Wider das Krankheitswesen

Ein p’litscher Dauerbrenner in der BRD ist die scheinbar immer wieder erforderliche »Reform« des so genannten „Gesundheitswesens“. Die bisherigen Änderungen des gesetzlichen Rahmens, die dem blöde blökenden Stimmviech als solche Reform verkauft wurden, waren allerdings lediglich Verlagerungen der Kosten des so genannten »Gesundheitswesens« weg von den kränkelnden Kassen der Bismarck’schen Zwangsversicherungen hin zu den jeweilgen „Kranken“. Der Gesamtzustand dieses »Wesens« wurde dabei weder besonders gewürdigt noch wurde über eine Neuordnung nachgedacht. Eine Beschreibung des jetztzeitigen „Gesundheitswesens“ werde ich hier abgeben – sein kostenintensiver Zustand wird dabei wie von selbst als logische Folge der beschriebenen Zustände erscheinen.

1. Es handelt sich nicht um ein „Gesundheitswesen“

Ich beginne meinen kleinen Rundflug mal bei jener Instanz des „Gesundheitswesens“, mit der jeder Mensch irgendwann einmal konfrontiert wird, nämlich dem Arzt.

Eigentlich gibt es genau zwei Gründe, weshalb jemand einen Arzt aufsucht.

Der erste Grund ist der häufigere und eine banale Folge des hier geltenden „Arbeitsrechtes“, er besteht darin, dass jemand einen gelben Zettel für seinen Arbeitgeber benötigt, wenn er sich den jeweiligen Anforderungen seiner betrieblichen Verwertung nicht gewachsen fühlt oder meint, von dieser Knochenmühle dringend ein paar Tage der Pause zu benötigen. Da hierzulande dem Menschen nicht zugetraut wird, dass er selbstständig über den Zustand seiner Gesundheit und Schaffenskraft entscheiden kann, wird diese Entscheidung an einen Arzt externalisiert, der dann die vorübergehende Arbeitsunfähigkeit bescheinigen muss.

Das ist an sich frech und schlimm genug, wenn man einmal darüber nachdenkt. Wie’s mir gerade geht, weiß ich selbst immer noch am genauesten – schließlich „stecke ich in mir drin“. Dennoch muss ich vor einem Arzt den Kasper machen, damit er mir und meinem Arbeitgeber dann bescheinige, wie’s mir geht und dass ich so nicht arbeiten kann. Traue ich meinem eigenen Urteil und rufe meinen Brötchengeber an, um ihn zu sagen, dass ich heute beim besten Willen nicht kann, so werden die meisten Ausraubbeuter dies als Grund zur Abmahnung oder Kündigung sehen. Also muss ich mein in der Regel zutreffendes Urteil über mich selbst von der scheinbaren Objektivität des externen ärztlichen Beurteilens absegnen lassen, um mich gegen diese Gefahr abzusichern. Wer sich solche Regelungen ausdenkt, der teilt damit sein Denken über die Menschen deutlich mit – und wer sich von solchem Denken nicht beleidigt fühlt, muss vom Selbsthass zerfressen sein.

Der zweite Grund ist ein bisschen logischer. Ich gehe zum Arzt, weil ich merke, dass ich krank bin und einer gewissen Hilfe zur Gesundung bedarf.

In beiden Fällen ist die Situation des Arztes die gleiche. Der Arzt hat ein berechtigtes Interesse daran, sein Tätigsein mit der Krankenkasse abzurechnen, und zu diesem Zweck muss er eine „Diagnose“ stellen. Diese Diagnose hat nichts mit dem körperlichen Zustand zu tun, der vom Arzt begutachtet wird, sie dient nur dem technokratischen Zweck der Rechnungsstellung. Durch das Stellen einer Diagnose wird aber aus jedem Arztbesuch eine Krankheit, die der Behandlung bedürftig ist.

Um diesen technokratischen Schwachsinn aufrecht erhalten zu können, werden gegebenenfalls neue Krankheiten erfunden, die dann diagnostziert werden können, etwa der „Reizdarm“, das „chronische Müdigkeitssyndrom“ oder der „psychovegative Erschöpfungszustand“. Keine dieser Diagnosen geschieht auf Grund „objektiver“ Messungen, es handelt sich immer um die Einschätzung eines Arztes. Damit der Unsinn solchen Diagnostizierens nicht gleich jedem auffällt, wird die Leere solcher Diagnosen hinter einem Wust griechischer und lateinischer Ausdrucksweisen verborgen.

Die diffuse Gestalt der „modernen“ Krankheiten führt dazu, dass beinahe jedem Menschen eine Krankheit diagnostiziert werden kann, die behandelt werden kann und dabei natürlich Kosten verursacht. Der Zustand „Gesundheit“ kommt innerhalb dieses Systemes nur noch als seltene Ausnahme vor. Und wenn sich jemand als „gesund“ erweist, so kann dies bestenfalls als Zeichen dafür angesehen werden, dass er noch nicht gründlich genug untersucht wurde.

Das so genannnte „Gesundheitswesen“ produziert Kranke. Der Begriff „Gesundheitswesen“ ist also vollkommen falsch, es handelt sich um ein Krankheitswesen. Das sollte bei allen folgenden Betrachtungen nicht vergessen werden.

2. Die Situation des Arztes

Der Arzt befindet sich innerhalb des Krankheitswesens in einer Situation, die einer kurzen Betrachtung würdig ist. Vieles, was ich an dieser Stelle schreibe, kann als Vorwurf verstanden werden, wenn diese Situation nicht bedacht wird.

Ein Arzt ist ein selbstständiger Unternehmer. Er ist nicht zum Vergnügen tätig, sondern wird wie jeder Mensch in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung von der Not angetrieben, Gewinn erwirtschaften zu müssen. Er hat mit seiner Praxis einen „Kostenapparat“ und natürlich möchte er sich über die Kostendeckung und das nackte Leben hinaus auch einen gewissen Wohlstand (dieses Wort ist einen ganzen Text wert!) erwirtschaften. Er hängt damit genau so in der Scheiße wie seine geplagten Patienten im Wartezimmer.

Das Problem dabei: Ein Arzt verdient nichts am gesunden Menschen; um Gewinn zu erwirtschaften, ist er auf Kranke angewiesen. Genauer gesagt ist er auf Menschen angewiesen, die sich „für krank halten“ und damit seine Leistungen benötigen.

Deshalb hat ein Arzt ein „gesundes Interesse“ daran, seine „Kundschaft“ für „krank“ zu befinden und sie in eine möglichst langfristige Behandlung einzubinden. Diese kleine Randbedingung des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses führt logischerweise dazu, dass ein Arzt alles tun wird, um Krankheiten auch dort zu diagnostizieren, wo sich Menschen in ihrer Selbsteinschätzung für gesund halten. Auf diese Weise werden Menschen zu Patienten. Aus der Sicht des Arztes ist derjenige Patient ideal, der wenig Arbeit macht und doch regelmäßig Geld in die Kasse spült – besonders geeignet sind hier also „Krankheitsbilder“, die mit einfachen Untersuchungen zu „überwachen“ sind und rein medikamentös behandelt werden; jede Untersuchung und jedes ausgestellte Rezept bringt ein paar Euros für die Arztpraxis.

Deshalb entsteht diese an sich sehr sonderbare Neigung zu schnellen Laboruntersuchungen. Ganze Ozeane von Blut werden den Menschen abgezapft und in die Labore verbracht. Ideal ist hier der „erhöhte Cholesterinspiegel“, er macht dem Arzt keine besondere Arbeit, ist mit einer sehr simplen Analyse im Labor fest zu stellen und schafft eine „dauerhafte Kundenbindung“. Behandelt wird hier nicht etwa eine Krankheit, sondern ein nicht normgerechter Analysewert – und da sich ein Mensch wegen einer kalten Zahl nicht gerade krank fühlt, wird das Schreckgespenst des frühen Herzinfarktes an die Wand gemalt, selbst wenn der Wert nur minimal über einen willkürlich und natürlich von Ärzten festgesetzten Grenzwert liegt. Ebenfalls sehr beliebt ist der „hohe Blutdruck“ – zumal inzwischen belegt ist, dass die bloße Situation einer ärztlichen Untersuchung den Blutdruck steigen lässt, was sehr praktisch ist, da es so viele Kranke gibt. Und die Behandlung besteht auch hier im regelmäßigen Ausstellen von Rezepten und Überwachen des Blutdrucks, um den Behandlungserfolg zu überprüfen. Da jede Blutdruckmessung für den so „Erkrankten“ einen gewissen Streß bedeutet, bleibt der Blutdruck auch sicher in behandlungsbedürftiger Höhe.

Nichts kann ein Arzt in seiner eigenen Not weniger gebrauchen als einen Menschen, der seine Gesundheit selbst einschätzen kann und eigenverantwortlich mit sich umgeht. Deshalb tut ein Arzt auch alles, um die Abhängigkeit von seiner Dienstleistung so groß wie nur möglich zu halten. Dies ist die wahre Ursache für das Verstecken nichtsiger Aussagen hinter einer barock aufgeblähten medizinischen Kunstsprache, die aus lateinischen, griechischen und englischen Versatzstücken zusammengebastelt wird. Und natürlich ist’s auch der eigentliche Grund für den wenig informativen Inhalt der meisten Gespräche zwischen Ärzten und Patienten; in der Regel spricht der Arzt hier nur von Laborwerten, die ihn „beunruhigen“ (Achtung Zynismus: in Wirklichkeit aber natürlich beruhigen, weil sie eine Goldgrube sind).

3. Konkurrenz belebt das Geschäft

Der Arztberuf hat (angesichts der beschriebenen Situation des Arztes unangemessenerweise) ein hohes gesellschaftliches Ansehen und ist finanziell fast so lukrativ wie die Demagogie. In der Folge ist die Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, für junge Menschen recht hoch – das soll natürlich nicht heißen, dass zu diesem Entschluss nicht auch ein gewisser Idealismus einen Beitrag leisten kann.

Und in der Folge gibt es trotz abschreckender Rahmenbedingungen außerordentlich viele Medizinstudenten. Und so viel auch gesiebt wird, verlassen viele dieses Studium mit der Berechtigung, als Arzt tätig werden zu dürfen.

Und dies führt weiter zu einer Überversorgung der Bevölkerung mit Ärzten. Der Druck auf den einzelnen Arzt, möglichst viele Kranke produzieren zu müssen, ist deshalb sehr hoch. In logischer Konsequenz entsteht eine aufgeblähte Apparatediagnostik, die in beinahe jedem Menschen irgendetwas von der Norm abweichendes finden wird, was kurzer Hand als behandlungsbedürftige Krankheit definiert werden kann. Entscheidend für den Erfolg des Arztes ist die langfristige Kundenbindung.

Die gerade entstehenden Möglichkeiten genetischer Diagnosen werden hier für einen großen »Krankenzuwachs« sorgen.

4. Erfundene Krankheiten

Um die Geldabschöpfungsmöglichkeiten weiter zu erhöhen, werden beständig neue Krankheiten erfunden oder normale Situationen des Lebens pathologisiert, also für krank erklärt.

Die Lebensabschnitte der Frauen sind hier schon gut ausgebeutet. Es beginnt damit, dass einer Frau schon in der Pubertät die Abhängigkeit von einem (beinahe immer männlichen) Frauenarzt (Doc Fummel) aufgeschwatzt wird, der sie regelmäßig untersuchen soll. Es geht weiter damit, dass mittlerweile beinahe jede Schwangerschaft als „Risikoschwangerschaft“ eingestuft wird, die besonderer ärztlicher Überwachung bedarf – ein „gesunder“ Verlauf ist eine sehr seltene Ausnahme geworden. Nachdem die Zeit des Gebärens vorüber ist, kommt der Lebensabschnitt der Wechseljahre, der selbstverständlich wie eine Krankheit medikamentös behandelt wird. Und im Alter muss sich Frau mit mancherlei Mittelchen gegen allerlei Fährnisse des Lebens helfen lassen, oder sie fällt regelrecht auseinander.

Unterbrochen wird dies von diversen operativen Eingriffen. Die moderne Frau von heute trägt keine Gebärmutter mehr, wenn sie nicht mehr gebären will. Schließlich ist das nutzlose Organ nur eine Krebsgefahr, also raus das kranke unnütze Fleisch! Hinzu gesellen sich in vielen Fällen ein paar kosmetische Eingriffe zur Beseitigung der normalen Spuren des Lebens. Und auch vor den Wechseljahren kann frau Hormone zur Unterdrückung der Regelblutung bekommen. Die so genannten Vorsorgeuntersuchungen sind auch immer eine gute Chance für den Arzt, etwas zu finden.

Das ganze weibliche Leben ist etwas, was durchgehend medizinisch behandelt werden muss. Frau sein bedeutet krank sein.

Bei einer solchen Betrachtung ist’s eigentlich kein Wunder, dass die meisten Frauen mit einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl herumlaufen. Dies führt natürlich wiederum zu Krankheiten. Eine unerschöpfliche Quelle des Umsatzes für das Krankheitswesen. Schade nur, dass einige Frauen da Selbstmord begehen, bevor ihnen ein Arzt die kleinen rosa Glücklichmacher aufschwatzt und damit eine langfristige Geschäftsbeziehung – sorry: ein langfristiges ärztliches Vertrauensverhältnis — begründet.

Beim Manne besteht hingegen noch ein gewisses Ausbeutungspotenzial. Dieses wird gerade bearbeitet. Inzwischen wird es schon als krank erachtet, wenn mann nicht jederzeit eine Erektion haben kann – und Viagra ist ein „ganz dickes“ Geschäft geworden.

4. Die Medikamentisierung der gesamten Gesellschaft

Nun, da das Krankheitswesen so viele Kranke produziert, muss zur Abschöpfung des Gewinnpotenziales auch eine Behandlung der vielen „Krankheiten“ her. Diese Behandlung ist beinahe ausschließlich medikamentös, zum Vorteil der Ärzte, denen diese Behandlung am wenigsten Arbeit macht, während sie dennoch hohen Umsatz bei guter Patientenbindung generiert.

In der Definition von neuen Krankheiten lässt sich beobachten, dass den Möglichkeiten der Pharmaindustrie gefolgt wird. Erektionsstörungen werden sehr viel häufiger von Ärzten diagnostiziert, seit es Viagra gibt – vorher galt es offenbar als normal, wenn mann nicht immer einen hoch bekam. Jetzt ist das Können ein Muss. Wir merken uns: Orgasmus kommt von Orgasmüssen…

Jeder ganz gewöhnliche Lebensabschnitt und jedes Hervorbrechen eines menschlichen Charakters kann als krankhaft definiert, von Ärzten diagnostiziert und medikamentös behandelt werden (Nein, die folgende Liste ist nicht vollständig. Ich habe meine Recherche abgebrochen, weil ich endlich etwas schreiben wollte):

Kind ist schlecht in der Schule? Dann hat’s wahrscheinlich ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, und dafür gibt’s hübsche Tabletten. Die fallen zwar als wirksames Aufputschmittel unter’s Betäubungsmittelgesetz (und sind deshalb in der Verschreibung für den Arzt etwas umständlich, da das Rezept in dreifacher Ausführung ausgeschrieben werden muss und der ganze Vorgang für zehn Jahre archiviert werden muss), aber zur Behandlung einer Krankheit kann auch ruhig mal ein bisschen Methylphenidat verabreichen. Da werden die Kleinen auch gleich pflegeleichter in der Schule – wohl auch ein Grund, weshalb sich der Verbrauch an diesem »Medikament« zurzeit jährlich verdoppelt, obwohl es bleibende Hirnveränderungen hinterlässt. Aber diesen Preis ist die wirksame soziale Kontrolle doch wert, oder?

Kind ist schwer erziehbar? In den USA der Hauptgrund, einem Kind „Prozac“ zu verschreiben. Das macht’s Erziehen auch gleich viel einfacher, egal, ob’s die Lehrer oder die Eltern sind, die da erziehen.

Traurig? Ängstlich? Da gibt’s viele Mittchel gegen. Inzwischen ist sogar die Trauer nach einem Todesfall eine anerkannte und diagnostizierbare Krankheit geworden, und diese kann bequem mit wirksamen pharmazeutischen Hirnweichspülern behandelt werden. Dies ist kein Witz, wer’s nachlesen will, der schaue sich die pathologische „Anpassungsstörung“ (ICD-10, F43) an.

Schüchtern? In den USA ist die „soziale Phobie“ eine diagnostizierbare Krankheit. Die „soziale Angststörung“ betrifft dort immerhin 13 Prozent der Bevölkerung und ist damit eine der häufigsten psychatrischen Störungen. Was haben die Menschen nur früher, ohne „Paxil“ gemacht? Wahrscheinlich waren sie einfach so, wie sie waren. Und lebte ich in den USA, mir hätten sie auch Paxil verschrieben, so schüchtern wie ich bin.

Frau hat Regel? Das ist vor der Regel gern das „prämenstruelle Syndrom“ (behandelbar mit „Sarafem“) und während der Regel sowieso eine erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung. Am besten, man unterbindet die Regelblutung gleich vollständig.

Schlaflos? Der Klassiker unter den diffuseren Krankheiten. Schließlich muss mensch in der Nacht schlafen, auch wenn ihm die Anforderungen seiner gegenwärtigen Lebensphase keine Ruhe mehr lassen. Niemand hat die Zeit, darauf zu warten, dass er von selbst müde wird. Deshalb her mit den wirksamen Penntabletten! Übrigens ist’s ein bemerkenswertes Zusammentreffen, dass die Schlaftablette und die Glühlampe im gleichen Jahr erfunden wurden.

Müde? Das könnte das „chronische Müdigkeits-Syndrom“ sein. Dass ein Mensch einfach nur erschöpft ist, das gibt’s nicht mehr in der Welt des Krankheitswesens. Also rein mit dem chemischen Wachmacher! Wenn man denn abends nicht mehr pennen kann, nimmt man halt ’ne Schlaftablette dazu.

Appetitlos? Das ist gefährlich, ganz zweifellos. Wenn’s anhält, könnte der Patient doch glatt verhungern, also muss die Appetitlosigkeit behandelt werden.

Übermäßiger Hunger? Das ist gefährlich, da droht unbehandelt das Übergewicht und der damit verbundene Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinspiegel. Gut, dass es Tabletten dagegen gibt, sonst würden wir alle früher sterben.

Wechseljahre? Gerade bei der Frau geht dieser Abschnitt mit ganz vielen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einher, die allesamt behandelt werden können und auch behandelt werden. Inzwischen hat man aber entdeckt, dass auch der Mann eine solche körperliche Umstellung erfährt – wir dürfen gespannt auf neue Krankheitsnamen und Tabletten warten. Und natürlich auf die groß angelegte Werbekampagne, damit die Männer auch damit anfangen, sich wegen normaler körperlicher Vorgänge für krank zu halten. Bei Frauen macht man diese Gehirnwäsche ja schon seit Jahrzehnten.

Angst vor Medikamenten, Nebenwirkungen von Medikamenten oder ärztlicher Behandlung? Diese angesichts der Situation völlig natürliche Reaktion ist natürlich eine behandlungsbedürftige Krankheit, eine besondere Form der Angststörung. Und zur Behandlung gibt es wirksame Medikamente.

Nebenwirkungen von Medikamenten? Nicht wenige Verschreibungen richten sich schließlich nur gegen die Nebenwirkungen der verschriebenen Medikamente. Da schluckt man doch gleich wieder sorglos seine bunten Pillen.

5. Zum Schluss

So lange ein Arzt in einer kapitalistischen Gesellschaft nur davon leben kann, dass die Menschen krank sind, haben wir hier ein Krankheitswesen, welches diagnostizierte und behandlungsbedürftige Kranke produziert. Den Preis dafür zahlen zum größten Teil die für alle Beteiligten praktischen Bismarck’schen Zwangsversicherungen, die Kranken zahlen aber immer mehr aus der eigenen Tasche hinzu.

Eine Reform kann nur damit beginnen, dass aus dem Krankheitswesen wieder ein Gesundheitswesen wird. Dies ist nur möglich, wenn der Arztberuf aus der kapitalistischen „Ethik“ der Gewinnmaximierung und des Wettberwerbes herausgenommen wird und ein Arzt fortan davon leben kann (und muss), dass die Menschen gesund sind. Das gesamte Verhältnis zwischen Arzt und Patient würde in der Folge ein anderes werden. Im Moment sieht man aber nicht das Krankheitswesen als Problem an, sondern die Kosten dieses kranken Zustandes für die kranken Kassen der Krankenkassen. So genannte „Reformen“ verlagern immer mehr von diesen Kosten auf den Kranken, und ein Ende dieses Prozesses ist noch nicht abzusehen. Die finanzkräftige Pharmaindustrie kann kein Interesse daran haben, dass die Medikamentisierung der Gesellschaft ein Ende nimmt – die Aktionäre der großen Unternehmen wollen schließlich eine Rendite sehen. Und zu diesen Aktionären gehören durch die „Reform“ der Rentenversicherung (Riester) auch immer mehr Investmentfonts, welche die Renten der Zukunft sichern sollen. Wer hier die P’litkaste bezahlt und damit Entscheidungen erkauft, sollte allgemein bekannt sein – oder sich wenigstens aus dem aufmerksamen Studium der Nachrichten oder Tageszeitungen erschließen.

Wenn man mitbekommt, dass der Zug, in dem man sitzt, gegen eine Wand gefahren wird, dann ist es Zeit, auszusteigen.

Diese Gesellschaft wird gegen die Wand gefahren. Das Krankheitswesen ist nur ein kleiner Teilbereich, den ich hier nicht einmal ausführlich „gewürdigt“ habe.