Mit „Wissenschaftlern“ gegen die Wahrheit

Die beiden Zeitungsartikel von prominenten Wissenschaftlern und Wissenschaftsfunktionären bildeten nur den Auftakt zu einem erstaunlichen publizistischen Engagement, das bis zum Verhandlungstag vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf ungebrochen fortgesetzt wurde. Dabei setzten die Wissenschaftsgrößen nicht etwa auf Transparenz, indem sie überprüfbare Argumente vortrugen. Sie warfen vielmehr das ganze Gewicht ihrer Autorität in die Waagschale, und dieser Autorität musste man schon Vertrauen schenken, wenn man Wissenschaft in Deutschland für ein prinzipiell funktionsfähiges System zur Unterscheidung von wahr und unwahr halten wollte. Wie hätten diese Funktionäre es sonst bis an die Spitze des deutschen Wissenschaftsbetriebs schaffen können? Sie nutzten auch nicht bloß ihre persönliche Autorität, sondern äußerten sich regelmäßig ausdrücklich im Namen einflussreicher Wissenschaftsorganisationen, in denen sie wichtige Funktionen ausfüllten. Zu ihrem Problem wurde aber, dass sich immer dann, wenn man die öffentlich vorgetragenen Begründungen zur Entlastung Schavans von Plagiatsvorwürfen einer sachlichen Überprüfung unterziehen konnte, das Gegenteil des von den Wissenschaftsfunktionären Behaupteten als richtig erwies. Zuletzt hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf alle Argumente, die Schavan hätten entlasten können, eingehend geprüft. Es blieb nichts übrig außer Arglist.

Blamiert hat sich in der Causa Schavan daher weniger Annette Schavan, die einfach nur mit allen Mitteln versucht hat, ungeschoren aus der Sache herauszukommen. Das ist verständlich und in Plagiatsfällen die Regel, denn niemand gesteht gern tiefgreifendes Versagen und Gewissenlosigkeit ein, viele nicht einmal sich selbst. Vielmehr haben sich die Wissenschaftsorganisatoren blamiert, die mit bis zur Absurdität reichenden Begründungen versuchten, die Interessen ihrer Brotherrin durchzusetzen. Wenn das Wissenschaftssystem in Deutschland immer so funktioniert, dann hat es weder seinen Namen verdient, noch die Steuermittel, die Bund und Länder alljährlich zu seiner Finanzierung aufbringen.

So ungern ich politische Parteien verlinke, Quelle ist Piratenpartei Deutschland: ‚Die Causa Schavan – nur eine Plagiatsaffäre?‘. Der Klick lohnt sich, und der Text kommt auch von einem sehr guten Gastautor.

Was gibt’s Neues von Schavan?

Erbloggtes

Erstrebte Schavan die erneute Intensivierung des zuletzt zähfließenden öffentlichen Diskurses über sie und ihre Doktorarbeit, oder war das nur ein unterschätztes Nebenprodukt der an sie gegenwärtig von außen gestellten Anforderungen? Erfreulich ist jedenfalls, dass die Befassung Schavans mit Bildungsthemen offensichtlich prompt Widerstand hervorruft, so dass man sie kaum wieder als Ministerin einsetzen kann.

Professor Hose, der Senatsvorsitzende der LMU,

Ursprünglichen Post anzeigen 523 weitere Wörter

Zitat des Tages

[…] kommt Kuhlen auch zu dem Ergebnis, dass im Falle eines „Verbleibens“ des Verteidigungsministers in der Politik „Äußerungen z.B. von der Kanzlerin oder der Justizministerin zum geistigen Eigentum kaum mehr als Grundlage für die politische Regulierung des Urheberrechts ernst genommen werden“ können. […] Offen ist allerdings auch, ob das die Politik und die Verwerter ebenfalls so sehen: Auf Rücktrittsforderungen oder Stellungnahmen aus der Rechteinhaberindustrie wartet man bisher nämlich vergeblich.

Telepolis: Der Fall Guttenberg als Beleg für die Notwendigkeit von Open Access