Von-Meinungs-Freiheit

Wie wenig die so genannten „Grundrechte“ im Wirtschaftsfaschismus der gegenwärtigen BRD wirklich wert sind, zeigt sich darin, dass man ihre Wirkungslosigkeit einfach in der Presse schreiben kann, ohne dass Menschen dadurch bereiter werden, für ihre Rechte zu kämpfen. So veröffentlichte das deutsche Massenblatt Bildzeitung am heutigen Tage die folgende, bemerkenswerte Aussage:

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist auch nach Feierabend nicht uneingeschränkt gültig. […]

Zwei bemerkenswerte mediale Aussagen über die praktische Gültigkeit der so genannten „Grundrechte“ finden sich in diesem sehr kurzen Satz.

  1. Während der Arbeitszeit (also vor Feierabend) hat der Mensch nicht nur die vertraglich geregelte Arbeit zu leisten, sondern auch noch die Fresse zu diversen Zuständen an seinem Arbeitsplatz und in seiner kleinen Bananenrepublik zu halten. Das deckt sich völlig mit meinen Beobachtungen und ist so gewöhnlich, dass das Arbeiterblatt Bildzeitung diese traurige Bedingung als gegeben voraussetzen kann.
  2. Und wenn ein Mensch seine Arbeitszeit endlich hinter sich hat, denn hat er immer noch die Fresse zu halten.

Eine Meinung haben darf man in der BRD durchaus, aber man hat darüber nicht zu reden. Außer natürlich, es handelt sich um die p’litisch und wirtschaftlich erwünschte Meinung.

Advertisements

Gut und Böse

Es war der modern-magische Unsinn des „positive thinking“, der einen eh schon verbreiteten Falschsinn noch weiter förderte und inmitten der scheinbaren „Aufklärung“ neu erblühen ließ: die Verwechsleung der Wahrheit einer Aussage mit dem lediglich angenehmen Klang einer Aussage und dem als wohlig empfundenen Gefühl, das beim Hören oder Lesen einer Aussage ausgelöst wird.

Das Ausweichen auf die affektive Ebene ist bei aller scheinbarer Modernität des Esoterik-Zirkusses wirklich nichts Neues. Als damals Charles Darwin seine Evolutionslehre begründete und mit einer schier unwiderstehlichen Indizienkette belegte, gab es schon eine recht ähnliche Reaktion vieler Menschen. Es gefiel ihnen schlicht nicht, dass die gesamte Vielfalt des Lebens einschließlich der so überlegen wirkenden Menschheit einst auf eben so simple Weise entstand (und im Prozess der Eerde im steten Entstehen begriffen ist) wie die chemischen Verbindungen oder die Gesteine, und weil es ihnen nicht gefiel, musste es eben falsch sein. Dass im Zuge dieser völligen Denkverweigerung wie zum Witz die höhere menschliche Verstandesfunktion, die sich ja an den gebieterischen Tatsachen abarbeitet und dabei gelegentlich Einsicht erlangt, ja, manchmal gar zur Vernunft kommt, zum ödland und damit in einem Schritt der Devolution dem bewusstloseren Tiere ähnlich wurde, das wurde von den meisten tierhaft ernsten Betroffenen dieser cerebralen Regression leider nicht bemerkt – sonst hätten sie vielleicht häufiger über sich selbst gelacht. Als Thema zum Lachen nahmen diese schon lieber die Verstandestätigkeit derer, die ihren Verstand betätigten, auch wenn das Ergebnis solcher Tätigkeit dem schier unendlichen Narzissmus des Menschen nicht schmeckte; ungezählt sind die Karikaturen, die Darwin als Halbaffen zeigen. In einigen angeblich „fortschrittlichen“ Staaten dieser Welt bestimmt die moderner verkleidete Form dieser Denkverweigerung sogar den Schulunterricht; man nennt diese Pseudowissenschaft „kreationismus“.

Auf die nämliche dämliche Weise verfuhr der größere Teil der Menschen mit den Einsichten eines Sigmund Freud — es gefiel ihnen nicht, und deshalb konnte es nicht wahr sein.

Dass die Erde nicht endlos groß ist, dass sie nicht im Zentrum des Alls steht, dass nicht eine warme sorgende Vaterhand Gottes darüber wacht, dass hier das Leben für die ihm bestimmte Zeit erhalten bleibt; all das scheint bis heute in den meisten Hirnen nicht angekommen zu sein. Und damit dringt es auch nicht in die Hände, auf dass sie das Sinnvolle tun und das Zerstörerische lassen.

Und so wird weiter die Erde ausgebeutet und verbraucht, als wäre sie unzerstörbar und unendlich. Dass die gebieterischen Tatsachen, die (unter anderem, aber eben auch sehr drängend) in der Existenz einer immer größeren Anzahl von Menschen bestehen, die sich die im Laufe der Zeit nicht größer gewordene Erde teilen müssen, einer solchen Auffassung, die sich zwar angenehm anfühlt, aber dabei doch strunzdumm ist, widersprechen, juckt kaum jemanden. Stattdessen werden in der p’litischen Beschreibung des Zustandes der Welt jene dumpfen Begrifflichkeiten verwendet und viel zu oft kritiklos und völlig unwidersprochen übernommen, die eher dem vorbewussten Zustand einer äffischen Urhorde angemessen sind: die begrifflichen Kategorien von „Gut“ und „Böse“ sollen die Menschheit ordnen und wieder einmal den Mord heiligen. Sogar eine „Achse des Bösen“ ist von einem der Großkopferten der selbst ernannten „Guten“ ausgemacht worden und soll mit krimineller und mörderischer Grobheit bekämpft werden. Das himmelschreiend Dumme dieser neofaschistischen Gewaltrede zeigt sich darin, woraus sie ihre Stützen zusammenleimt: hier wird eine gottseidank überwundene unterdrückerische Religion mit den erst unter dem schwindenden Einfluss des Religiösen möglich gewordenen bürgerlichen Freiheitsrechten und dem diesen beiden menschlichen Strebungen widersprechenenden totalitären industriellen Prozess zu einem gedanklichen Gerüst zusammengebaut, dass absurder ist als jede dadaistische Kollage. Ansonsten ist der „Nahe Osten“ weit genug weg, dass sich jeder der „Guten“ einreden kann, von alldem Morden nichts wirklich zu wissen.

Es gab gewiss einst einen ziemlich behaarten Vorfahren der heutigen Menschen, der in seiner Kommunikation vor allem zwei verschiedene Grunzlaute von sich gab. Den einen Grunzlaut machte er, wann immer ihm etwas zusagte; den anderen, wann immer ihm etwas missfiel. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Art weiter, ging ein großer Teil der Behaarung verloren, und die Möglichkeiten der Mitteilung wurden etwas differenzierter – aus den beiden Grunzlauten entstanden die Wörter „Gut“ und „Böse“. Und so der Kulturprozess einsetzte, wurden auf dem affektiven Fundament dieset beiden ehemaligen Grunzlaute ganze metaphysische, religiöse und parareligiöse Gebäude errichtet, die wortreich und weihevoll zu erklären vermochten, worin nun „das Gute“ und „das Böse“ bestehe – und die dieses bis heute tun, trotz vielfacher Wandlung und p’litischer Instrumentalisierung zum Aufrechterhalt der Gewalt. Nur eines hat sich nicht verändert: es ist äffisch und damit dem, was den Menschen vom Affen unterscheidet, nicht angemessen.

Das Jahr der Informatik

Und dann ist das noch das Jahr 2006, das nach dem großen Erfolg des „Einstein-Jahrs 2005“ wieder ein „Wissenschaftsjahr“ werden soll — jetzt aber das „Jahr der Informatik“.

Und dann sind da noch diese Vertreter der p’litischen Kaste, die in routinierter Rhetorik darauf hinweisen, was für eine wichtige Zukunftstechnologie doch die Informatik sei und die mit gut gespielter Besorgnis immer wieder die nachlassende Zahl der Studienanfänger in diesem Fach beklagen. Und natürlich werden diese Worte mit dem faden Gewürz nationaler Untertöne reichlich gewürzt werden.

Und dann sind da noch dieser Vertreter der Wirtschaftsverbände, die der gesamten deutschen Gesellschaft mit ihrem Genöle in den Ohren liegen, es gäbe hier im Bereich der !Informationstechnologie“ einen „Fachkräftemangel“ – und die es mit diesem Gelaber gar schon geschafft haben, dass die Regierung der BRD eigens für den Bedarf der bundesdeutschen IT-Industrie nach leicht verfügbarem Menschenmaterial flugs ein Sondergesetz für eine den Verhältnissen in den USA angelehnte green card geschaffen hat. Das Wort Menschenmaterial, das so fürchterlich faschistisch klingt, ist übrigens nicht meine Erfindung und es entspringt nicht meinem Zynismus. Es ist die Übertragung des branchenüblichen Begriffes human resources in die deutliche deutsche Sprache.

Und dann wird da wohl bald die groß angelegte Werbekampagne durch die Republik ziehen, mit viel Tamtam, multimedialem Firlefanz und Hochglanzprospekten der Bundesregierung und der Wirtschaftsverbände. Und sie wird junge Menschen, die in der für die Jetztzeit so typischen Zukunftsangst gefangen sind, umwerben, auf dass sie ein Studium der Informatik beginnen mögen. Und in diesen Prospekten werden alle Nebel- und Blendworte drinstehen, die diese Branche so zu bieten hat: Zukunft, Technologie, Karriere, Internet, Kompetenz, Information, Informationsgesellschaft – um mal ein paar ältere zu nennen. Oder: digital lifestyle, digital workstyle – um mal ein paar aktuellere Ausflüsse der Blendlaberer zu nennen. Die Worte wechseln auffallend schnell, während die darunter liegende Technik auffallend konstant bleibt; das ist ein klares Erkennungszeichen für die Menschenbeeinflussung durch Werbung und Propaganda.

Und dieses Schauspiel wird überall dort sehr präsent sein, wo die forschen Marktforscher in der Vorbereitung dieser Kampagne besondere Anballungen zukünftiger Abiturienten und damit möglicher Studienbeginner vermuten. Und das Ziel, Menschen zu einer bestimmten Studienentscheidung zu bewegen, wird auch der stumpfesten Einsicht nicht verschlossen bleiben können. Dennoch wird sich kaum jemand die Frage stellen, wen diese so allsinnlich vorgetragenen Beglückungsideen nun nützen sollen.

Und wenn Sie jetzt ein mögliches Zielpublikum für diese Kampagne sind; wenn Sie demnächst ihr Abitur machen und noch beeinflussbar in Ihrer eventuellen Studienwahl sind; wenn Sie an das große Geld glauben, das dadurch entstehen soll, dass ein Computer rattert, während Sie sich ausruhen – denken Sie bitte noch einmal nach! Hören Sie vielleicht auch meinen Rat, der sehr anders klingt als das Geschwafel der Informatikbejubler:

Und fangen Sie kein Studium der Informatik an!

Außer natürlich, Sie lieben wenig stabile Lebensverhältnisse und ziehen bis zu drei Mal im Jahr um; leben also gern wie ein Nomade, nur mit deutlich mehr Gepäck. Dann wird es Ihnen nichts ausmachen, dass Sie je nach aktuellem Bedarf eingestellt und gefeuert werden und lustig durch die Republik tingeln. Heiraten sollten Sie sich besser abschminken, und an Kinder ist gar nicht zu denken. Aber Kinder sind ja auch nicht so modern wie diese geilen geilen Maschinen. Und wer will schon so etwas wie eine Familie, wenn er die warme Gemeinschaft des Internet erlebt?

Und außer natürlich, Sie haben nichts dagegen, dass die Verdoppelung der im Arbeitsvertag festlegelegten Wochenarbeitszeit im Zweifelsfall eine unbezahlte Selbstverständlichkeit ist, die still schweigend von Ihnen erwartet wird. Und auch die vertraglichen Arbeitsstunden werden Ihnen des Öfteren nicht bezahlt, so dass Sie Ihrem sauer erarbeiteten Geld hinterherrennen können und Sie dennoch monatelang auf Ihrem ganzen Kostenapparat (Miete, Ratenzahlungen, Strom, Heizung etc.) sitzen bleiben und ganz unerwartet hoch verschuldet sind. Es gibt nicht nur Arbeit bei Siemens, und die meisten Unternehmer dieser Branche scheinen eher die Meinung zu vertreten, dass es ein Fehler ist, den Menschen für ihr „Computerhobby“ auch noch Geld zu bezahlen.

Und außer natürlich, es stört Sie nicht weiter, dass die Kommunikation in denjenigen Unternehmen, die immer von Kommunikations-Technologie sprechen, miserabel ist und dass die Programmierer deswegen einen Großteil ihrer Überstunden damit zubringen, die unhaltbaren Versprechungen irgendwelcher Kaufleute unter Zeitdruck umzusetzen, die sich jeden Tag auf’s Neue als technische Analphabeten erweisen. In der Regel wird einer von diesen technischen Analphabeten ihr Chef sein, und der ist zudem oft noch cholerisch.

Und außer natürlich, es ist Ihnen egal, dass Sie wegen Ihrer Arbeitsbedingungen jeden Tag am Rechner sitzen und sich widerlichen, ungenießbaren und ungesunden Mikrowellen-Fraß reinschaufeln. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Umgebung sein, in der das die Normalität ist; und wenn Sie lieber „etwas Richtiges“ essen wollen, wird man Sie mit Misstrauen beäugen. Der Mensch, der sich die weiche, labberige, schmierige Pizza aus der Mikrowelle mit kaum unterdrücktem Widerwillen reinfrisst, ist meistens der Administrator.

Und außer natürlich, es macht Ihnen auch nicht aus, dass Arbeitnehmerrechte in Ihrem Umfeld irrelevant sind, dass Gewerkschafter nicht eingestellt oder schnell wieder gefeuert werden und dass sich diese Situation nach der gerade von der großen Koalition beschlossenen Abschaffung des Kündigungsschutzes – sorry, der Ausweitung der Probezeit auf zwei Jahre – noch verschärfen wird.

Und außer natürlich, Sie finden es eine schöne Lebenseinstellung, anderen Menschen immer wieder in’s Angesicht mit vollem Bewusstsein Lügen zu erzählen — zum Beispiel den Kunden Ihres Arbeitgebers, denen Sie mit Ihrer „technischen Kompetenz“ irgendeine nicht funktionierende oder unfertige Scheiße andrehen sollen, die Ihren Arbeitgeber etwas reicher macht. Aber wenn man selbst so viel belogen wird, wie Sie es jeden Tag bei ihrer Arbeit erleben werden, dann wird man auch stumpf gegen einen solchen Missbrauch der menschlichen Haltung des Vertrauens. Deswegen auch das technische Wort vom und die technischen Lösungen zum customer relationship management, es ist eben ein technischer Vorgang.

Und außer natürlich, die persönliche Aussicht, mit fünfunddreißig Jahren Stammkunde bei ihrer Arbeitsagentur zu werden, weil Sie wegen Ihres „hohen“ Alters keiner mehr einstellen will, erscheint Ihnen erstrebenswert. Immerhin, da haben Sie dann endlich einmal Zeit für sich selbst, wenn Sie hochverschuldet und vielleicht auch mit ein paar psychosomatischen Zipperlein von den Almosen der Elendsverwaltung leben und gelegentlich auf zu einem Bewerbungstraining gezwungen werden, wo Ihnen ein ziemlich unkundiger Dozent erklärt, wie man eine schriftliche Bewerbung mit Word schreibt. Da haben Sie dann sogar mal wieder Zeit, gründlich eine gute Zeitung zu lesen; ich empfehle die Frankfurter Allgemeine oder die Neue Zürcher, das sind noch einigermaßen lesenswerte Zeitungen. Und da können Sie als weggeworfener Informatiker dann immer wieder mal lesen, dass es in der IT-Branche einen Fachkräftemangel in Deutschland geben soll. Sie werden das zwar nicht glauben, wenn Sie während Ihrer Wartezeiten auf der Elendsagentur so um sich schauen, aber die breite Masse des blöde blökenden Stimmviehs und die Pawlowschen Geistesschwachen aus der p’litischen Kaste werden es glauben. Und das ist die einzige Zielrichtung dieser Meldungen. Sie sind uninteressant geworden, und junge Experten aus Indien und Russland arbeiten viel billiger als Sie.

Kurz: Wenn es ihnen nichts ausmacht, nur ein Stück Menschenmaterial zu sein, eine leicht austauschbare und völlig würdelose Batterie im betrieblichen Produktionsprozess, dann sind Sie im Informatikstudium und in den sich daraus ergebenen Karrieremöglichkeiten Berufsmöglichkeiten Möglichkeiten der unwürdigen Maloche genau richtig aufgehoben.

Aber sagen Sie jetzt nicht mehr, Sie hätten ganz andere Vorstellungen davon gehabt! Sie sind gewarnt worden, und das hoffentlich deutlich genug.

Und zwar von

Elias Schwerdtfeger
einem weggeschmissenen Informatiker

Nachtrag vom 23.11.2006: Einge Menschen haben diesen Text bei seiner Erstveröffentlichung für eine Satire gehalten. Es ist keine Satire. Alle beschriebenen Ereignisse habe ich als Informatiker selbst erlebt. Das gilt auch für die Mikrowellen-Pizza, die erlebte ich sogar drei Mal als regelmäßiges Notessen eines Administrators. Glauben sie ja nicht, dass sie in einem Programmierbetrieb eine anständige Küche vorfinden.

Tatsächlich bin ich nach meinem „Verbrauch“ in dieser Branche hochverschuldet. Seit ich vom Betteln lebe, muss ich wenigstens nicht mehr hungern. Und auch das ist keine Satire, sondern tägliche Realität in der BRD.

Blindes Reden über Licht

Wenn ein Blinder über’s Licht redet, dann werden die meisten vernünftigen Menschen dem Inhalt solcher Rede nicht besonders viel Aufmerksamkeit schenken. Aufgrund der bestehenden Einschränkung des Blinden in der Wahrnehmung von Licht ist die Chance nur gering, dass die Mitteilung dem Sehenden etwas Neues und Wichtiges mitteilt.

Ganz anders ist das, wenn unser derzeitiger Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Interview mit der Westfälischen Rundschau über Bewusstsein redet. Solchen Worten wird eine enorme Aufmerksamkeit zu Teil, sie werden sogar in der Zeitung abgedruckt und von den staatlichen und wirtschaftsfinanzierten Massenmedien zitiert. Und das, obwohl sich in diesen Worten eine erhebliche und erbärmliche Armut an Bewusstsein mitteilt, die, wenn sie schon nicht direkt in Blindheit fußt, doch wenigstens ihre Wurzel in ideologischer Verblendung unseres Kanzlers haben muss.

Sollte es sich jedoch weder um Blindheit noch um Verblendung handeln, dann ist’s ganz offensichtlich Lüge, also bewusst ausgesprochene Unwahrheit. Das sich in solcher Lüge im Vorfeld der Bundestagswahl keineswegs überraschend mitteilende Bewusstsein entspräche dann dem ungebremsten Machtwillen und der vollkommenen Volksmissachtung eines von seinem Egowahn angetriebenen Spitzenkandidaten im Politshowgeschäft der Jetztzeit. Gleich, welche Deutung man den nachfolgend zitierten Worten auch beilegt, eine Wahlempfehlung für Schröder und seine SPD sind sie nicht, jedenfalls nicht für Menschen, die denken und lesen können. Aber an diese scheint sich der Wahlkampf ja schon lange nicht mehr zu richten, was sich ja auch überdeutlich in der allgegenwärtig plakatierten Nullinformation zeigt.

Genug der Einleitung, jetzt komme ich endlich zu den tollenWorten über Bewusstsein, die unser Medienkanzler in’s eifrige Mikrophon des Reporters gepustet hat. Denn Schröder hat keineswegs auf sein Bewusstsein hingewiesen, sondern er hat Bewusstsein gefordert. Und zwar von den Unternehmen. Aber vorher nahm dieser Inbegriff eines Menschen, der mit seinen so genannten »Reformen« in beispielloser Verantwortungslosigkeit die menschlichen und sozialen Grundlagen des Miteinanders in Deutschland ruiniert hat, noch das Wort von der „Verantwortung“ in seinen Mund.
Und er meinte damit keineswegs, dass er sich für seine Verrichtungen und Vernichtungen verantwortlich fühlt.

Nein, Verantwortung ist für die anderen, und ausnahmsweise diesmal für die Unternehmen in Deutschland. Im Originalton Schröder liest sich das so:

Auch global tätige Unternehmen müssen erkennen, dass sie nicht nur eine betriebwirtschaftliche, sondern auch eine nationale und regionale Verantwortung haben – eine Verantwortung für Standorte und Arbeitsplätze.

Es mag ja sein, dass Schröders persönlichste Konkurrentin im Wahlkampf, Frau Merkel, gelegentlich sehr peinliche Probleme mit Begrifflichkeiten wie „brutto“ und „netto“ hat. Aber diese kleinen Schwierigkeiten wirken überaus harmlos gegenüber dem sich hier in der Person Schröders darstellenden Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen; ein Verständnis, welches übrigens die verheerende P’litik der letzten sieben Jahre hervorbrachte.

Also noch einmal in aller Ruhe, damit’s auch ein Schröder versteht. Weshalb kommt es zu einer Unternehmung? Etwa aus Langeweile? Oder weil man gern seine Kraft und sein Geld in einem riskanten Spiel verzockt? Richtig! Wegen der Absicht, Gewinn zu erwirtschaften. Unternehmungen, bei denen diese Absicht sich nicht erkennbar und wirksam in allen Entscheidungen widerspiegelt, existieren auch nicht besonders lange – die Konkurrenz schläft nicht.

Und zu welcher Verantwortung führt diese Situation? Richtig! Zur Verantwortung, mit dem in der Unternehmung eingesetzten Kapital möglichst sicheren und reichlichen Gewinn zu erzielen.

Und was ist die Folge dieser Verantwortung in der Situation eines entfesselten, immer globaler werdenden Wettbewerbs? Richtig! Die Folge ist, dass der aus dieser Verantwortung erwachsene Druck auf den unternehmerisch tätigen Menschen enorm wird, alles dafür zu tun, dass die Retabilität des eingesetzten Kapitals so gut als möglich maximiert wird.

Und? Was hat das mit Nationen, Regionen und Menschen zu tun? Richtig! Diese sind nur Bedingungen einer Produktion, die um jeden Preis optimiert werden muss, sie sind gewöhnliche Produktionsfaktoren und werden letztlich auch in der gleichen kultur- und menschenverachtenden Weise kalkuliert. Wenn diese Bedingungen dem unternehmerischen Ziel nicht förderlich sind, dann werden sie eben beeinflusst oder nach Möglichkeit ausgetauscht. Ist doch ganz einfach, Herr Bundeskanzler!

Übrigens, Sie und Ihre wortbeflissenen Schergen haben für die hier beschriebene Situation ein ganz klares, sehr „positiv“ klingendes Wort auf den Lippen. Sie nennen das „Fortschritt“, und Sie wollten und wollen diesen so genannten „Fortschritt“ um jeden Preis fördern, auch wenn sie dafür nach den geisteskranken Ideen eines korrupten Hurenbocks wie Herrn Hartz „fordern und fördern“ müssen. Dieser kindische und unbedingte Glaube an den so genannten „Fortschritt“ ist eine der wenigen Kontinuitäten sozialdemokratischer P’litik im Nachkriegswestdeutschland – und er hat nennenswerte Teile des Landes in eine moderne Form der Wüste verwandelt.

Die Verantwortung dafür, dass aus der beschriebenen Situation des Unternehmers nicht eine Form des menschlichen Miteinanders wird, die den angeblich „unantastbaren“ Rahmen des Grundgesetzes (Würde, Freiheit und Gesundheit des einzelnen Menschen) verlässt, liegt übrigens nicht bei den völlig vernünftig handelnden Unternehmern, sondern bei der P’litik, die dem unternehmerischen Handeln einen Rahmen und damit auch Grenzen zu verschaffen hat. Zumindest gilt dies, wenn man an die Idee der „sozialen Marktwirtschaft“ glaubt – übrigens ein Wort, dass seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatsordnungen in Osteuropa immer seltener aus Mündern von Politdarstellern aus der BRD zu hören ist. Man könnte fast glauben, dass da keine dräuende Angst vor einer Revolution des Proletariats mehr ist.

Und Sie, Herr Schröder, Sie haben in den letzten sieben Jahren P’litik gemacht. Und Sie haben dabei keineswegs nur, wie im Grundgesetz eigentlich vorgesehen, die Richtlinien der P’litik bestimmt, sondern alles in irgendwelchen Kommissionen aus gierkranken Menschen zur Chefsache gemacht und sowohl ihre Ministerbank als auch das Parlament zur bloßen Applausmaschine für ihren Taten und Tätlichkeiten degradiert. Also erzählen Sie mir nichts über anderer Leute Verantwortung!

Nun, Herr Bundeskanzler, fahren Sie fort in ihrem Referat!

„Ich glaube, dass es bei den Unternehmen eines neuen Bewusstseins bedarf“, erzählte da unser aller Bundeskanzler weiter. Um dann damit fortzusetzen, dass die »einseitige Shareholder-Value-P’litik«, die nur den Gewinn der Aktionäre im Blick habe, an ihre Grenzen gestoßen sei. Zwar müsse das Betriebsergebnis stimmen, dennoch könnten Großunternehmen »viel von den Mittelständlern lernen, die immer auch ihre gesellschaftliche Verantwortung im Blick hatten«.

Was für eine gequirlte Scheiße Sie da doch schon wieder von sich geben, Herr Schröder. Wissen Sie’s nicht besser, oder halten Sie die Menschen in Deutschland wirklich für so blöd?

Also, fangen wir ’mal von hinten an. Offenbar haben Sie in BWL nicht so gut aufgepasst, deshalb wieder gaaanz langsam: Was ist der Unterschied zwischen einem mittelständischen Unternehmen und einem Großunternehmen? Die Größe? Na ja, das ist als Antwort etwas dünne.

Ich weiß, das ist eine schwierige Sache mit dem abstrakten Denken, Herr Bundeskanzler, dieses Problem haben laut PISA-Studie auch ganz viele Schüler in Deutschland. Also etwas konkreter.

Was ist der Unterschied zwischen der weltweit operierenden Volkswagen AG und einem ihrer mittelständischen Zulieferer, den wir hier einmal Peiner Blech & Lack GmbH nennen wollen?

Ah, jetzt wird’s Ihnen deutlicher! Sehen Sie, das habe ich mir gleich so gedacht. Ein konkretes Beispiel, und schon verstehen Sie. (Dummkopp!) Sicher, beide Unternehmungen sind eigenständige juristische Personen und keine Personengesellschaften. Aber die Gesellschafter des Blechwalzers aus Peine sind noch die Firmengründer oder ihre Nachkommen und haben von daher eine gewisse persönliche Beziehung zum Standort ihres Betriebes. Ganz einfach, weil sie dort im Schützenverein sind, weil sie an den Stadtfesten beteiligt werden, weil sie unmittelbar vor Ort sind. Dass da eine gewisse Verantwortung für eben diesen Ort entsteht (und von der Bevölkerung zuweilen auch sehr persönlich eingefordert wird), ist nur logisch. Und dass eine solche unmittelbar empfundene Verantwortung einige der schlimmsten Exzesse gewinnorientierten Wirtschaftens etwas abmildert, ist ein sehr begrüßenswerter Nebeneffekt, den Sie hier allerdings in einen etwas sonderbaren Kontrast stellen wollen, Herr Schröder.

In wessen Hand befindet sich nämlich unser anderes Beispiel, Volkswagen? Wie sie an dem angehängten Kürzel AG sehen können, befindet sich VW im Besitz seiner Aktionäre, die übrigens weltweit verstreut sind und mit dem Erwerb dieser Aktien in der Regel nur ein Ziel verfolgen, nämlich von Wertsteigerungen und Dividenden zu profitieren. Und diesen Aktionären ist die Geschäftsführung von VW Rechenschaft schuldig, nicht ein paar Schützen aus der Nähe eines Betriebsstandorts. Und wie jeder aufgeweckte Achtjährige nachvollziehen kann, resultiert aus dieser völlig anderen Gegebenheit eine völlig andere Verantwortlichkeit. Nur sie scheinen ein Problem damit zu haben, so etwas zu verstehen! Oder wollen Sie uns schon wieder für dumm verkaufen?

Übrigens war es Ihre wie aus dem Tollhaus tolle Idee, mit der Riester-Verrentung die Alterssicherung der Bundesbürger von der zukünftigen Wertsteigerung der Aktien abhängig zu machen.

Von daher sollten Sie solche Zusammenhänge doch schon einmal gehört haben, oder treffen Sie Ihre Entscheidungen ohne diese lästigen Phasen des Nachdenkens, Erwägens und Erörterns?

Dann ist es Ihnen sicherlich auch klar, dass finanziell gut ausgestattete, große Aktiengesellschaften unter dem Druck des Wettbewerbs ganz anders agieren können (und müssen) als es dem kleinen Mittelständler auch nur möglich wäre. Die Verlagerung ganzer Produktionsstätten in Staatsgebilde mit besseren Rahmenbedingungen ist zwar aufwändig, aber doch möglich und sie wird auch durchgeführt, wenn sich das mittelfristig oder langfristig rechnet. Für unseren Peiner Blechwalzer, der leider sehr abhängig von einem solchen Kunden wie VW ist, bedeutet so etwas denn die Insolvenz. Und wenn Sie einmal dieses dicke Zahlenwerk vom Statistischen Bundesamt zur Hand nehmen würden, dann würden Sie mit eigenen Augen sehen, dass so etwas eine immer häufigere Begebenheit in deutschen Landen ist. Dafür führt das Statistische Bundesamt übrigens seine ganzen Statistiken: Um Ihnen, Ihren Ministern und dem Parlament korrekte Daten zu liefern, damit Ihre Entscheidungen nicht völlig den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollten Sie unbedingt ’mal reinschauen, ist sehr informativ!

Ach ja, der Bezug zur Wirklichkeit! So so, die einseitige Shareholder-Value-P’litik ist also „an ihre Grenzen gestoßen“. Es ist ja verständlich, dass Sie das statistische Jahrbuch etwa so interessant wie einen Fahrplan finden, aber wenigstens in die Zeitungen sollten Sie gelegentlich einen Blick werfen. Und bitte nicht nur in die Bildzeitung, aus der Sie offenbar die Anregungen für Ihren „argumentativen“ Stil erhalten. Ein kurzer Blick auf die Börsenentwicklung würde Ihnen schnell klar machen, dass da von einer Grenze keineswegs die Rede sein kann.

Und mit dieser Zusammenstellung dummer Phrasen wollen Sie den Unternehmen sagen, dass es bei ihnen eines „neuen Bewusstseins“ bedarf. Mit Verlaub, Herr Bundeskanzler, sie reden vom Bewusstsein wie ein Blinder vom Licht! Aber das deutete ich ja schon eingangs an. Diese Phrasen richten sich nicht an Unternehmer, sondern an die Wähler, die von Ihnen offenbar für strohdoof gehalten werden.

Das einzige, was sie mit einer solchen Verlautbarung bezwecken, ist die Verdunkelung des Bewusstseins im Wahlvolk. Man kann förmlich aus jeder Zeile herauslesen, wie sehr Ihnen dieses Bündnis von Lafontaine und Gysi zusetzt, das so viele frühere SPD-Wähler anzieht. Und jetzt, nachdem Sie jahrelang das Ansehen als Genosse der Bosse genossen haben, müssen Sie unbedingt dem Unbehagen der abhängig Beschäftigten ein paar linkstümelnde Worte hinwerfen.

Vor einer Wahl erweckt das weder Glauben, noch ist es würdig, und es ist schon gar nicht glaubwürdig. Es ist einfach nur die gleiche Bevölkerungsverarschung, die Sie schon seit ein paar Jahren betreiben, während Sie Ihre Aufgabe als Volksvertreter darin zu sehen scheinen, das Volk meistbietend zu verkaufen. Und was mich als Deutscher daran so sehr beschämt und traurig macht, das ist die stumpfsinnige Gleichgültigkeit, in der so etwas vom größten Teil der Bevölkerung hingenommen wird.

Da können Sie sogar locker eine Lüge wie „Ich bin ein Gegner jeder Lohndrückerei“ aussprechen, ohne dass Ihnen auch nur die verdiente Ohrfeige droht. Was meinen Sie wohl, wie sich die von Ihnen eingeführten, leicht verfügbaren Ein-Euro-Jobber auf das allgemeine Lohnniveau auswirken werden. Oder ist Ihnen dieser Zusammenhang auch wieder zu komplex?

Ich sehe, an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Ob Sie ein chronischer Lügner, ein ehrloser Lump oder ein uneinsichtiger Idiot sind, das vermag ich nicht zu entscheiden. Ein gut geeigneter Bundeskanzler, der die Richtlinien der zukünftigen Politik festlegen soll, der sind Sie jedenfalls nicht.

Unfreiwilliger Klartext

Jörg Schönbohm, Innenminster des Landes Brandenburg, tritt ja immer schnell und vorlaut mit der Forderungen nach neueren und schärferen so genannten „Sicherheitsmaßnahmen“ an die medienhörige Öffentlichkeit. Und heute hat er zu diesem Zweck eine unfreiwillig deutliche Stellungnahme bei der Bild-„Zeitung“ abgelassen.

Nehmen wir einmal an, dass das stets an die dumpfesten Affekte appellierende Machwerk aus dem Hause Springer unseren hochgeehrten Herrn Schönbohm richtig zitiert hat – das ist bei diesem Blatt wahrlich keine Selbstverständlichkeit -, sprach dieser bürgerlicher Vertreter eines allpotenten Staates nach stalinistischem Vorbild angesichts des britischen Fahndungserfolges folgende Worte in das hörige Diktiergerät eines nicht ganz koscheren Reporters: „Der rasche Ermittlungserfolg der britischen Polizei unterstreicht den Nutzen der Videoüberwachung. Wir brauchen den umfassenden Einsatz der Videokameras auf rechtsstaatlicher Basis für öffentliche Plätze, Bahnhöfe, Flughäfen und andere wichtige Bereiche.“ (Hervorhebung von mir.)

Vielen Dank nochmal, Herr Innenminister, das war klar! Sie haben mit diesen Worten (wohl eher ungewollt) eingeräumt, dass die bereits jetzt bestehende Allgegenwart von Überwachungskameras an allen möglichen und unmöglichen Orten, die mit ihrem zwingenden Blick auf den Ameisenhaufen der Volksmasse herunterblicken und dabei jeden nicht ganz durchschnittlichen und angepassten Menschen in ein verdächtiges Subjekt verwandeln, eben keine rechtsstaatliche Basis hat. Wenigstens erscheint Ihnen die rechtsstaatliche Basis solcher Einrichtungen zweifelwürdig – und so verschieden unsere Auffassungen in anderen Punkten auch sein mögen, darin kann ich sie gut verstehen.

Und wenn ich die nächste voyeuristisch in die Öffentlichkeit glotzende Kamera sehe, dann werde ich daran denken und von meinem vielleicht nicht juristisch abgesicherterten, aber sehr wohl aus meiner Würde erwachsenden Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch machen.

Terror

Der heutige Morgen in London war kein guter Morgen, wirklich nicht. Kurz nach 9 Uhr explodierten koordiniert in mehreren viel benutzten Bussen und U-Bahnen Bomben, verletzten oder zerfetzten ein paar ansonsten für die Massenmedien nicht weiter interessante Menschen und lieferten passende Bilder für die aktualitätshysterischen flackernden Volksempfänger.

Der Betrag meiner Anteilnahme mit den Opfern dieses Anschlages ist zu klein, als dass ich an dieser Stelle Anteilnahme heucheln möchte. Vielmehr fällt mir das große „Geschick“ der „Terroristen“ in der Wahl des Zeitpunktes und des Ortes auf. Wenn man dann dazu ein wirklich obskures Bekennerschreiben einer bislang nicht bekannten „islamistischen“ Gruppierung lesen darf, das natürlich anonymen Ursprungs und von gnadenlos schlechter Formulierung ist und darüber hinaus von jedem hätte geschrieben sein können, dann stellt sich mir als erstes die Frage nach dem Nutzen und den Nutznießern dieses brachial ausgeführten Mordens.

Der Zeitpunkt dafür war wirklich überlegt gewählt. Durch das G8-Gipfeltreffen war Großbritannien voll von Journalisten aller Art, so dass die Kunde vom Anschlag sich gewiss schnell verbreiten würde. Die Uhrzeit der Durchführung, kurz nach neun Uhr, war so gelegt, dass die große Morgenwanderung der Menschen zu ihren weit entfernten Arbeitsplätzen, der so genannte „Berufsverkehr“, gerade vorbei war, so dass die Anzahl der Opfer nicht so groß wurde. Die Stadt London ermöglicht als wichtiger europäischer Finanzplatz viele Annahmen zur Deutung einer unbekannten Intention. Das „weiche Ziel“ (dies ist der zynische Originalton der deutschsprachigen Massenmedien, es sind nicht meine Worte) Nahverkehr sorgt für eine Ausbreitung des Gefühls des persönlichen Bedroht-Seins in den breiten Massen der Bevölkerung, es könnte wahllos jeden treffen.

Gerade noch sprachen die so genannten „Staatsmänner“ auf dem G8-Gipfel über die Überschuldung der ärmsten Staaten dieser Welt, jetzt sprechen sie über die große Bedrohung durch den „islamistischen Terror“. Und zwar in den üblichen Phrasen. Sie sprechen davon, dass der Terror nicht gewinnen dürfe, dass es sich um einen Anschlag auf die Demokratie handele, dass diesem barbarischen Akt entschieden entgegen getreten werde und viel derart aufgeblähtem Blahs mehr.

Und der größte zurzeit lebende Terrorist auf dieser Welt, US-Präsident, Frommheuchler und Weltenbrandleger George „Warhead“ Bush, sprach von der Fortsetzung seiner staatlichen Terrormaßnahmen in der Welt – sorry, von der Fortsetzung seiner Kriege gegen den „Terrorismus“. Und wenn keine Gründe für solche Kriege da sind, dann denkt man sich eben mit allem Geschick der Geheimdienste ein paar mit gefälschten Belegen gestützte aus, wie etwa bei der völkerrechtswidrigen Zerschlagung des Regimes von Saddam Hussein im Irak, der ja auf so einem großen Haufen gefährlicher Massenvernichtungswaffen sitzen sollte.

Auch andernorts – und damit auch hier in der BRD – wird man in den nächsten Tagen viel von Sicherheit faseln. Gemeint ist mit diesem Wort die schleichende Abschaffung jener vorgeblich „unabdingbaren“ Rechte, die uns vor ein paar Jahrzehnten noch als deutlicher Vorzug unserer Gesellschaftsform gegenüber stalinistischen und sozialistischen Entwürfen angepriesen wurden. Das müssen wir dann eben hinnehmen, es könnte ja schließlich jeden treffen.

Eine sehr nützliche Angstausbreitung für jene Volksvertreter und Volksverkäufer, die unter weniger verängstigten Zuständen durchaus auch eine gewisse Furcht vor ihrer eigenen Bevölkerung haben müssten. Wenn man sieht, wer den Nutzen hat, dann könnte man fast denken, dass die gleichen Mächte dahinter stecken.

Bei aller Nutzbarmachung des Anschlages durch Polittreibende der westlichen Welt wird natürlich eine Kleinigkeit nicht erwähnt werden. Nämlich, dass die Stadt London die am stärksten kameraüberwachte Stadt Europas ist. Und, hat das einen derartigen Terroranschlag verhindern können? Auch die Einführung der Biometrie (also die Behandlung jedes Menschen als potentiellen Kriminellen), die Willkür computergestützter Rasterfahndung und selbst (wie in Israel durchgeführt) der Aufbau von Sperrzäunen können einen Terroranschlag nicht verhindern. Aber wie gesagt, das alles wird nicht weiter erwähnt werden, den Rest erledigt die flackernde Hirnzersetzung durch den Fernseher.

Wieso ich so fürchterbar teilnahmslos über die Toten und Verletzten des Anschlages hinweggehen kann?

Ganz einfach. Ich kenne diese Menschen nicht, ich habe es nur mit einem durch Massenmedien und jetztzeitigen „Journalismus“ hochgespülten Ereignis zu tun, das für mich ohne jede persönliche Bedeutung ist. Wäre ein persönlicher Freund unter den Opfern, dann sähe das etwas anders aus.

Und die Art, wie der Blick der Massen von der Journallie auf die „richtigen“ Ereignisse gelenkt wird, kann mich nur zynisch machen, weil sie selbst viel zynischer ist, als ich jemals werden könnte. An diesem Tag sind ungefähr 30 Menschen in London gestorben, vielleicht kommen noch mal 30 dazu. Ein großes menschliches Leid hängt daran. Ebenfalls an diesem Tag sind stumm und von aller Journallie unbeachtet zwischen 45.000 und 65.000 siechende Menschen verhungert, und zwar nicht, weil’s irgendwo Krieg, Missernte, Unwetter oder andere medienwirksame Ereignisse gibt, sondern als Folge eines täglichen Zustandes permanenter Unterernährung.

Unterdessen reicht die jetzige, durch Fleischproduktion ineffiziente
Weltnahrungsmittelproduktion schon dafür hin, zwölf Milliarden Menschen satt zu kriegen. Aber das ist ja ein Problem, diese Fülle, und deshalb werden viele Nahrungsmittel vernichtet, um die Preise stabil zu halten. Und es ist dann ein viel besseres Geschäft, wenn man laut werbend spricht, dass Gentechnik das Welthungerproblem löse, welches übrigens nur ein Gierproblem der Reichen und Satten ist. Und als besondere widerliche Form der Elendsausbeutung verkauft man dann den Elenden dieser Welt für teures Geld ein gentechnisch entwertetes Saatgut, dessen Früchte sich nicht mehr aussäen lassen – um aus dem Elend noch weitere wirtschaftliche Abhängigkeit zu schaffen.

Das nenne ich Terror! Und gegen diesen Terror führt keiner irgendeinen Krieg, da müssten sich die USA auch selbst bombardieren. Die Ereignisse in London wirken dagegen beinahe harmlos. Auch wenn der Eindruck für einen Medienbenutzer ein anderer sein mag.

Datenstriptease

Die Bundesagentur für Armut und billige Arbeitskräfte hat es gewiss nicht leicht. Die Mitarbeiter dieser Elendsverwaltung sind mit der äußerst undankbaren und objektiv unmöglichen Aufgabe konfrontiert, arbeitslos gemeldete Menschen in ausreichender Zahl in Beschäftigung zu vermitteln, auf dass die Vorgaben aus Berlin und Nürnberg erfüllt sind. Hauptsache, die Statistik stimmt.

Leider gibt es dabei ein schweres Problem. Den gemeldeten knapp fünf Millionen arbeitslosen Menschen – und hinter dieser Zahl verbergen sich gut acht Millionen arbeitslose Menschen, da einige Menschen in sinnlosen, zeitlich begrenzten Zwangsmaßnahmen der Bundesagentur sind, während sich so manch anderer Mensch nicht mehr arbeitslos melden will oder kann und sich statt dessen irgendwie durchschlägt – stehen nur so mickrige dreihunderttausend bis vierhunderttausend offene Stellen gegenüber. Dass es unter solchen Umständen überhaupt noch offene Stellen gibt, sollte jedem Denkenden offenbaren, dass die Arbeitsbedingungen mancherorts nicht mehr viel mit der grundgesetzlich verbrieften „menschlichen Würde“ zu tun haben werden.

Wo im Rahmen der Hartz IV-Reformen so für die Statistik gearbeitet wird, da gibt’s natürlich auch ein paar „Kollateralschäden“ – etwa die in vielen Agenturen zu beobachtende Tendenz der Mitarbeiter zur „inneren Kündigung“, die angesichts der Rahmenbedingungen in den lokalen ARGEn durchaus verständlich ist. Es geht hierbei nicht nur um unerfüllbare Anforderungen, sondern auch um schlechte Kommunikation und ungeregelte Kompetenzverteilung zwischen den Rest-Sozialämtern und den Mitarbeitern der Bundesagentur, um eine fehlerhafte Software, die regelmäßig jede Antragsbearbeitung über Tage hinweg unmöglich macht, während die Arbeit sich auf dem Schreibtisch stapelt und um die frustrierende Unmöglichkeit, unter solchen Umständen überhaupt noch von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen in Arbeit vermitteln zu können. Wenn’s einen Ort gibt, an dem ich zurzeit auf gar keinen Fall arbeiten möchte, dann ist’s die Bundesagentur für Arbeit – es reicht, gelegentlich von Bekannten am Rand mitzubekommen, was dort vor sich geht.

Wo sinnvolles Arbeiten nicht möglich ist, aber wegen der p’litischen Vorgaben ein Ziel erreicht werden muss, da stellt blinder Aktionismus schnell sich ein. Und wo die menschlichen Grundlagen der Tätigkeit vollends verloren gegangen sind, da kommen so genannte „Entscheidungsträger“ in Deutschland immer wieder gern auf die Idee, dieses Problem technisch zu „lösen“. So etwa im Fachkonzept »Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II«. Ich will die menschenverachtende Sprache dieses Titels hier nur am Rande würdigen; wer in Elend und Armut der Menschen einen „Fall“ sieht, der „beschäftigungsorientiert“ zu „managen“ ist, der schreibt über den Toren seiner Behandlungsanstalten für diese „Fälle“ auch schon mal so etwas wie „Arbeit macht frei“. Da wundert es dann auch nicht, dass solch’ sprachliche Offenbarung in einem Programm mit dem ebenfalls deutlich-deutschen Namen „Fördern und Fordern“ findet.

Wie schon gesagt, bei all’ diesem Gelaber und Geschreibe entmenschter Bürokraten kommt nach wie vor eine offene Arbeitsstelle auf fünfzehn bis zwanzig arbeitslose Menschen. Dieses Verhältnis darf man niemals aus den Augen verlieren, wenn man die Verwaltungs- und Vergewaltigungsakte beurteilen will.

Nein, es geht mir mehr um die inhaltliche Idee des bösen Pamphlets, das bereits jetzt in Verwaltungspraxis umgesetzt wird. Die Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit sollen in äußerster Schamlosigkeit und technokratischer Barbarei plump persönliche Fragen an die arbeitslosen Menschen stellen, zum Beispiel nach persönlichsten Beziehungen und Freundschaften, und das bin hin zu intimeren Details. Und die so gewonnenen Informationen werden in die große Datenverarbeitung eingespeist, und dann wird damit so genanntes „Data Mining“ betrieben.

Was dieses „Data Mining“, dieser Datenbergbau, sein soll?

Vielleicht haben Sie es schon einmal am eigenen Leibe erfahren, das kann wirklich schnell passieren. Etwa, wenn Sie, obwohl ihr Einkommen völlig hinreichend ist und einige Ihrer Bekannten keine derartigen Probleme haben, einfach keinen Ratenkredit von einer Bank bekommen können oder sich Ihre Hausbank weigert, Ihren Dispo anzuheben. Natürlich wird dafür kein Grund angegeben, und wenn Sie darüber nachdenken, will Ihnen beim besten Willen kein objektiver Grund dafür einfallen.

Und natürlich haben Sie dabei eine blütenreine Schufa.

Es liegt wahrscheinlich an Ihrer persönlichen Kombination aus Alter, Geschlecht, Wohngegend und Beruf.

Wie bitte? Was das mit Ihrer Bonität zu tun haben soll?

Das kommt ganz auf die Betrachtung an. Die Kreditinstitute sind immer wieder damit konfrontiert, dass sie auf Forderungen sitzen bleiben. Und sie haben damit verbundene Daten, eben die Stammdaten ihrer Kunden. Und dann wird mit Hilfe spezieller Programme dieser Datenbestand durchgewühlt, um Merkmalskombinationen zu ermitteln, die in der Vergangenheit mit einem höheren Risiko für die Bank verbunden waren. Und dieses Risiko, was sich so in der Statistik zeigt, wird dann in Zukunft von der Bank gemieden. Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun, es kann ihrer finanziellen Situation spotten, aber in Ihrer Kombination von Datenmerkmalen liegt für die Bank ein »höheres Risiko«, und deshalb müssen Sie auf bestimmte Leistungen verzichten oder viel größere Mühen in Kauf nehmen, wenn Sie solche Leistungen von Ihrer Bank erlangen wollen.

Auf Ihre besondere Situation wird aus dieser Betrachtungsweise heraus nicht mehr eingegangen. Sie sind in dieser Betrachtung kein Kunde mehr, jedenfalls nicht mehr als Mensch. Sie sind eine Ansammlung erfassbarer Merkmale. Das ist alles, worauf es in einer solchen Betrachtung noch ankommt. (Vergleichen Sie das bitte einmal mit der Reklame der Banken, und dann bilden Sie sich selbst Ihr Urteil über diese verbrecherischen Lügner.)

Und solche Vorgehensweisen sollen jetzt ein Vorbild für die Arbeitsvermittlung durch die Bundesagentur für Armut und billige Arbeitskräfte werden. Und wie schon zweimal gesagt, bei diesem „Konzept“, das sich konzeptbedingt durch völlige Verachtung des Individuums hervortut, wird nichts an der grundlegenden Situation geändert, dass auf eine verfügbare Arbeitsstelle zurzeit fünfzehn bis zwanzig arbeitslose Menschen kommen.

Nicht ein Mensch kann durch eine solche Vorgehensweise zusätzlich vermittelt werden. Nicht eine Arbeitsstelle entsteht durch eine solche Vorgehensweise.

Aber dennoch, es entsteht eine Wirkung auf die Menschen, die mit einem solchen „beschäftigungsorientierten Fallmanagement“ behandelt werden. Sie müssen, von ihrer durch die Geldarmut und Arbeitslosigkeit bedingten Not angetrieben, einen intimen Datenstriptease vor einem Mitarbeiter einer deutschen Bundesbehörde machen, ohne dass es einen sachlichen Grund für diese Befragung gibt und ohne dass die dabei auftretenden statistischen Muster eine einzige zusätzliche Arbeitsstelle schaffen oder die Möglichkeiten der Vermittlung verbessern könnten.

Das ist nur noch entwürdigend. Das ist nur noch Terror. Und wenn der Terror schon nicht die Absicht hinter diesem „Konzept“ ist, so wird er doch billigend in Kauf genommen. Als individuell zugeschnittene Form der Vermittlung, die in der Selbstbeweihräucherung der Bundesagentur immer so aufdringlich proklamiert wird, kann so etwas ja wohl nicht gemeint sein!

Und dann ist da noch diese Verschiebung der Aufmerksamkeit, die im Rahmen eines solchen „Konzeptes“ befördert wird. Als Ursache der Arbeitslosigkeit wird hier durch eine deutsche Bundesbehörde nicht der objektive und statistisch hervorragend erfasste Mangel an Arbeitsstellen betrachtet und behandelt, sondern intime Details aus dem Leben des Arbeitslosen, von dem in einem solchen Gespräch mehr an Stumpfheit und Selbsthass gefordert wird als man ihm jemals in irgend einer Förderung zurückgeben könnte. Er ist arbeitslos, weil er den falschen Lebensgefährten hat oder eine bestimmte Form der Freizeitgestaltung bevorzugt, nicht weil es einfach keine Arbeit gibt – oder genauer gesagt, weil’s immer weniger Unternehmen gibt, der für Arbeit bezahlen wollen. Das ist die Krönung der bisherigen Frechheiten im Zuge der so genannten »Reformen« unter dem Schröderregime. Zu Ende gedacht bedeutet es, dass man die Arbeitslosigkeit als von den Arbeitslosen verursacht betrachtet und sie irgendwann auch so behandeln wird – vielleicht sogar mit jener technokratisch-seelenlosen und mechanischen Mordlust, die typisch für die jüngere deutsche Geschichte ist, als Endlösung des Arbeitslosenproblemes.

Für mich ist mit dieser Vorgehensweise einer deutschen Bundesbehörde jede weitere Toleranz gegenüber den hier entstehenden Zuständen unmöglich geworden. Es handelt sich nur noch um eine schamlose Kriegserklärung gegenüber denjenigen Menschen, die eh schon die Verlierer des derzeitigen gesellschaftlichen Prozesses sind. Und es wird höchste Zeit, dieser Kriegserklärung die angemessene Erwiderung entgegenzuschleudern.

Etwas besseres als den Tod finden wir überall!