Pressefreiheit

[…] „Bild“ ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Der Schulterschluss „Spiegel“ und Springer-Konzern wurde unter „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust so richtig eingeübt. Und das hielt sich bis jetzt Ende Februar, als völlig überraschend ein doch recht kritischer „Spiegel“-Titel der „Bild“-Berichterstattung gewidmet war. Bis dahin wurde entweder kooperiert oder wenigstens Stillschweigen und Waffenstillstand gewahrt. Sie lasen im „Spiegel“ und vielen anderen Medien kaum noch etwas Kritisches über „Bild“. Die wenigen Verlage, die inzwischen das Mediensystem in Deutschland beherrschen, tun sich nichts mehr. Oder sie paktieren und starten regelmäßig gemeinsame Kampagnen wie „Bild“ und „Burda“ — wie zur Zeit die monatelange Hetze und Vorverurteilungen im Kachelmann-Prozess. Das ist beängstigend für die Pressefreiheit in Deutschland. […] Ich denke, die Gesellschaft hat sich in Richtung Entpolitisierung bewegt. Das Ausmaß an Desinformation und Nichtinformation hat beängstigende Ausmaße angenommen. Und in einem solchen Klima werden aufklärende Medien zu Outlaws, während „Bild“ sich darin wie ein Fisch im Wasser bewegen kann.

Günter Wallraff in den NachDenkSeiten

Wie Zwangsarbeit

Die Angst geht um. In vielen Branchen herrscht eine Willkür, da fühlten sich viele wie im Straflager. Bei meiner letzten Recherche in der Brotfabrik, sagten Kollegen zu mir: Hoffentlich werden wir bald entlassen. Ich fragte: Warum kündigst ihr denn nicht? Dann kriegen wir eine Sperre vom Arbeitsamt. Das ist wie Zwangsarbeit. Beim Callcenter werden die Leute hin verpflichtet, obwohl sie zu Betrügern ausgebildet werden. Aber sie können nicht ablehnen, sonst kriegen sie die Sperre. Mit Langzeitarbeitslosen kann man machen was man will. […] Da herrscht völlige Rechtlosigkeit. Menschen, die wie Ware angemietet werden, als Lückenbüßer, Manövriermasse. Die sind die ersten, die jetzt auf der Strecke bleiben.

Günther Wallraff