Das Jahr der Informatik

Und dann ist das noch das Jahr 2006, das nach dem großen Erfolg des „Einstein-Jahrs 2005“ wieder ein „Wissenschaftsjahr“ werden soll — jetzt aber das „Jahr der Informatik“.

Und dann sind da noch diese Vertreter der p’litischen Kaste, die in routinierter Rhetorik darauf hinweisen, was für eine wichtige Zukunftstechnologie doch die Informatik sei und die mit gut gespielter Besorgnis immer wieder die nachlassende Zahl der Studienanfänger in diesem Fach beklagen. Und natürlich werden diese Worte mit dem faden Gewürz nationaler Untertöne reichlich gewürzt werden.

Und dann sind da noch dieser Vertreter der Wirtschaftsverbände, die der gesamten deutschen Gesellschaft mit ihrem Genöle in den Ohren liegen, es gäbe hier im Bereich der !Informationstechnologie“ einen „Fachkräftemangel“ – und die es mit diesem Gelaber gar schon geschafft haben, dass die Regierung der BRD eigens für den Bedarf der bundesdeutschen IT-Industrie nach leicht verfügbarem Menschenmaterial flugs ein Sondergesetz für eine den Verhältnissen in den USA angelehnte green card geschaffen hat. Das Wort Menschenmaterial, das so fürchterlich faschistisch klingt, ist übrigens nicht meine Erfindung und es entspringt nicht meinem Zynismus. Es ist die Übertragung des branchenüblichen Begriffes human resources in die deutliche deutsche Sprache.

Und dann wird da wohl bald die groß angelegte Werbekampagne durch die Republik ziehen, mit viel Tamtam, multimedialem Firlefanz und Hochglanzprospekten der Bundesregierung und der Wirtschaftsverbände. Und sie wird junge Menschen, die in der für die Jetztzeit so typischen Zukunftsangst gefangen sind, umwerben, auf dass sie ein Studium der Informatik beginnen mögen. Und in diesen Prospekten werden alle Nebel- und Blendworte drinstehen, die diese Branche so zu bieten hat: Zukunft, Technologie, Karriere, Internet, Kompetenz, Information, Informationsgesellschaft – um mal ein paar ältere zu nennen. Oder: digital lifestyle, digital workstyle – um mal ein paar aktuellere Ausflüsse der Blendlaberer zu nennen. Die Worte wechseln auffallend schnell, während die darunter liegende Technik auffallend konstant bleibt; das ist ein klares Erkennungszeichen für die Menschenbeeinflussung durch Werbung und Propaganda.

Und dieses Schauspiel wird überall dort sehr präsent sein, wo die forschen Marktforscher in der Vorbereitung dieser Kampagne besondere Anballungen zukünftiger Abiturienten und damit möglicher Studienbeginner vermuten. Und das Ziel, Menschen zu einer bestimmten Studienentscheidung zu bewegen, wird auch der stumpfesten Einsicht nicht verschlossen bleiben können. Dennoch wird sich kaum jemand die Frage stellen, wen diese so allsinnlich vorgetragenen Beglückungsideen nun nützen sollen.

Und wenn Sie jetzt ein mögliches Zielpublikum für diese Kampagne sind; wenn Sie demnächst ihr Abitur machen und noch beeinflussbar in Ihrer eventuellen Studienwahl sind; wenn Sie an das große Geld glauben, das dadurch entstehen soll, dass ein Computer rattert, während Sie sich ausruhen – denken Sie bitte noch einmal nach! Hören Sie vielleicht auch meinen Rat, der sehr anders klingt als das Geschwafel der Informatikbejubler:

Und fangen Sie kein Studium der Informatik an!

Außer natürlich, Sie lieben wenig stabile Lebensverhältnisse und ziehen bis zu drei Mal im Jahr um; leben also gern wie ein Nomade, nur mit deutlich mehr Gepäck. Dann wird es Ihnen nichts ausmachen, dass Sie je nach aktuellem Bedarf eingestellt und gefeuert werden und lustig durch die Republik tingeln. Heiraten sollten Sie sich besser abschminken, und an Kinder ist gar nicht zu denken. Aber Kinder sind ja auch nicht so modern wie diese geilen geilen Maschinen. Und wer will schon so etwas wie eine Familie, wenn er die warme Gemeinschaft des Internet erlebt?

Und außer natürlich, Sie haben nichts dagegen, dass die Verdoppelung der im Arbeitsvertag festlegelegten Wochenarbeitszeit im Zweifelsfall eine unbezahlte Selbstverständlichkeit ist, die still schweigend von Ihnen erwartet wird. Und auch die vertraglichen Arbeitsstunden werden Ihnen des Öfteren nicht bezahlt, so dass Sie Ihrem sauer erarbeiteten Geld hinterherrennen können und Sie dennoch monatelang auf Ihrem ganzen Kostenapparat (Miete, Ratenzahlungen, Strom, Heizung etc.) sitzen bleiben und ganz unerwartet hoch verschuldet sind. Es gibt nicht nur Arbeit bei Siemens, und die meisten Unternehmer dieser Branche scheinen eher die Meinung zu vertreten, dass es ein Fehler ist, den Menschen für ihr „Computerhobby“ auch noch Geld zu bezahlen.

Und außer natürlich, es stört Sie nicht weiter, dass die Kommunikation in denjenigen Unternehmen, die immer von Kommunikations-Technologie sprechen, miserabel ist und dass die Programmierer deswegen einen Großteil ihrer Überstunden damit zubringen, die unhaltbaren Versprechungen irgendwelcher Kaufleute unter Zeitdruck umzusetzen, die sich jeden Tag auf’s Neue als technische Analphabeten erweisen. In der Regel wird einer von diesen technischen Analphabeten ihr Chef sein, und der ist zudem oft noch cholerisch.

Und außer natürlich, es ist Ihnen egal, dass Sie wegen Ihrer Arbeitsbedingungen jeden Tag am Rechner sitzen und sich widerlichen, ungenießbaren und ungesunden Mikrowellen-Fraß reinschaufeln. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Umgebung sein, in der das die Normalität ist; und wenn Sie lieber „etwas Richtiges“ essen wollen, wird man Sie mit Misstrauen beäugen. Der Mensch, der sich die weiche, labberige, schmierige Pizza aus der Mikrowelle mit kaum unterdrücktem Widerwillen reinfrisst, ist meistens der Administrator.

Und außer natürlich, es macht Ihnen auch nicht aus, dass Arbeitnehmerrechte in Ihrem Umfeld irrelevant sind, dass Gewerkschafter nicht eingestellt oder schnell wieder gefeuert werden und dass sich diese Situation nach der gerade von der großen Koalition beschlossenen Abschaffung des Kündigungsschutzes – sorry, der Ausweitung der Probezeit auf zwei Jahre – noch verschärfen wird.

Und außer natürlich, Sie finden es eine schöne Lebenseinstellung, anderen Menschen immer wieder in’s Angesicht mit vollem Bewusstsein Lügen zu erzählen — zum Beispiel den Kunden Ihres Arbeitgebers, denen Sie mit Ihrer „technischen Kompetenz“ irgendeine nicht funktionierende oder unfertige Scheiße andrehen sollen, die Ihren Arbeitgeber etwas reicher macht. Aber wenn man selbst so viel belogen wird, wie Sie es jeden Tag bei ihrer Arbeit erleben werden, dann wird man auch stumpf gegen einen solchen Missbrauch der menschlichen Haltung des Vertrauens. Deswegen auch das technische Wort vom und die technischen Lösungen zum customer relationship management, es ist eben ein technischer Vorgang.

Und außer natürlich, die persönliche Aussicht, mit fünfunddreißig Jahren Stammkunde bei ihrer Arbeitsagentur zu werden, weil Sie wegen Ihres „hohen“ Alters keiner mehr einstellen will, erscheint Ihnen erstrebenswert. Immerhin, da haben Sie dann endlich einmal Zeit für sich selbst, wenn Sie hochverschuldet und vielleicht auch mit ein paar psychosomatischen Zipperlein von den Almosen der Elendsverwaltung leben und gelegentlich auf zu einem Bewerbungstraining gezwungen werden, wo Ihnen ein ziemlich unkundiger Dozent erklärt, wie man eine schriftliche Bewerbung mit Word schreibt. Da haben Sie dann sogar mal wieder Zeit, gründlich eine gute Zeitung zu lesen; ich empfehle die Frankfurter Allgemeine oder die Neue Zürcher, das sind noch einigermaßen lesenswerte Zeitungen. Und da können Sie als weggeworfener Informatiker dann immer wieder mal lesen, dass es in der IT-Branche einen Fachkräftemangel in Deutschland geben soll. Sie werden das zwar nicht glauben, wenn Sie während Ihrer Wartezeiten auf der Elendsagentur so um sich schauen, aber die breite Masse des blöde blökenden Stimmviehs und die Pawlowschen Geistesschwachen aus der p’litischen Kaste werden es glauben. Und das ist die einzige Zielrichtung dieser Meldungen. Sie sind uninteressant geworden, und junge Experten aus Indien und Russland arbeiten viel billiger als Sie.

Kurz: Wenn es ihnen nichts ausmacht, nur ein Stück Menschenmaterial zu sein, eine leicht austauschbare und völlig würdelose Batterie im betrieblichen Produktionsprozess, dann sind Sie im Informatikstudium und in den sich daraus ergebenen Karrieremöglichkeiten Berufsmöglichkeiten Möglichkeiten der unwürdigen Maloche genau richtig aufgehoben.

Aber sagen Sie jetzt nicht mehr, Sie hätten ganz andere Vorstellungen davon gehabt! Sie sind gewarnt worden, und das hoffentlich deutlich genug.

Und zwar von

Elias Schwerdtfeger
einem weggeschmissenen Informatiker

Nachtrag vom 23.11.2006: Einge Menschen haben diesen Text bei seiner Erstveröffentlichung für eine Satire gehalten. Es ist keine Satire. Alle beschriebenen Ereignisse habe ich als Informatiker selbst erlebt. Das gilt auch für die Mikrowellen-Pizza, die erlebte ich sogar drei Mal als regelmäßiges Notessen eines Administrators. Glauben sie ja nicht, dass sie in einem Programmierbetrieb eine anständige Küche vorfinden.

Tatsächlich bin ich nach meinem „Verbrauch“ in dieser Branche hochverschuldet. Seit ich vom Betteln lebe, muss ich wenigstens nicht mehr hungern. Und auch das ist keine Satire, sondern tägliche Realität in der BRD.

7 Kommentare

  1. Hallo Elias

    Das kann ich alles nur unterschreiben. Ich bin Informatikerin und war über zehn Jahre in internationalen Unternehmen als Projektleiterin und Beraterin tätig. Die meisten Kollegen von mir die Familie hatten, sahen diese pro Woche für 20 Min. und hatten eine liebe Hausfrau, welches ihr Life Management schmiss. Ich als Frau hatte das natürlich nicht.
    Meine Konsequenz war, dass ich zu einem Work Life Balance freundlicheren Unternehmen gewechselt habe.

    Jetzt aber kommt der Hammer: Ich bin vor kurzer Zeit nierenkrank geworden. Obwohl ich eine international geschätzte Kapazität bin, und das Unternehmen sagt, dass sie kaum wieder einen so qualifizierten Kandidaten finden wie mich (zu recht), können sie mein Pensum nicht auf 50%-70% reduzieren. Was für ein Witz ist das?

    Unter diesen Umständen würde ich alle jungen Menschen vorwarnen, dass es als InformatikerIn nur sehr schwer möglich ist, Teilzeit zu arbeiten. Deshalb nur geeignet für Väter, die das Vatersein als reinen Produktions und Versorgungsakt verstehen, für Mütter ist der Beruf sowieso nicht geeignet (eine der besten international erfahrenen Programmiererinnen die ich kenne ist jetzt Mutter und HAUSFRAU).

    Der Job des Informatikers ist nicht beständig: man kann ein Jahr an einem Projekt gearbeitet haben, aber dann wird es abgesägt: game over. Und wer sich nicht konstant weiterbildet, bleibt auf der Strecke. Und wenn man auf das falsche Pferd gesetzt hat (wie aktuell viele Lotus Notes Programmierer) ist man auch schnell am Ende.

    Retrospektiv hätte ich lieber einen frauenfreundlicheren Beruf studiert. Als Frau und Informatikerin komme ich mir sehr verarscht vor.

  2. […] Habe ich doch schon anlässlich des „Jahres der Informatik 2006″ gesagt… […]

  3. […] Fachkräfte” gewonnen werden sollen. Ob die sich wohl eher für den ganz speziellen Informatik-Lebensstil begeistern […]

  4. […] Angesichts des heutigen PResseerklärungs-Bullshits der Bitkom Research, dass deutsche Unternehmen Nachwuchssorgen und einen “Fachkräftemangel” haben, möchte ich nur kurz die Gelegenheit nutzen, noch einmal auffällig zu verlinken, was ich am 18. Januar 2006 zum Bullshit “Jahr der Informa…. […]

  5. […] ihr hattet doch erst 2006 euer “jahr der informatik”… oder vielleicht doch lieber mal ein aktuelles zitätchen aus dem […]

  6. […] schauen, ob demnächst mal wieder ein Jahr der Informatik ausgerufen […]

  7. […] hej, euch fehlen IT-fachkräfte? War das „jahr der informatik“ 2006 denn überhaupt nicht erfolgreich? Na sowas aber auch! Ach, die es gibt, die wollen auch angemessen […]


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