Kleiner Rückblick in Zitaten

Ein kleiner Rückblick auf den erfreulichen Teil der Geschichte der BRD in Zitaten, natürlich einseitig und parteiisch ausgewählt. Die andere Seite entnehme der geneigte Leser den archivierten Massenmedien der BRD aus der Zeit von 1968 bis 1980.

Die Bildung der RAF 1970 hatte in der Tat spontaneistischen Charakter. Die Genossen, die sich ihr anschlossen, sahen darin die einzige wirkliche Möglichkeit, ihre revolutionäre Pflicht zu erfüllen. Angeekelt von den Reproduktionsbedingungen, die sie im System vorfanden, der totalen Vermarktung und absoluten Verlogenheit in allen Bereichen des Überbaus, zutiefst entmutigt von den Aktionen der Studentenbewegung und der APO hielten sie es für nötig, die Idee des bewaffneten Kampfes zu propagieren. Nicht weil sie so blind waren, zu glauben, sie könnten diese Initiative bis zum Sieg der Revolution in Deutschland durchhalten, nicht weil sie sich einbildeten, sie könnten nicht erschossen und nicht verhaftet werden. Nicht weil sie die Situation so falsch einschätzten, die Massen würden sich auf ein solches Signal hin einfach erheben. Es ging darum, den ganzen Erkenntnisstand der Bewegung von 1967/68 historisch zu retten; es ging darum, den Kampf nicht mehr abreißen zu lassen.

Ulrike Meinhof im Jahre 1975 über die Gründung der RAF.

Für die Ausrottungsstrategen von Vietnam sollen Westdeutschland und West-Berlin kein sicheres Hinterland mehr sein. Sie müssen wissen, dass ihre Verbrechen am vietnamesischen Volk ihnen neue, erbitterte Feinde geschaffen haben, dass es für sie keinen Platz mehr geben wird in der Welt, an der sie vor den Angriffen revolutionärer Guerilla-Einheiten sicher sein können.

Aus dem Bekennerschreiben des „Kommando Petra Schelm

Springer ging lieber das Risiko ein, dass seine Arbeiter und Angestellten durch Bomben verletzt werden als das Risiko, ein paar Stunden Arbeitszeit, also Profit, durch Fehlalarm zu verlieren. Für die Kapitalisten ist Profit alles, sind die Menschen, die ihn schaffen, ein Dreck. – Wir sind zutiefst betroffen darüber, dass Arbeiter und Angestellte verletzt worden sind.

Aus einem Brief, der verschiedenen Zeitungen nach dem Anschlag auf das Axel-Springer-Haus am 19. Mai 1972 zugestellt wurde. Es hatte im Vorfeld des Bombenanschlages mehrere Warnanrufe gegeben, da der Anschlag nicht den Arbeitern, sondern den Produktionsmaschinen für die Springer-Presse gelten sollte. Diese sehr deutlichen Warnungen wurden beim Springer-Verlag vollständig ignoriert. Was ein Anschlag für die betroffenen Menschen bedeutet, war den Verantwortlichen gleichgültig.

Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst Das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt, nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste. Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat. Völliges Scheitern, das zu vermitteln. Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war. Einmal in der Woche baden dagegen bedeutet: einen Moment auftauen, erholen – hält auch für ein paar Stunden an – Das Gefühl, Zeit und Raum sind ineinander verschachtelt…

Ulrike Meinhof zu den Bedingungen ihrer Isolationsfolter.

Festschnallen, zwei Handschellen um die Fußgelenke, ein 30 Zentimeter breiter Riemen um die Hüfte, linker Arm mit vier Riemen vom Handgelenk bis zum Ellenbogen… von rechts der Arzt auf’n Hocker mit ’nem kleinen „Brecheisen“. Damit geht er zwischen die Lippen, die gleichzeitig mit den Fingern auseinander gezogen werden, und dann zwischen die Zähne und hebelt die auseinander. Sowie die Kiefer weit genug auseinander sind, klemmt, schiebt, drückt der Sani von links die Maulsperre zwischen die Zähne… Verwendet wird ein roter Magenschlauch, mittelfingerdick…

Holger Meins über die Zwangsernährung zur Bekämpfung des Hungerstreiks, mit dem die der Isolationsfolter ausgesetzten Häftlinge der RAF kleinere Verbesserungen ihrer Haftbedingungen erreichen wollten. Erst, als Holger Meins am 9. November 1974 an den Folgen dieses Hungerstreiks starb, kam es infolge massenhafter Proteste in der gesamten BRD zu minimalen menschlichen Standards in der Haft der RAF-Mitglieder und die psychische Zersetzung der Menschen durch Isolationsfolter wurde aufgegeben.

Zu Ponto und den Schüssen, die ihn jetzt in Oberursel trafen, sagen wir, dass uns nicht klar genug war, dass diese Typen, die in der Dritten Welt Kriege auslösen und Völker ausrotten, vor der Gewalt, wenn sie ihnen im eigenen Haus gegenübertritt, fassungslos stehen.

Susanne Albrecht zur missglückten Entführung und eher zufälligen Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto.

Wer nicht kämpft, stirbt auf Raten.

Rote Armee Fraktion, Kommando Ulrich Wessel. (Die Authetizität dieses Zitates ist nicht sicher, da spätestens die „dritte Generation“ der RAF weit gehend von Mitarbeitern der deutschen Polizeibehörden unterwandert war und diese Bedingung sicher auch manchmal für die Beeinflussung der breiten Meinung ausgenutzt wurde, wenn dies p’litisch nützlich erschien.)

Der unbewaffnete Kampf geht weiter!

Der bewaffnete Kampf durch die RAF ist vollständig gescheitert. Aber die Auswirkungen des „unbewaffneten Kampfes“ sind auch nicht gerade überzeugend. Damals mussten ein paar der großen Verbrecher wenigstens noch Angst um ihre Ärsche haben, heute ist ihr Volksverkauf angstfrei und völlig hemmungslos.

Richtig gedichtet (1)

Das ist ja eine passende Heise-Meldung zur Vorbereitung weiterer Zensurmaßnahmen und zur Konditionierung der Menschen in der BRD: Kampagne soll über Gefahren des Internets für Kinder informieren.

Nur die Richtig-Dichtung hat der Heise-Verlag leider vergessen. Nun gut, denn reiche ich die nach:

Mit einer bundesweiten Aufklärungskampagne will die Polizei über die Gefahren des Internets für Kinder informieren.

Mit einer bundesweiten Angstkampagne will die Polizei den Eltern Angst davor machen, dass sich ihre Kinder im Internet über die wirklichen Zustände in der BRD schlau machen. Stattdessen sollen die Eltern die Zerbrechlinge wieder vor die Glotze setzen, damit sie dort von Teletubbies, Mäusen, Fehlinformationen und Werbung staatstragend und wirtschaftsfördernd in das Gehirn gefickt werden.

„Viele Eltern wissen nicht, was auf den Computern in den Kinderzimmern abläuft“, sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz und bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU).

„Viele Eltern wissen nicht, was auf den Computern in den Kinderzimmern abläuft, und das ist gut für unsere Absichten und die Zwecke dieser Kampagne“, sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz und bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU).

Kern der Initiative „Kinder sicher im Netz“ ist ein Online-Angebot, das über problematische Inhalte von Webseiten, Gefahren beim Chatten und sicheres Surfen informiert.

Kern der Initiative „Kinder wieder vor die staatlich und wirtschaftlich kontrollierte Hypnoseglotze“ ist ein Online-Angebot von Seiten der gleichen Freiheitsverachter, die schon längst dafür gesorgt haben, dass das Grundgesetz der BRD nur noch ein unverbindlicher, schön klingender Prosatext geworden ist.

Die Kampagne wurde im Auftrag der Innenministerkonferenz von der Polizei in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft entwickelt.

Die Kampagne wurde von bestochenen P’litikern, ihren Käufern und ihren beamteten, willfährigen Schergen entwickelt.

„Das Internet hält nicht nur eine schier grenzenlose Informationsflut bereit. Es drohen auch ernste Gefahren“, sagte Beckstein.

„Das Internet hält nicht nur eine schier grenzenlose Informationsflut bereit. Es drohen auch ernste Gefahren für unsere Absichten im unbegrenzten Volksverkauf“, sagte Beckstein.

Pädophile suchten sich im Chat-Raum ihre Opfer, Gewaltdarstellungen und Killerspiele seien mit wenigen Klicks auch für Kinder verfügbar.

„Deshalb mache ich den Eltern mit allen Mitteln Angst davor, dass ein Perversling ihre Kinder notzüchtigt oder dass ihre Kinder zu den nächsten Mordläufern gehören könnten. Gut, dass der Nichts sagende p’litische Kampfbegriff ‚Killerspiele ‚ mittlerweile zu einer weit gehenden Konditionierung der Bevölkerung geführt hat“, setzte Beckstein fort. Statt sich nur Gewalt auf dem Bildschirm anzuschauen, sollten die Kinder „besser darauf vorbereitet werden, die zukünftigen Kriege der BRD in der ganzen Welt zu führen.“

Der Staat könne den Schutz der Kinder und Jugendlichen aber nicht alleine sicherstellen. „In erster Linie sind die Eltern gefordert.“

Der Staat könne die Verdummung der Kinder und Jugendlichen aber nicht alleine sicherstellen. „Deshalb müssen die Eltern unter dem Einfluss der von uns vermittelten Angst mithelfen, die Kinder von Aufklärung und freier Meinungsäußerung fernzuhalten.“

Der Vizepräsident des Bundeskriminalamtes, Jürgen Stock, sagte, die virtuelle Welt sei aus dem Einflussbereich der Kinder nicht mehr wegzudenken. Eltern dürften ihre Kinder mit den Gefahren des weltweiten Datennetzes nicht alleine lassen.

Jürgen Stock unterstützte Beckstein: „Das Internet ist da und es ist eine GEFAHR!“

Neben Informationen zum richtigen Umgang mit dem Internet informiert das neue Angebot auch über die Nutzung von Filterprogrammen, die den Zugang zu jugendgefährdeten Inhalten verhindern können.

Umfangreiche Informationen für die häuslichen Hilfszensoren sind bereitgestellt worden.

Zudem gibt die Seite Tipps für sichere Kinder-Chatangebote.

Zudem wird auf Chat-Angebote verwiesen, wo Kinder von geeignetem Person altersgerecht indoktriniert werden.

Kurz verlinkt (2)

Wer glaubt, dass es in der gegenwärtigen BRD eine Meinungsfreiheit gibt, sollte einmal den im Folgenden auszugsweise zitierten Text ganz lesen und auch die gesamte Geschichte über die reichlich gegebenen Links verfolgen:

Ich kann mir mein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung schlicht nicht leisten und habe deshalb den Maulkorb akzeptiert, der mir die Veröffentlichung von Abmahnschreiben der Kanzlei Herold Flashar Gehb […] verbietet.

In der BRD hilft kein Beharren auf Rechte mehr. Das Recht selbst ist von korrupten Arschlöchern und von Verbrechern geschrieben, es hat nur noch die Funktion, den aufrecht gehenden Menschen mit institutionalisierter Gewalt niederzuknüppeln. In der BRD hilft nur noch eine Revolution. Ich werde erst dann zufrieden sein, wenn die ersten Verbrecher mit einem Strick um den Hals an den Bäumen baumeln und die letzten gierigen Zuckungen durch ihr gefräßiges Fleisch gehen.

Und bevor ich selbst verrecke, nehme ich noch ein paar von diesen Arschlöchern mit. Wenn das jeder tut, der nichts mehr zu verlieren hat, denn ist das schon ‚mal ein guter Anfang.

Einmal nur…

Einmal nur möchte ich so aufwachen, wie meine bis zum Anschlag verblödten Mitmenschen in dieser lichtlosen Zeit jeden Morgen aufzuwachen scheinen.

Ich möchte aufwachen und fest daran glauben, dass sich alle meine Probleme mit dem Versandhauskatalog lösen lassen. Und wenn ich langsam wachwerde, den Gestank der Nacht von mir abspüle und mich mit einem Zwölf-Klingen-Rasierer rasiere, während die vollautomatische Kaffeemaschine schon das wohlprogrammierte, allmorgendliche heiße Aufputschmittel aufbrüht, möchte ich mir überlegen, ob ich mir zu Weihnachten so einen batteriebetriebenen Bananenschäler mit USB-Anschluss kaufe. Und ich möchte wirklich froh darüber sein, dass der gegenwärtige gesellschaftliche Prozess so viele Glücksideen für mich bereitet hat.

Aber es ist mir bislang noch nicht passiert.

Tote Vögel haben Spaß

Das Cover von Tote Vögel Haben Spaß

Heute wurde mein neues Album „Tote Vögel haben Spaßauf jamendo.com veröffentlicht.

Es steht dort zum kostenlosen Anhören und zum freien Download zur Verfügung. Die Downloads sind in den ersten Tagen aber immer etwas „zäh“, da BitTorrent verwendet wird und noch nicht genügend Nodes bestückt sind. Das ändert sich aber mit zunehmender Anzahl Downloads.

Wie üblich, wird dieses Album unter den Bedingungen einer CC-Lizenz zur Verfügung gestellt. Diese ermöglicht eine freie Verwendung zu nicht-kommerzieller Nutzung und das Benutzen von Samples, so lange dabei der Künstler genannt wird. Es ist mir schon immer sinnfrei erschienen, bei Computer-Musik das Samplen zu verbieten, da ich sie selbst aus Samples diverser Klänge erstelle.

Über eine Spende auf Jamendo freue ich mich immer. Ich lebe vom Betteln und von dem, was mir kampflos gegeben wird.

Sprache und Deppen

Das klagen im deutschsprachigen internet scheint groß. Das klagen über den verlust der deutschen sprache. Das klagen über überflüssige leerzeichen und apostrofen-katastrofen. Seiten bauende sprachhüter gießen sich aus über die epidemische ausbreitung des auslassungszeichens vor dem plural- und genitiv-»s« und über sachlich falsche leerzeichen, die sinnentstellend trennen, was eigentlich zusammen gehört.

Hier wird Vakuum verpackt! Und das klagen ist ein anklagen. Ein verunglimpfendes anklagen, das von »deppen-leerzeichen« und »deppen-apostrofen« spricht und so alle so schreibenden pauschal zu deppen, ja idioten abstempelt. Manchmal mag man den klagenden sogar recht geben. Aber von welchem standpunkt geht diese klage aus? Diese frage will ich zu beleuchten versuchen. Im zuge dieses versuches wird das fänomen an einigen wenigen beispielen behandelt und zerlegt.

Wer unter meinen lesern noch nicht weiß, was hier gemeint ist: Es gibt eine ganze reihe ansich recht interessanter websites, auf denen der aktuelle geist und ungeist deutscher sprache gegeißelt wird. Die unten stehenden links führen auf typische beispiele. Und zusammen mit dieser brandmarkung des zumeist verkaufsbesoffenen ungeistes geht die klage über den zunehmenden verfall und verlust der deutschen sprache einher. Und natürlich macht sich diese klage vor allem an formalitäten der rechtschreibung fest, wie sich etwa so auf der internet-präsenz zum »Idioten-Apostroph« lesen lässt: »Bedauerlicherweise kann die überwiegende Mehrheit der Deutschen keinen fehlerfreien Satz zu Papier bringen. Trotzdem wird in zunehmendem Maße eine Orthografieregel aus der englischen Sprache in den deutschen Genitiv übernommen und sogar im deutschen Plural verwandt, was nicht einmal im Englischen richtig wäre.« Eine tiefere auseinandersetzung mit den ursachen dieser falschschreibung findet nicht statt, obwohl sie sehr wünschenswert wäre, da sie zur erkenntnis des allgemeineren kulturellen prozesses über dieser gesellschaft führen würde.

Ich kann einfach nicht widerstehen, mich auch zu diesem tema zu äußern, und zwar in einer formal recht »falschen« weise — das ist der tiefere grund, weshalb ich ausgerechnet hier zusätzlich zu den immernoch umstrittenen regelungen der neuen deutschen rechtschreibung die regel der gemäßigten kleinschreibung anwende und gebräuchliche fremdworte in vorsichtiger weise fonetisch an die gegebenheiten des deutschen anpasse. Darüber hinaus werde ich, wo immer mir’s beliebt, auslassungen von zeichen auch dann durch einen apostrof kennzeichnen, wenn der duden dieses zeichen nicht vorsieht. Das tue ich ja überall auf dieser site, und so manche mail und manchen kommentar, die mich auf meine »deppen-apostrofe« hinzuweisen suchte, habe ich deshalb schon beantworten müssen.

Jetzt komme ich aber erstmal zur sache, und ich beginne mit dem auslassungszeichen, dem apostrof. Hier lässt sich leicht nachvollziehen, wieso sich dieses zeichen in falscher analogie zu den verhältnissen in der englischen sprache so schnell an den sonderbarsten stellen durchsetzen konnte.

Der falsche apostrof

Was im deutschen von der duden-redaktion als falsch definiert wird, ist im englischen regelgerecht und richtig: Der apostrof vor dem genitiv-»s«. Wo ein mensch englischer zunge »my father’s house« schreibt, da lautet es im deutschen »meines vaters haus«. (Es ist kein besonders gutes beispiel, aber das englische ist hier dem deutschen so ähnlich, dass diese wahl allen menschen entgegen kommt, die nicht besonders gut englisch verstehen. Der kleine unterschied im ansonsten sehr ähnlichen wortlaut wird doch gut deutlich.)

Interessanterweise scheint der englische genitiv in umgangs- und schriftsprache immer mehr zu verschwinden. Sehr viele heute lebende menschen englischer zunge würden an stelle von »my father’s house« die analytische konstruktion »the house of my father« verwenden, und zumindest im mailverkehr, im usenet, in foren und websites ist letztere form auch zum regelfall der schriftsprache geworden. Dies gilt selbst für die mitteilungen jüngerer gebildeter menschen aus universitärem umfeld. Wenn ich einen englischen genitiv sehe, vermute ich sofort, dass der schreiber älter als fünfunddreißig jahre ist, und mit dieser vermutung hatte ich bislang fast immer recht. Ausnahmen sind mitteilungen feierlichen anlasses und klanges und religiöse verlautbarungen, hier wird im auch englischen ein gewisser wort- und formenreichtum angestrebt, der sich deutlich vom gewöhnlichen sprachgebrauch abhebt.

Dieses verschwinden des genitivs aus dem englischen sprachraum hat die englische genitiv-schreibweise allerdings nicht daran gehindert, in fröhlicher wiedergeburt in die deutsche schriftsprache einzudringen. Eine falschschreibung wie »oma’s kuchen« ist inzwischen so geläufig geworden, dass sie kaum noch von jemandem als falsche schreibung erkannt wird — außer vielleicht von lehrern, die einen stapel diktate korrigieren müssen. Richtig wäre an dieser stelle natürlich »omas kuchen«. Im deutschen wird normalerweise kein apostrof vor dem genitiv-»s« geschrieben. Es wäre ja auch sonderbar, wenn ausgerechnet für diese eine wortendung in einer so flexionsrechen sprache wie der deutschen eine ausnahme gelten würde, während alle anderen suffixe mit ihrem wort verschmelzen.

Und nicht nur für das genitiv-»s« macht sich der neue apostrof breit. Auch in jenen fällen, in denen der plural auf die endung »-s« gebildet wird, wird immer häufiger ein apostrof verwendet. Und das wäre sogar im englischen falsch. Hier entsteht das so genannte »denglisch«, eine sonderbare durchmischung schlecht beherrschter deutscher sprache mit halb verdauten englischen versatzstücken, peinlich und überflüssig und dümmlich.

Ein schmerzhaft‘ beispiel für modernes »denglisch« ist das neudeutsche wort »handy« für ein mobiltelefon. Nur den wenigsten deutschen ist klar, dass ein mensch englischer zunge dieses zunächst englisch klingende wort nicht versteht, oder besser, dass er es völlig anders versteht. Das englische wort »handy« ist ein adjektiv mit der ungefähren bedeutung »handlich« oder auch »niedlich«, während das denglische oder neu-deutsche wort »handy« ein substantiv mit der bedeutung »tragbare batteriebetriebene quasselfunke« ist — wobei sich das adjektiv »tragbar« hier auf größe und gewicht bezieht, keineswegs auf die kosten der kommunikation oder auf die gesundheitlichen auswirkungen des klingeltonterrors. Es handelt sich hier also klar um ein deutsches wort, nicht um ein englisches. Es wurde erdacht von werbern und verkäufern und übernommen von telefonbenutzern, denen ein anderes handliches wort für dieses ding vorenthalten wurde. Und es wäre ansich folgerichtig, wenn auch die schreibweise dieses neu-deutschen wortes an den deutschen sprachgebrauch angepasst würde, indem man »händy« schriebe.

Bleibt man aber bei der englischtümelnden (und damit verkaufsfördernd moderntuenden) schreibweise »handy«, so würde der richtige plural eines hypotetischen englischen substantives »handy« nach englischen regeln »handies« lauten. Aber jetzt tritt das nur halb verdaute englisch auf den plan, erzeugt sondersame apostrofen-katastrofen, und so kommt es zur viel zu häufigen plural-schreibweise »handy’s« — und die ist ausgesprochen gräßlich. Ein einfaches angehängtes »s« hätte es auch getan und würde nicht so grauenvoll an eine englische genitiv-form erinnern. Wisst ihr bescheuerten telefonverkäufer eigentlich, dass menschen aus englischsprachigen ländern über so etwas den kopf schütteln und lachen? Und zwar gleichzeitig.

Das heißt nun aber nicht, dass ein apostrof vor einem plural-»s« auf die aktuellen beglückungsfantasien des organisierten mobiltelefonverkaufes beschränkt wäre. Um eine ahnung des ausmaßes dieser undeutschen und unenglischen, aber denglischen pluralbildung zu erhalten, reicht es, einmal mit google nach dem wort »info’s« zu suchen. Nicht minder erfolgversprechend ist die suche nach »foto’s«, »tattoo’s« oder »agb’s«, was allesamt häufige und schmerzhafte beispiele für den neu-deutschen plural sind.

(AGB heißt übrigens »allgemeine geschäftsbedingungen« und ist damit bereits ein plural. Dies ist ein schönes beispiel am rande dafür, wie abkürzungen die empfindung der sprache zerstören können — und darüber hinaus auch von weiteren empfindungen entfremden. Es ist für jeden fühlenden besser, auf jede form der aküsprache so weit als möglich zu verzichten. Wenn’s aber nicht mehr anders geht, sollte man sich beim schreiben immer der bedeutung jeder verwendeten abkürzung bewusst sein, um kein hirnloses gestammel von sich zu geben. Das bewusstsein, das eine von abkürzungen durchsetzte sprache ein unverzichtbares manipulationsmittel in jedem menschverneinenden, freiheitsberaubenden und repressiven system der jetztzeit ist, kann gar nicht groß genug sein.)

Das falsche leerzeichen

Eine andere mode, die sich zunehmend über die deutsche schriftsprache hermacht, ist das falsch gesetzte leerzeichen. Dieses ist fast noch beachtlicher als der apostrof, der ja nur eine neue schreibweise für bereits bestehende oder fälschlich gebildete formen ist. Das leerzeichen an der falschen stelle (siehe das bild zu diesem artikel) steht jedoch im gegensatz zur struktur der deutschen sprache, und dementsprechend sinnentstellend kann es beim auftreten sein. »Hier wird Vakuum Verpackt!« ist nun einmal eine völlig andere aussage als »Hier wird Vakuumverpackt!« — und eine sachlich falsche hinzu. Hier scheint wirklicher sprachzerfall stattzufinden, und das sprachempfinden der so schreibenden scheint einem vakuum gleich zu kommen.

Zunächst einmal zur klärung: Warum steht diese erscheinung »im gegensatz zur struktur der deutschen sprache«?

Was für einen menschen deutscher zunge eine selbstverständlichkeit ist, das ist für jeden, der deutsch lernen will oder muss eine qual: In der deutschen sprache können sehr bequem neue wörter gebildet werden, indem bereits bestehende wörter kombiniert werden.

Natürlich finden sich diese neologismen in keinem noch so vollständigen wörterbuch, aber sie werden doch von jedem deutschen mit leichtigkeit verstanden und selbst verwendet oder bei bedarf gebildet. Wenn etwa eine fragwürdige zeitung von einem »busenmonster« schreibt, so bedarf dieses wort keiner besonderen erläuterung, obwohl jeder leser es zum ersten male liest und dieses wort in keinem wörterbuch steht. Das ist uns selbstverständlich, aber es ist auch eine ziemlich einmalige eigenschaft der deutschen sprache, die auf diese weise ihre ganz besondere schärfe, deutlichkeit und ausdruckskraft bekommt. Als ich vorhin ein handy verunglimpfend als »quasselfunke« bezeichnete, konnte ich mir gewiss sein, von den meisten lesern in der von mir beabsichtigten weise verstanden zu werden.

Den meisten anderen sprachen steht ein derartiges ausdrucksmittel nicht in diesem maße zur verfügung, die sprecher müssen sich mit umschreibungen behelfen. Was im deutschen schlicht und deutlich ein »staatsfeind« ist, das umschreibt der sprecher des englischen als einen »öffentlichen feind« und nennt’s »public enemy«. Und das ist ein schönes bespiel für die schärfe der deutschen sprache, die immer auch eine deutliche sprache ist.

Für den ausländer, der vor der äußerst undankbaren aufgabe steht, deutsch zu lernen, stellt sich das ständige problem, solche neu gebildeten wörter zu erkennen und richtig zu deuten, obwohl sie nicht einfach nachgeschlagen werden können. Dies ist — neben dem barocken formenreichtum und den großen unregelmäßigkeiten des deutschen — eine enorme schwierigkeit, was wohl jeder bestätigen kann, der schon einmal einem ausländer bei seinem undankbaren lernvorgang zur seite stand. Die beste methode, deutsch zu lernen, ist’s immernoch, einfach in deutschland geboren zu werden.

Wegen dieser besonderheit der sprache sind auch viele gewöhnliche deutsche wörter zusammengesetzte wörter, was den sprechenden und schreibenden wegen des häufigen gebrauches solcher wörter gar nicht mehr bewusst ist. Ein beispiel ist das als bild verwendete falsch geschriebene adjektiv »vakuumverpackt« — übrigens kommt dieses bild nicht von einem ausländischen geschäft, sondern von einem deutschen stand auf dem münchener viktualienmarkt.

Die verwendung zusammengesetzter wörter ist etwas typisch deutsches. Und deshalb verlassen schreibungen wie »schach genie« (data becker); »alpen milch« (weihenstephan); »frühling suppe« (maggi); »joghurt müsli« (kölln); »bremsen dienst«, »motor inspektion« und »tiger wäsche« (esso) sowie »hagel zucker«, »tee zucker« und »würfel zucker« (südzucker) den bisherigen deutschen sprachgebrauch und deuten einen beginnenden verzicht auf die bislang bestehende ausdruckskraft an. Den ausländer, der mit dem lernen der deutschen sprache gestraft ist, wird’s vielleicht freuen, dass er so leichter das gemeinte versteht.

Allerdings sind beispiele wie »alpen milch«, »tee zucker« und »frühling suppe« produktverpackungen entnommen, und die worttrennung entsteht durch einen zeilenumbruch. Hier wurde also einfach nur ein bindestrich weggelassen, und dies geschah wohl, weil der werbegrafiker ein optisch ausgewogenes und damit ansprechendes druckbild erhalten wollte. (So ein bindestrich ist ja kein richtiger buchstabe, und deshalb wirkt eine solche trennung etwas asymmetrisch.) In diesem schizophrenen land wundert man sich aber doch darüber. Einerseits regen sich große teile der bevölkerung sehr lautstark über eine lächerliche und nicht weit genug gehende rechtschreibreform auf. Andererseits interessiert’s keinen, wenn die dudenkonforme schreibung den verzerrten ästetischen vorstellungen irgendwelcher werbeleute geopfert wurde und wird. Wo ist da das laute stöhen? Wo die entrüstung? Wo der boykottaufruf? Es lässt schon tief blicken, auf welchem auge die menschen im real existierenden konsumismus blind, geblendet, verblendet sind.

Die getrenntschreibungen an esso-tankstellen sind allerdings nicht durch worttrennungen in zwei druckzeilen ästetisch motiviert. Sie stellen eine corporate identity über gezielte falschschreibung her. Und auch so etwas lässt sich mit menschen machen, die sich in kleinlichster weise über jede veränderung der »offiziellen« rechtschreibung aufzuregen vermögen, so sehr diese veränderung auch entrümpelung und vereinfachung ist. Wo ist der boykottaufruf der selbst ernannten verfechter der sprachkultur?

Und inzwischen greift auch das falsche leerzeichen immer mehr um sich. An vielen stellen kann man schon »park plätze«, »schnell anleitung«, »herren schuh«, »wasser temperatur«, »opel partner«, »dauer welle«, »film klassiker« oder weitere hübsche beispiele in handgeschriebener form finden, ohne dass ein beflissener werber oder eine andere fragwürdige gestalt die hände im spiel gehabt hätte. Und wenn’s denn gar um computertechnik geht und sich aküsprache und denglisch im taumeltanz der ungreifbaren begriffe umklammern, dann wird der fehler zur selbstverständlichkeit und man liest beispielsweise folgendes: »dsl modem«, »dsl router«, »aol zugang«, »reinigungs set«, »pentium prozessor«, »support forum« und so weiter.

Wie kommt’s dazu?

Wie aber kommt es nun zur ausbreitung solcher schreibweisen? Die ursachen scheinen recht vielfältig zu sein, sie können hier nicht erschöpfend gewürdigt werden.

Zunächst scheint einem größeren anteil der deutschen bevölkerung der bezug zur eigenen sprache, insbesondere zur eigenen schriftsprache verloren gegangen zu sein. In einem zeitalter überall verfügbarer, entsprachlichter audiovisueller medien, die selbst für die kleinsten und unreifsten menschen mühelos rezipierbar sind und niemanden die mühe des lesens und schreibens abverlangen, nimmt solch‘ verlust auch nicht wunder. Nicht einmal das hören und zuhören ist vor dem fernseher erforderlich, wenn doch alles direkt gesehen werden kann und wenn anstelle komplexer verbaler erläuterung kamerafahrten und schnitte die aufmerksamkeit dahin führen, wo sie der regissör hinbekommen möchte.

Auch am computer lässt sich eine fortschreitende entsprachlichung auf allen ebenen der benutzerschnittstelle feststellen. Zudem sind heutige grafische oberflächen nicht nur bunt und bildhaft, sondern comichaft und infantil. Ich persönlich glaube nicht, dass »niedlich« und »knuffig« die richtigen attribute für eine benutzerschnittstelle sind, die sich an erwachsene menschen richtet — »klar« und »verständlich« fände ich besser.

Ein großteil der immer noch gelesenen botschaften sind werbebotschaften, die auf großen, bunten, offen mit sexualität um die aufmerksamkeit des vorbeieilenden ringenden plakaten und videoinstallationen den gesamten öffentlichen blickraum durchseuchen. Auch sind mehr als die hälfte einer zeitung und neuerdings sogar packungen für milch und billigen fruchtsaft dieser einseitigen kommunikationsform gewidmet. Für den zweck der werbung, nämlich die verwandlung eines menschen in einen kauftrottel, ist’s wichtig, dass die aufmerksamkeit solcher botschaft nicht zu leicht entkommen kann. Deshalb wird mit bildern gearbeitet, die sich bei nüchterner betrachtung als schrille wahnideen entpuppen, deshalb werden anklänge an verbreitete, selbst an zweideutige redensarten (»besorg’s dir doch einfach«) verwendet und deshalb wird eben auch mit vorsätzlich falscher, pseudo-englischer sprache gearbeitet, um der routine des darüber-hinweglesens entgegenzuwirken.

Gleichzeitig muss in der werbung auch jedes rezeptive missverständnis ausgeschlossen werden. Die sprache der werbung ist einfache sprache, auf den affektauslösenden reiz reduzierte sprache. »billig? will ich!« Der formenreichtum einer sprache, die sich einmal entwickelte, damit sich menschen ihre (teilweise komplexen) gedanken mitteilen können, bleibt dabei auf der strecke, es findet eine vereinfachung fast auf das niveau des äffischen grunzens statt. Die auswirkungen einer solchen allgegenwärtigen gehirnwäsche kann ich jeden tag hören, wenn kinder im alter von acht jahren erhebliche wortfindungsstörungen haben, sobald sie ereignisse ihres alltages zu beschreiben suchen. An stelle einer sprachlichen mitteilung tritt eine mit imitierten geräuschen durchsetzte und von ausladenen gesten unterstützte zusammenhanglose beschreibung, die wirklich zu großen teilen an tierlaute erinnert. Und ich durfte es mehr als einmal erleben, dass die ausdruckskraft von jungen erwachsenen menschen (ca. 20 jahre) nicht wirklich besser war.

Aufmerksamkeitsprobleme

Der verlust der sprache ist bedauerlich.

Aber er hat nichts mit dem verlust grammatikalischer form zu tun. Die ausdruckskraft und das verständnis leiden nicht wirklich darunter, ob worte getrennt geschrieben werden oder ob sinnlose apostrofe eine plural- oder genitivendung vom wortstamm trennen. Ich habe mich in diesem text recht weit von den im duden festgelegten konventionen entfernt, ohne dass mich so etwas der ausdruckskraft berauben würde, und ohne, dass sich das verständnis dieses textes nennenswert erschweren würde. (Ich schreibe private notizen am rechner immer in dieser form, lasse aber auch noch wortendungen weg und verwende zahlreiche persönliche kurzformen, eine solche notiz wäre für einen anderen menschen sehr schwierig zu verstehen. Für mich ist’s eine art stenografie des tippens, die mir hilft, mich auf das wesentliche des schreibens zu konzentrieren.)

Die pöbeligen kritiker der aktuellen erscheinungen zielen mit der beschimpfung »deppen« und »idioten« am eigentlichen tema vorbei. Dieses eigentliche tema besteht darin, dass sprache immer weniger ein mittel der mitteilung von mensch zu mensch ist, und stattdessen immer mehr ein affektbesetzter hohlkörper zur verkaufsförderung, ein wohl verpacktes vakuum. Und damit ist sprache ihres eigentlichen zweckes beraubt und kann beliebig missbraucht werden. Jedes mal, wenn ich an einer esso-tankstelle vorbeigehe, träume ich davon, einmal nur einen tiger mitzunehmen und die angeprisene »tiger wäsche« auszuprobieren. Der anblick eines zitternden tankwarts vor einer großen raubkatze (ohne gitter dazwischen sieht ein tiger gewiss noch etwas größer aus) muss einfach göttlich sein, da können die mir noch so viele »tiger in den tank« anbieten.

Auch eine ziemlich falsch geschriebene mitteilung eines menschen ist noch verständlich. Aber die mitteilung von menschen, die sich nicht mehr mitteilen können und aus diesem grund die pseudoerlebnisse der massenmedien wiederkäuen, sind ziemlich leer und unverständlich — und die welt und das internet sind voll davon. zumindest sind diese äußerungen unverständlich für einen menschen wie mich, der seine stunden nicht im flackernden licht der glotze verlebt. Das wort »meinung« kommt immer noch daher, dass etwas »mein« ist — und was mir bei den meisten zeitgenossen begegnet, ist nurnoch eine »deinung« aus soap, news, bild und werbebotschaft. Die sprache passt sich von allein dem neuen zweck an.

Nicht im vakuum

Noch ein kleiner aspekt: Alles in allem handelt es sich sowohl bei den leerzeichen als auch bei den apostrofen um vereinfachungen.

Die sonderbaren apostrofe stellen eine vereinheitlichung der deutschen sprache mit dem allgegenwärtigen englisch und denglisch her. An stelle der verwendung zweier regelwerke, des deutschen und des englischen, wird eben zur ersetzung des deutschen regelwerkes durch ein nur halb und damit falsch verstandenes englisches regelwerk übergeangen. Das ist keine beispiellose entwicklung in der deutschen sprache; die ganzen verben auf »-ieren« wie spazieren, flanieren, rasieren und so weiter, sie entstanden beispielsweise erst vor gut zweihundert jahren in unverstanden nachäffender analogie zu französischen formen. Und heute sind’s ganz gewöhnliche wörter, teil unserer deutschsprachigen ausdruckskraft. Und doch waren sie einmal fremdkörperhaft, überflüssig, falsch, neumodisch, hässlich und bestimmt auch schmerzhaft, vor allem für kenner und liebhaber das französischen. Also ganz so, wie heute die grausam falschen formen in der im geistlosen imitation des englischen.

Die überflüssigen und falschen leerzeichen sind eine vereinfachung in der erkennung zusammengesetzter wörter. Sicher ist das so geschriebene sachlich falsch, und »Hier wird Vakuum Verpackt!« dürfte vom wortlaut her nicht der werbenden intention des kaufmanns entsprechen, wenn er nicht gerade ‚mal einen anfall von ehrlichkeit hatte. Aber doch wird dieses schild wohl von jedem menschen in seinem situativen kontext vollkommen richtig gedeutet, und deshalb fordert niemand am münchener marktstand 50 kubikzentimeter vakuum.

Tatsächlich könnte ein solches missverständnis auch in gesprochener umgangssprache auftreten, die ja selten sauber und klar ist, sondern dem hörer abgeschliffen, undeutlich und missverständlich entgegentritt. Aber die sprache kommt niemals ohne einen kontext, und deshalb ist fast immer klar, was mit einer aussage wie »der gefangene floh« gemeint ist. (Aus dem gleichen grund ist die angeblich klarheit über die wortarten herstellende großschreibung in der deutschen sprache auch überflüssig wie ein kropf. Ich verwende sie in aller regel aus gewohnheit, nicht aus liebe oder überzeugung.)

Jeder gebildete mensch wird bestätigen, dass sich sprache immer in einem zustand der wandlung und anpassung an das sich wandelnde miteinander der menschen befindet. Dabei reflektiert die sprache gesellschaftliche entwicklungen, bildet gruppen mit »gemeinsamer sprache«, die ihrerseits direkt aus gesellschaftlicher schichtung hervorgehen und wird so zum spiegel eines geschichtlichen prozesses. Die sprache Goethes wird irgendwann den meisten nicht spezialisierten deutschen so fremd erscheinen, wie mir heute die sprache des hildebrandtliedes fremd erscheint. (Nicht vollkommen fremd, aber flüssig lesen kann ich das wirklich nicht nennen.) Nichts kann die entwicklung aufhalten, und wird’s dennoch versucht, so tritt eine nicht besonders wünschenswerte entwicklung ein: Der zerfall.

Eine der wenigen konstanten in dieser entwicklung: Wo sprachräume nicht in völliger isolation existieren, kommt es mit der zeit zu grammatikalischen vereinfachungen und vereinheitlichungen.

Wie sich menschen im formalen sinne schriftlich mitteilen, ist mir völlig gleich-gültig — ich pflege da meinen eigenen richtig-dichtenden stil, der sicherlich auch für manchen menschen harter tobak ist. Der prozess, der zurzeit über einer betäubten und hypnotisierten gesellschaft abläuft, der ist’s, worauf ich meinen schimpf und meine ätzende ironie gieße. Und zwar mit allen mir sprachlich zur verfügung stehenden mitteln (die mir noch zu gering vorkommen).