Die sich für „unbetroffen“ Haltenden

Er sagte:

Was mich echt traurig macht ist, dass die NSA-Affäre hier in Deutschland so kleine Wellen schlägt und 95% der Bürger kalt lässt

Und ich erwiderte:

Die meisten Menschen halten sich für unbetroffen.

Sie sagen sich: Mein Facebook, das ist öffentlich. In meinen Mails kann jeder lesen. Das ist kein Problem.

Sie denken sich: Ich nutze das Internet zum Vergnügen, als eine Art zweiten Fernseher. Die, die das Internet anders nutzen, sind eine kleine (und anders als ich möglicherweise sogar eine radikale und gefährliche) Minderheit.

Übrigens verstehen die so Denkenden auch nichts von Technik. Jedenfalls nichts von der Technik im Computer, und nichts von der Technik des Internet. Sie verstehen noch weniger davon als ich. Sie verstehen nichts davon.

Sie lesen in der Presse vom „Internet“, und dieses Wort beschreibt eine schwarze Box, in der irgendein Feenstaub ist, der Facebook, Google und Katzenbilder entstehen lässt.

Sie denken beim Wort „Internet“ zum Beispiel nicht an ihr Telefon. Nein, ich meine jetzt nicht das mit dem Internet offen verheiratete Wischofon, ich meine das Festnetz.

Ich weiß nicht, wie viel Telefonie in der BRD in Wirklichkeit IP-Telefonie ist, die in einer Weise übers Netz geroutet wird, die am Endgerät nicht nachvollzogen werden kann. Ich kann ja nicht einen traceroute zur anderen Telefonnummer machen. Ich schätze den Anteil des IP-gestützten Telefons inzwischen für hoch ein (weil es die Vermittlungstechnik vereinfacht und damit Kosten spart), und demnächst, 2016 ist nach meinem Wissen geplant, wenn die Deutsche Telekom als Spätgebärende auch endlich vollständig auf IP-gestützte Telefonie umsteigt, wird der Anteil in der BRD nahe hundert Prozent liegen.

Darüber laufen die Gespräche, bei denen man ungern einen Zuhörer dabei hat. Die kleinen Geschäftchen des Alltags. Aber auch die problemgeladenen Schmutzwäschegespräche über und mit der Ex, die Gespräche mit der alkoholkranken Tochter und die zermürbenden Gespräche mit dem sterbenden Vater.

Dass Spracherkennung inzwischen ein Niveau erreicht hat, das Telefonie auswertbar macht, zeigen Siri und vergleichbare Produkte.

Diese ganzen persönlichen Gespräche können im Hintergrund ausgewertet werden. Von einem anonymen, technokratischen Regime, dessen Maßstäbe unbekannt sind. Sie werden natürlich zunächst „nur“ nach Merkmalen durchsucht: Häufigkeit der Gespräche, bestimmte Schlüsselwörter, etc. Und wenn diese Merkmale dann nach den unbekannten Maßstäben des kryptokratischen Überwachungsapparates „interessant“ werden, dann setzt sich jemand hin und hört sie ab, macht seine Notizen, holt die früheren Gespräche aus dem riesigen Archiv der Weltkommunikation, redet mit seinen Kollegen darüber; vielleicht lachen sie sogar minutenlang, wenn der verreckende Vater seinen letzten Odem aushustet und ein unfreiwillig komisches Wort fällt. Was sie machen, diese Schergen des derzeitigen Faschismus, was sie jeden Tag als abstrakte Arbeit machen, das macht stumpf und herzlos.

Das Gift ist längst schon im Persönlichsten eingesickert. Und wir essen davon, jeden verdammten Tag.

Aufgabe des Journalismus — wenn er sich nur einmal als etwas anderes als eine Vermarktung von Reklameplätzen verstehen würde — wäre es, so etwas den Unkundigen aufzuschließen, damit sich Unwissen in Wissen verwandelt und damit sich in den gewachsenen und geschaffenen Zuständen bei den Menschen eine Meinung bildet, wie sie in Zukunft leben wollen. Aufgabe des Journalismus wäre es, zu informieren und zu politisieren, und nicht zu unterhalten und Reklame zu transportieren.

Stattdessen ist vom Internet die Rede. Ohne Erläuterung der Tragweite.

Und die Menschen halten sich für unbetroffen. (Und glauben sogar oft, dass die Betroffenen der Überwachung schon „die Richtigen“ sind, denn wer viel mit „diesem Internet“ macht, ist ein bisschen suspekt.)

Einige werden erst merken, was los ist, wenn an sich traurige, aber dabei unfreiwillig komische Gespräche von einem kecken Mitarbeiter der faschistischen Weltüberwachungsdienste auf Soundcloud hochgeladen werden, um sich anschließend viral zu verbreiten. Oder wenn ein Videomitschnitt der „schnellen Nummer“ mit der Kamera der im Wohnzimmer herumstehenden und selbstverständlich mit Kamera ausgestatteten Smartglotze als Amateur-Porno die Runde macht.

Woher sollten sie es vorher anders wissen, wenn sie es nicht wissen gemacht werden. Das Internet ist für sie nur dieses unverstandene Ding, mit dem einige Leute zu viel Zeit verbringen… dass ihnen aber vor allem einen frischen Strom der Unterhaltung bringt; Ablenkung und Trost im beschädigten Dasein.

Deshalb halten sie sich für unbetroffen. Weil sie es für ein Problem anderer Leute halten. Würden sie merken, wie tief die ganze Scheiße schon jetzt in ihr Leben hineinragt, dann würde vermutlich sogar die kommende Bundestagswahl noch einmal interessant.

Der kleine Kreis von Milliardären, für den die Pressefreiheit ein Recht ist — nämlich das Recht, die eigene Meinung industriell vervielfältigen zu lassen, um sie in die Köpfe der Gesamtbevölkerung zu stempeln — hat aber kein Interesse daran, dass die kommende Bundestagswahl noch einmal interessant wird.

Und deshalb ist die gesamte Berichterstattung darauf ausgelegt, für möglichst viele Menschen den Eindruck zu erwecken, sie seien nicht betroffen. Deshalb ist vom „Internet“ die Rede. Deshalb sind 95 Prozent der Menschen desinteressiert.

Wenn da nicht einer „Feuer“ schreit, dann merkt manch einer erst, dass das Haus brennt, wenn die Flammen schon seinen Körper fressen.

Ehemaliger NSA-Agent wirft Merkel Heuchelei vor

Der im Folgenden vollständig zitierte Text mit der Autorenangabe dpa/jay war heute Nacht für wenige Stunden auf der springerschen „Welt Online“ verfügbar, ist aber inzwischen verschwunden. Obwohl es sich bei der Quelle der Meldung lt. „Die Welt“ um die DPA handelt, ist keine andere Version des Textes verfügbar, wie mir einige Suchen mit Phrasen aus diesem Text in Google News gezeigt haben. Es entsteht schon der leise Verdacht, dass dieser Text von den Milliardären, die in der BRD Presse machen, im laufenden Wahlkampf als „störend“ empfunden wurde und dass die automatische Übernahme aus dem NITF-Feed der DPA deshalb still korrigiert wurde.

Eine gespiegelte Version dieses Dokumentes der Gegenwartsgeschichte aus dem Google-Cache kann in den nächsten Wochen auch als ZIP-Archiv heruntergeladen werden¹. Angesichts der Tatsache, dass hier mit Leichtigkeit das proklamierte Urheberrecht für ein Verschwindenlassen von Informationen eingespannt werden kann, bitte ich um Mirrors überall im Internet.

Ehemaliger NSA-Agent wirft Merkel Heuchelei vor

Deutschland soll den US-Geheimdienst seit Jahren heimlich mit Daten versorgen. Das behauptet ein ehemaliger NSA-Agent. Die Empörung deutscher Politiker über die USA sei daher pure Heuchelei.

Eine Reihe europäischer Länder hat nach Angaben der britischen Zeitung „The Guardian“ regelmäßig aus digitaler Kommunikation gewonnene Daten an die US-Sicherheitsbehörde NSA weitergegeben. Auch Deutschland soll sich daran beteiligt haben. Das berichtet das Blatt unter Berufung auf Enthüllungen eines ehemaligen NSA-Mitarbeiters in dem Internet-Blog „PrivacySurgeon.org„.

Bei dem Informanten handelt es sich um Wayne Madsen, Ex-Offizier der US Navy. Er hat von 1985 an für die NSA gearbeitet und dort in den folgenden zwölf Jahren mehrere hohe Positionen innegehabt. Neben Deutschland und Großbritannien sollen Madsen zufolge auch Dänemark, die Niederlande, Frankreich, Spanien und Italien entsprechende „geheime Deals“ mit Washington haben. Sie sollen sich verpflichtet haben, auf Aufforderung Daten aus der Internet- und Mobilfunkkommunikation an die NSA auszuhändigen.

Madsen sagte, er habe diese Angaben nun publik gemacht, da europäische Regierungen in den vergangenen Wochen „nur die halbe Wahrheit“ über ihre Kooperation mit den US-Sicherheitsbehörden erzählt hätten, die Jahrzehnte – teilweise bis in die Zeit des Kalten Kriegs – zurückgehe. Alle sieben genannten Länder hätten Zugang zu einem transatlantischen Glasfaserkabel, das ihnen erlaube, große Datenmengen, darunter Informationen über Telefonate, E-Mails und die Nutzung von Webseiten abzuzapfen, sagte Madsen.

Der Geheimdienst-Mitarbeiter sagte zudem, er sei überrascht über die „Heuchelei“ führender europäischer Politiker, die sich schockiert über die geheimdienstlichen Aktion der Briten und Amerikaner gezeigt hätten. Vor allem die Reaktionen in Deutschland seien Madsen schleierhaft: „Ich kann nicht verstehen, wie Angela Merkel dabei ernst bleiben kann, wenn sie von Obama und Großbritannien Aufklärung verlangt, obwohl Deutschland selbst eben diesem Netzwerk beigetreten ist“.

„Merkel verhält sich wie Inspektor Reynaud“

Madsen ging soweit zu sagen, Merkel verhalte sich wie Inspektor Reynaud in „Casablanca“. Dieser war in dem legendären Film französischer Polizeichef in Casablanca. Reynaud arbeitete mit zwielichtigen Methoden, empörte sich aber öffentlich gern über das Verhalten anderer.

Unterdessen haben führende EU-Politiker empört auf Meldungen reagiert, wonach der US-Geheimdienst NSA gezielt die Europäische Union ausgespäht haben soll. „Wenn diese Berichte wahr sind, ist das abscheulich“, sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn Spiegel Online. „Die USA sollten lieber ihre Geheimdienste überwachen statt ihre Verbündeten. Wir müssen jetzt von allerhöchster Stelle eine Garantie bekommen, dass das sofort aufhört.“

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) forderte genauere Informationen. „Aber wenn das stimmt, dann bedeutet das eine große Belastung für die Beziehungen der EU und der USA“, sagte er dem Nachrichtenportal. Manfred Weber (CSU), stellvertretender Fraktionsvorsitzender der EVP und Sicherheitsexperte im Europaparlament, nannte es inakzeptabel, wenn europäische Diplomaten und Politiker in ihrem Alltag ausspioniert werden. „Das Vertrauen ist erschüttert.“

NSA soll Wanzen in EU-Büros installiert haben

„Das Ausspionieren hat Dimensionen angenommen, die ich von einem demokratischen Staat nicht für möglich gehalten habe“, sagte Elmar Brok (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments. Europas geplantes Freihandelsabkommen mit den USA hält er für gefährdet. „Wie soll man noch verhandeln, wenn man Angst haben muss, dass die eigene Verhandlungsposition vorab abgehört wird?“

Der „Spiegel“ hatte zuvor berichtet, die NSA habe EU-Einrichtungen in Washington, New York und Brüssel ausgespäht. Der Geheimdienst habe Wanzen versteckt und interne Computernetzwerke infiltriert.

Freundlicherweise hat „Die Welt“ ihre Quellen verlinkt, so jeder diesen Artikel den Originalquellen gegenüberstellen kann, wenn Zweifel aufkommen sollten…

¹Das ZIP ist bei BayFiles hinterlegt und wird nach einem Monat ohne Zugriffe gelöscht. Die Ausbreitung dieses archivierten Textes über mehrere Plattformen ist Absicht.