Halbmast

Hannover ist keine kleine Stadt. Und Hannover trägt den Titel „Landeshauptstadt“ nicht etwa, weil der Name der Stadt sonst zu kurz wäre, sondern weil da viele große Behörden drin stehen, in denen dafür gesorgt wird, dass die Armen arm und die Besitzenden reich bleiben; Häuser, bei denen die Eingänge dem Menschen schon zeigen sollen, wie klein und marginalisiert er ist. Als Obdachloser, der langsam zu Fuß durch die Straßen der Stadt geht, kenne ich den Anblick zu gut. Zu jedem dieser Häuser gehört ein Parkplatz, auf dem vor allem die ziemlich dicken Dienstwagen derer herumstehen, denen die Befindlichkeit der Menschen fern und scheißegal ist, ein Haufen Kameras, die das Gebiet um diese Häuser überwachen und ein paar hohe Mastpimmel, auf denen die Fahnen hochgezogen werden, die Mordtücher für Europa, die BRD und das Bundesland Niedersachsen.

Ein sonniger Tag war heute, und trübsinnig ging ich durch die vertrauten Anblicke. Doch ich sah etwas, was mich zunächst freuen ließ: Vor jedem dieser Vergewaltigungshäuser waren die Fähnchen nur auf halber Höhe hochgezogen, sie haben halbmast beflaggt, als wäre eine staatliche Trauer angeordnet worden. Das ist im Allgemeinen ein Zeichen dafür, dass endlich einmal wieder einer dieser Menschen gestorben ist, auf deren gieriges und verlogenes Leben jemand wie ich oder jeder meiner Freunde gut verzichten kann. Und das ist eine Vorstellung, die mir durchaus gute Laune bereiten kann — man hat ja sonst nicht viel Grund zur Freude. Mein Gang bekam etwas hüpfendes, fröhliches, während ich mich durch einen übermüdeten und frierenden Tag schleppte, und ich vertrieb mir die Zeit mit der fröhlichen Frage, welches Arschloch wohl heute verreckt sein könnte.

Leider ist überhaupt kein Arschloch verreckt, wie mir am Abend schnell klar wurde. Es handelte sich um eine Inszenierung, und als Anlass hierzu nahm man den Mordlauf von Winnenden. Denn dort gab es heute den pompös zelebrierten Trauergottesdienst, der mit feierlichen und starken Gesten begangen wurde, damit die Arschlöcher ihre professionell gespielte und geheuchelte „Betroffenheit“ mal so richtig vor den Kameras darbieten konnten, die diese Lüge in jedes deutsche Wohnzimmer tragen. Alle waren sie da, zugegen bei einem Ereignis, dass erst durch eine blutgeile Berichtverspottung in allen Mistmedien mit genügend Mana aufgeladen wurde, um zu einer solchen Inszenierung tauglich zu werden. Ja, alle waren sie da, die durch ihr tägliches Tun dafür Sorge tragen, dass die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit vieler Menschen immer unerträglicher wird. Und der Bi-Ba-Bundeshorst hat sich da hingestellt, dieser Mensch, der schon lange sein Herz gegen eine Addiermaschine getauscht hat, und hat einen von Gewaltfilmen und Computerspielen in das Mikrofon phantasiert, dass er nur so zu den pfäffischen Lügner passte. Was für eine Beerdigung! Selbst beim Verscharren wurden die Erschossenen noch instrumentalisiert.

Was für ein Appell an den Kotzreiz!

Und morgen werden die wehenden Mordtücher wieder hochgezogen. Und dann wird weiter gemacht wie bisher, auch und vor allem an den Schulen. Gute Nacht, Deutschland.