diesem gesellschaftlichen Prozess nicht mehr Schritt halten kann.

Hier hinein würde passen, dass auch in der Vergangenheit (es gab selbstverständlich immer einen gesellschaftlichen Prozess, der den Strebungen des Einzelnen entgegenstand, er war aber noch nie in der Menschheitsgeschichte so abstrakt und monströs wie heute) solche Projektionen auftraten, die teilweise überliefert sind. Der Unterschied zu den heutigen Albtraumbildern besteht darin, dass es sich um »persönlichere« Bilder handelt: Um die alten Götter, die Feen, die Elfen. In ihrer Fremdheit waren diese Wesen doch nicht völlig fremd, in ihrer Macht waren diese Mächte nach dem Menschen gemacht, der damalige gesellschaftliche Prozess deckte sich noch zu großen Teilen mit den Bedürfnissen derer, die die Gesellschaft bildeten.

In diesem Zusammenhang ist es von alarmierender Tiefe, dass der erste abstrakte und damit völlig fremde Gott, der nicht mehr bildlich darstellbare und damit unvorstellbare JHWH des mosaischen Glaubens (der übrigens, wie sich in den älteren Teilen der Bibel nachlesen lässt, auf sehr bäuerliche Vorbilder zurückging, denen jede Abstraktion abging) ausgerechnet in einem Umfeld entstand, das von beinahe modernen und damit abstrakten Arbeitsbegriffen geprägt war: Unter semitischen Fronarbeitern im alten ägyptischen Reich. Dass sich diese Gottesidee am schnellsten und besten dort durchsetzte, wo das Individuum unterdrückt und den aufkeimenden Staatswesen und Wirtschaftszwängen untergeordnet wurde, ist kein Wunder. Ebenso wenig überrascht es, dass mit weiterem Fortschreiten und weiterer arbeitsteiliger Ökonomisierung des gesellschaftlichen Prozesses sogar die Anrede dieses Gottes mit seinem Namen verloren ging, sie stellte doch noch ein zu persönliches Gegenüber her.

So sind zwei Begebenheiten gut erklärlich geworden. Zum einen ist die seit dreieinhalb Jahrtausenden zu beobachtende Interessensgemeinschaft zwischen der religiösen Priesterschaft und den ökonomisch verpflichteten Staatswesen völlig natürlich und hat die gleiche Wurzel, egal, was einige hellsichtige Profeten dazu auch mit dunklen Worten gesagt haben mögen (diese sind auch oft nicht sehr alt geworden mit ihren staatsfeindlichen Worten). Zum anderen überrascht es auch nicht weiter, dass die »Papi«-Gottesidee eines gewissen Jesus aus Nazaret (er hat seinen Gott auf aramäisch als Abba angesprochen und seine Anhänger aufgefordert, es ihm gleich zu tun, dies ist ein liebevoller, konkreter und angstfreier Kosename, den man beim Lesen am besten mit einem Kosenamen überträgt) weder bei den Vertretern der Religion noch bei denen des Staates gut ankam (ganz im Gegensatz zu den Sanften und Zerschlagenen, an die Jesus seine Worte in erster Linie richtete) — und so wurden sich diese beiden gesellschaftlichen Kräfte allen sonstigen Differenzen zum Trotze schnell darin einig, dass man diesen Hetzer und Anarchisten mit einem verlogenen Scheinprozess und einer schmerzhaften und abschreckenden Hinrichtung aus dem Weg räumen muss. Mit Jesus war und ist eben kein Staat zu machen.

Es war Paulus, der Jesus wieder mit dem abstrakten, menschenfeindlichen und tödlichen Gott vereinte und so die christliche Religion stiftete, die anfangs die Armen und Sklaven ruhig hielt und später das Zeug zur römischen Staatsreligion hatte. Mit seinem Jesus, auf dessen Worte es gar nicht mehr ankam, weil er nur mit seinem Opfertod den gnadenlosen Zorn eines fernen Gottes sättigen musste, hatte man wieder eine gute Grundlage für einen Prozess, dessen Opfer (ob in der europäisch-amerikanischen Welt oder von dieser ausgebeutet) heute die gesamte Menschheit ist — ein Ende ist nicht abzusehen.

Der jüngste Schritt in dieser Entwicklung zum immer abstrakteren übergeordneten Wesen und Gegenüber (das eine Projektion des Verhältnisses des Einzelnen zu seiner Gesellschaft ist) war das Ersetzen der alten Gottesidee durch die Naturwissenschaft und die Massenkonsumgüter. In den Projektionen der unter diesem Diktat wesenden Menschen zeigt sich wie in einem Zerrspiegel der mörderische Faschismus der Jetztzeit.