Kurz verlinkt (3)

Fefe über die scheinbare Inkompetenz und Dummheit der Regierungen bei ihren Maßnahmen gegen die Terrorismus.

Geldspielgeräte

Die Struktur des großen Prozesses, der zurzeit über der Gesellschaft abläuft, lässt sich oft am besten verstehen, wenn man sie an einem kleinen Ausschnitt betrachtet. Vieles kann zum Beispiel schon daran abgelesen werden, wie sich die Spielsysteme von Geldspielgeräten im Laufe der Zeit in der BRD verändert haben.

In der BRD gab und gibt es für Geldspielgeräte immer einen sehr engen gesetzlichen Rahmen. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu den Verhältnissen in vielen europäischen Nachbarstaaten. Der gesetzliche Rahmen regelt die minimale Spieldauer, den Höchsteinsatz, die Auszahlquote und früher regelte er auch die Häufigkeit von Gewinnen.

Wie alles begann: Die Groschengräber

NSM Rotamint Gold, 1961 - ein klassisches GroschengrabVor einigen Jahrzehnten war dieser gesetzliche Rahmen eindeutig und wurde auch von den Herstellern der Geräte beachtet. Der Höchsteinsatz für ein Spiel betrug 10 Pfennig, ein Spiel hatte 15 Sekunden zu dauern und es durfte höchstens der zehnfachen Einsatz als Gewinn gegeben werden. Tatsächlich lässt sich in der Enge dieses Rahmens deutlich eine Absicht des Gesetzgebers erkennen: Es sollte der möglichen Spielsucht an allgegenwärtig verfügbaren Spielgeräten entgegen gewirkt werden, indem die mögliche Gewinnausschüttung gedeckelt wurde, die Einsätze nur geringwertig waren und das Spiel vergleichsweise langsam ablief.

So waren die frühen Spielgeräte in der BRD auch kaum dazu geeignet, den Spieler im Rausch des eigenen Adrenalins fortzureißen. Es waren die alten „Groschengräber“ mit folgendem Spielablauf:

  1. Groschen einwerfen.
  2. Spielergebnis abwarten und dabei eventuell mal einen Umlaufkörper nachstarten oder vorzeitig stoppen.
  3. Am Ende des Spieles den eventuell ausgezahlten Gewinn von maximal einer Mark entnehmen.

Weder wird bei derartig harmlosen Geräten jemand Haus und Hof verzocken, noch besteht die Gefahr, dass jemand aus lauter Frust und Enttäuschung nach verlustreichem Spiel einfach „die Kiste“ kaputt schlägt.

Kein Adrenalin als körpereigene Droge, keine Sucht. Einfach nur etwas verplempertes Wechselgeld. Fast völlig harmlos. Und ein Spielsystem wie eingeschlafene Füße…

Wie man trotz der Gesetzeslage hohe Gewinne gibt

Damit ließ sich nun kein großes Geschäft machen, und so suchten die Hersteller von Geldspielgeräten nach Möglichkeiten, im Rahmen dieser Verordnungen doch noch ein süchtig machendes Spiel zu realisieren. Dabei ließ man sich auf Seiten der Hersteller von der Auffassung leiten, dass nichts so aufregend ist wie die Möglichkeit großer Gewinne; es musste also die Deckelung der Gewinnhöhe mit einem Kunstgriff in die Grauzone der Verordnungstexte umgangen werden.

Wulff Krone Garent (1967), das erste Spielgerät mit geballten Gewinnauszahlungen in der BRDNur zu diesem Zweck wurden die „Spiele mit erhöhter Gewinnerwartung“ — später als „Sonderspiele“, „Superspiele“ und mit ähnlichen Begriffen bezeichnet — geschaffen. (Der erste Spielautomat mit einem derartigen Spielsystem war der nebenstend abgebildete Krone Garant der Firma Wulff.) Statt eines verbotenerweise direkt ausgezahlten großen Gewinnes wurde der große Gewinn einfach in kleine, gesetzlich zulässige Häppchen zum jeweils 10fachen Einsatz zerteilt. Auf diese Weise wurde doch ein ekstatischer Großgewinn, eben ein Seriengewinn ermöglicht.

Bei Automaten mit diesem Spielsystem wurde es erstmals für den Spieler „sinnvoll“, mehr als ein paar dürftige Groschen in ein Spielgerät zu werfen. Im Zuge der damit angestoßenen Entwicklung wurden denn auch Einwurfmöglichkeiten für immer höherwertige Münzen (und später sogar Einzüge für Banknoten) und die technische Einrichtung von Zählern zur „Münzvorlage“ eingeführt, um die neue und teurere Spielweise für den Spieler leicht und bequem zu machen. Es sollte ja schließlich auch einfach sein, sein Geld zu verzocken.

Wie beim Gesetzgeber jede Einsicht und Vernunft fehlt

An dieser Stelle hätte der Gesetzgeber in der BRD eigentlich einsehen müssen, dass die ursprüngliche Absicht der Suchtprävention mit den gesetzlichen Vorgaben nicht erreicht werden konnte. Der gesetzliche Rahmen war im Grunde sinnlos geworden.

Eine solche Einsicht wäre die Chance gewesen, vernünftige neue Regelungen für ein kleines Glücksspiel zu schaffen, das transparent für den Spieler ist und die schlimmsten Exzesse der möglichen Spielsucht bekämpft. Diese Chance wurde gründlich verpasst, stattdessen wurde an den inzwischen sinnlos gewordenen Regelungen herumgeflickt. Es ist ein typisches Stück Realp’litik der BRD — keine sinnlos gewordene gesetzliche Regelung wird jemals in vernünftiger Weise neu gestaltet oder vielleicht sogar aufgegeben.

Rotomat Trianon (Wulff, 1974) - dieses Gerät konnte durchaus bis zu 100 Mark Gewinn am Stück auszahlenDie Erhöhung der erzielbaren Gewinne ging indessen immer weiter: Es gab 50er-Serien, es gab 70er-Serien, es gab 80er-Serien, schließlich gab es irgendwann an allen Geräten mögliche 100er-Serien. Gewinne in der Größenordnung des 400fachen Spieleinsatzes wurden in der diffus gewordenen gesetzlichen Situation von überall herumstehenden Spielgeräten angeboten. Es ist kein Wunder, dass nun auch einige Menschen damit begannen, viel mehr Geld zu verspielen, als sie übrig hatten. Um dies zu erreichen, wurden die hohen Gewinnmöglichkeiten ja (unter Umgehung des Geistes des gesetzlich vorgesehenen Rahmens) auch eingeführt.

Doch auch das war noch nicht das Ende der Entwicklung, da sich in diesem Prozess die Aufmerksamkeit der Spieler verschob.

Durch die Einführung von Guthaben-Zählern und Serien von Spielen mit erhöhter Gewinnerwartung änderte sich bei den meisten Spielern die Vorstellung davon, was ein Gewinn sei. Kaum jemand empfand die Aufzählung von 80 Pfennig auf einem Zählwerk noch als „richtigen“ Gewinn, dieses Geld wurde ja gleich wieder verspielt; es hatte den Charakter einer Spielverlängerung. Was nun als der eigentliche Gewinn an deutschen Geldspielgeräten empfunden wurde, das waren allein die Serien.

Wie man scheinbar häufig wirkliche Gewinne gibt

Um in diesem von der geschäftlichen Gier angestoßenen Prozess die Spielgeräte für den Spieler anziehend zu machen, mussten häufige Seriengewinne gegeben werden — oder doch wenigstens Spielelemente eingebaut werden, die dem Spieler stets das Gefühl vermitteln, dass er sich unmittelbar vor dem Gewinn einer Serie befinde.

ADP Merkur (1978) - das erste Gerät mit vielen Kleinserien.Hier hat sich in besonderer Weise die Firma ADP mit den ersten Merkur-Geräten (siehe nebenstehende Abbildung des ersten Merkur aus dem Jahr 1977) hervorgetan. Das System dieser Geräte war so gestaltet, dass es sehr häufig kleine Serien von 2 oder 3 Spielen als Gewinn gab. Natürlich war das nicht ein „Mehr“, da nun auf der anderen Seite die Geldgewinne in mittlerer Höhe nur noch sehr selten gegeben wurden.

Dennoch, psychologisch-subjektiv — und auf diese Ebene kommt es beim Glücksspiel und bei anderen Formen des Betruges einzig an — entstand beim Spieler der Eindruck, dass an diesen Geräten häufig und somit auch viel gewonnen wurde. So konnte sich das neue Spielsystem trotz des etwas lieblosen Designs der ersten Merkur-Geräte schnell am Markt durchsetzen.

So nach und nach wurde in der Folgezeit unter dem Druck der Konkurrenz von fast allen Herstellern die Häufigkeit von Kleinserien deutlich erhöht. Dass diese ganzen kleinen Seriengewinne genauso schnell wieder verzockt werden wie zuvor die direkten Geldgewinne von DM 2,50 und DM 1,80, das haben viele Spieler offenbar anfangs gar nicht richtig mitbekommen. Das war eine gute Vorbereitung für den nun kommenden endgültigen Verlust jener Kleingewinne, die nach der ursprünglichen Intention des Gesetzgebers doch die einzigen Gewinne an Geldspielgeräten sein sollten.

Das mögliche Verwandeln jedes Gewinnes in einen Großgewinn

Merkur Komet (ADP, 1981) - hier konnte jeder Gewinn durch die Risikoleiste in eine 100er-Serie verwandelt werdenDenn der nächste Schritt der Automatenbauer, der schon nach kurzer Zeit alle anderen Spielelemente in ihrer Bedeutung verdrängen sollte, war die Einführung der Risikoleisten.

Eine Risikoleiste wertet jeden kleinen Gewinn auf, indem er zu einem möglichen Großgewinn wird. Es kann so lange verdoppelt werden, bis die höchste mögliche Gewinnstufe erreicht ist. Dabei gehen die Kleingewinne natürlich vollends verloren, kaum ein Spieler nimmt einen Geldbetrag (der ja nur noch als Verlängerung des Spieles und nicht mehr als Gewinn empfunden wird) an, und auch die kleinen Serien werden hochgedrückt — oder eben viel häufiger verloren.

Die ursprüngliche gesetzliche Absicht eines langsamen Spiels mit kleinem Einsatz und Beschränkung auf häufige Kleingewinne war nun völlig dahin. Eine Serie von 25 Sonderspielen (immerhin bei normalem Lauf rund 35 Mark) konnte und kann mit einem einfachen Druck auf eine Taste blitzschnell verloren oder verdoppelt werden. Das war pures Adrenalin, endlich ein richtiger Suchtstoff, mit dem man die Spieler fesseln kann! Erst mit dem Element der Risikoleisten wurde die Spielsucht in der BRD ein größeres Problem. Niemals zuvor und seitdem auch nie wieder hat sich ein einziges Spielelement so rasend schnell wie die Risikoleisten durchgesetzt und die meisten anderen Spielelemente verdrängt.

Das Ignorieren des Problems durch den Gesetzgeber

Die Reaktion des Gesetzgebers auf die neuen Spielsysteme und die gesellschaftlich zu tragenden Kosten durch behandlungsbedürftige Spielsucht ist jedem Beobachter unserer Zeit vertraut: Das Problem wurde einfach ignoriert und die Diffusität und Sínnlosigkeit der bestehenden gesetzlichen Regelungen unverändert aufrecht erhalten. Statt dessen gab es ein paar so genannte „Selbstverpflichtungen“ der Automatenbauer, natürlich ohne besondere Verbindlichkeit. Warum hätte man auch p’litisch etwas tun sollen? Die Umsätze stimmten doch, und über die Umsatz- und die Vergnügungssteuer ging dieses Geld teilweise auch in die öffentlichen Haushalte. Pecuina non olet.

Dieses schlichte Ignorieren eines gesellschaftlichen Problemes durch den Gesetzgeber besteht bis heute fort. Und zwar nicht nur bei diesem Problem, sondern in so vielen Fällen sinnloser Gesetzeslagen in der BRD.

Staatliche Ignoranz + Wirtschaftliche Lobbyarbeit = Schizophrenie

Seit ein paar Monaten ist in der BRD eine neue gesetzliche Grundlage für den Betrieb von Geldspielgeräten in Kraft. Darin wurde p’litisch doch noch so einiges getan, um den schnellen, süchtig machenden Zock mit geringer Hemmschwelle zu ermöglichen — es wurde vom Gesetzgeber nicht etwa gesellschaftliche Verantwortung zum Schutz der Menschen übernommen, sondern ausschließlich den Interessen der Wirtschaftsverbände Rechnung getragen.

Auch dies ist nichts Ungewöhnliches, sondern der normale Zustand in der BRD. Deshalb sieht es in der BRD auch so aus, wie es in der BRD aussieht.

Unter den neuen Bedingungen wird von den Automatenbauern zunehmend nicht mehr der Weg über Serienspiele beschritten, um große Gewinne zu geben. Vielmehr wird entweder um Punkte gespielt, die langsam (im gesetzlichen Rahmen) wieder in Geld verwandelt werden können oder es kommt gleich zu hohen Geldgewinnen, die aber verzögert ausgezahlt werden. Passend zum neuen Spiel mit den großen Zahlen wurde die Spieldauer auf 5 Sekunden gesenkt. Das Spielen an einem heutigen Geldspielgerät ist vor allem schnell, blau, laut und teuer.

Ich komme zum Schluss. (Warum schrieb ich diese Worte nicht schon zu Anfang.)

Der Prozess, der über der Gesellschaft abläuft

Die ganze (noch keineswegs abgeschlossene) Geschichte der Spielsysteme von Geldspielgeräten in der BRD entfaltete und entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen zwei nur scheinbar entgegengesetzten Polen.

Auf der einen Seite ist der enge gesetzliche Rahmen, der oberflächlich vorgibt, die Bürger vor schlimmen Exzessen des süchtigen Spielens zu bewahren. Diese vorgebliche Absicht wird aber durch die erfolgreiche Lobbyarbeit der Wirtschaftsverbände bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt.

Auf der anderen Seite sind da die Automatenbauer und die Aufsteller von Geldspielgeräten, die diesen Rahmen immer schon zu eng fanden, um ein gutes Geschäft mit dem möglichst unkontrollierten Spiel möglichst vieler Menschen machen zu können. Wahrscheinlich würden sie jeden gesetzlichen Rahmen als Einschränkung ihres Rechts betrachten, die Menschen mechanisch abzuzocken.

Die psychologische Kraft, die diesen Prozess ermöglicht hat und bis heute aufrecht hält, ist der teuer erkaufte, vorrübergehende Adrenalinrausch ungezählter Spieler — ist damit letztlich barbarische Irrationalität. Jeder gesellschaftliche Prozess wird nur durch psychologsiche Kraft im Gang gehalten, und je weniger dieser Fakt bewusst ist, desto gefährlicher wird er.

Der Rausch des Spielers am eigenen Adrenalin wird durch den beschriebenen Prozess erzeugt und verstärkt, und er stabilisiert seinerseits den Prozess, dem er entspringt. Der Prozess wird nicht etwa planvoll gesteuert, sondern er läuft als Regelkreis eines Systems über alle beteiligten Personen und Institutionen ab.

Die gesetzlichen Regelungen, die unter den Bedingungen eines solchen über der Gesellschaft ablaufenden Prozesses in der BRD entstehen, sind wirkungslos und stinken nach Heuchelei. Alle in der aktuellen Spielverordnung getroffenen Regelungen sind sinnfrei. Es ist in Gesetzesform gegossene Schizophrenie, wenn einerseits die maximale Gewinnhöhe durch eine Verordnung gedeckelt wird, aber andererseits die Ausschüttung von Großgewinnen in der Form aufeinanderfolgender Gewinnspiele zugelassen wird. Im Moment könnte genau so gut die direkte Auszahlung eines Großgewinnes ermöglicht werden — von Suchtprävention ist in der praktischen Anwendung des gesetzlichen Rahmens schon lange keine Spur mehr (bis auf ein paar recht durchsichtige Feigenblätter).

Und während die Politik sinnlose gesetzliche Regelungen aufrecht erhält, die es auf der einen Seite den Automatenbauern erschweren, ihre Spielsysteme zu realisieren, und die auf der anderen Seite dem Spieler mit völlig intransparenten Spielsystemen konfrontieren, werden die Menschen aus der politischen Kaste nicht müde, in jeder wohlfeilen Rede von den geheimnisvollen „Kräften des Marktes“ und den „aufgeklärten Verbrauchern“ zu plappern.

Willkommen in der BRD.

(Verantwortliches Handeln würde versuchen, den Prozess, der über der Gesellschaft abläuft zu verstehen und im Interesse der Menschen zu lenken, so weit er noch lenkbar ist. Verantwortliches Handeln wird in der Politik der BRD nicht mehr gesehen.)

Abschließende Anmerkungen

Weitere Informationen zu Geldspielgeräten gibt es auf der Website des Automatenmagazins, beim Automatenarchiv und im Goldserie-Forum. Dieser Text wurde ursprünglich von mir für das Goldserie-Forum geschrieben und für die Wiederverwendung teilweise ergänzt.

Mit diesem Text verbinde ich einen ganz besonderen Gruß an Hans Bormann-Eckert und an Patchamanca.

Noch eine Baustelle (aber nicht beta)

Hier wird in einigen Monaten die nicht-öffentliche Fortsetzung von Schwerdtfegers Weblog erscheinen, allerdings nicht mehr ganz so zahm.

Bis dahin bitte noch etwas Geduld. Ich musste mir diese Domain auf WordPress.com sichern, weil sie wie nichts anderes ausdrückt, was ich angesichts der Zwangsfinanzierung des deutschen Staatsrundfunks durch Computerbesitzer ausdrücken will.

Ich bin ja so froh…

…, dass die gesamte Contentindustrie aus vielen Mündern die gleiche Botschaft spricht. Papst Benedikt der Sechzehnte besucht Bayern.

Ich habe ja wirklich schon befürchtet, dieser Pope würde jetztDeutschland besuchen. Dann hätte ich ja extra auf die Straße gehen müssen, um kundzugeben, dass ich überhaupt nicht damit einverstanden bin, dass der letzte seines Amtes waltende Diktator in Europa einen großen Staatsempfang in Deutschland erhält. Aber wenn er Bayern besucht, hat das ja nichts mit Deutschland zu tun.

Es ist auch wirklich besser, dass dieser Unheilige Vater Bayern besucht. Dort hat man Erfahrungen mit großkotzigen Diktatoren (sogar mit den besonders wirren aus Östereich) und schranzigem Adel — und dort wird man auch die Beglückungsideen dieses römischen Blaspheten mit Jubel und im Kopf eingehämmerten Gebetsmühlen aufnehmen. Die applaudieren da ja schon, wenn Ministerpräsident Stoiber mühsam die Wörter aus seiner dunklen Hirnkrypta hervorkramt.

Und so kann ich, aus Deutschland und damit aus sicherem Abstand heraus, dem hohen Gast heute einen netten Tag in der „Hauptstadt der Bewegung“ wünschen.

Zur Inflation der Winkelemente

Es ist ja nicht so, dass ich mir selbst gegenüber völlig unkritisch wäre (auch wenn einige Leser das leicht denken könnten), und so stelle ich mir manchmal auch Fragen zu mir selbst. Warum nur, so frage ich mich, warum nur störe ich mich daran? An diesen ganzen Wimpeln und Fähnchen und Fahnen in bundesdeutschen Farben, die gegenwärtig an allen möglichen und unmöglichen Stellen aufgehängt werden.

Es könnte mir doch eigentlich egal sein. Die Unwelt , in der ich meine trüben Tage fristen muss, ist voll von kranken, hässlichen und dummen Dingen, die mir oft in monströsen Dimensionen gegenüber treten. Da sollte diese relative Kleinigkeit doch nicht über die quasi magische Macht verfügen, mich zusätzlich zu betrüben. Aber unabhängig von solchen oberflächlichen Rationalisierungen betrübt und nervt mich dieser Unsinn, und bis vor ein paar Stunden blieb dies die mechanische Reaktion auf eine völlig unbewusste Wahrnehmung – eben so lange, bis ich mich inmitten der Besinnungslosigkeit besann und mich bemühte, unbewusstes Wahrnehmen und stumpfes Reagieren in Verstehen und vielleicht sogar Vernunft zu verwandeln. (Das mit der Vernunft ist wirklich schwierig.)

Dieser Prozess mit der Erkenntnis begann mit der Frage, was es denn sei, was Menschen dazu bewegt, sich so scheinbar nationalistisch zu verhalten. Einige lautstarke Kommentatoren in den großen Medien sehen – oder besser erwunschträumen sich – in diesem massenhaften Verhalten von Massenmenschen ja schon das aufkeimen eines neuen deutschen Nationalstolzes, der die traurigen Traumata des zwanzigsten Jahrhunderts abzustreifen beginnt. Und dann werden sie, wo sie aus dem Content Kultur heucheln müssen, nicht müde zu erwähnen, dass es doch auch einiges gäbe, worauf man „als Deutscher“ durchaus mit Stolz blicken könnte: Goethe, Kant, Leibniz, die wissenschaftlichen Leistungen und vieles mehr, und schließlich sei Deutschland ja auch gar nicht so hässlich und habe seine ganz eingenen Reize…

Was diese verträumten Blendredner allerdings übersehen, ist die Tatsache, dass sich dieser wohlgelenkte „Nationalstolz“ überhaupt nicht auf solches richtet. Dieser „neue Stolz“ „der Deutschen“ hat weder etwas mit den bunten und oft auch dumpfen landsmannschaftlichen Eigenarten der Bewohner jenes schwer definierbaren deutschen Kulturraumes in Europa zu tun, noch hat er etwas mit dem Staatswesen BRD zu tun. Außerhalb solcher besonderen Zeiten wie dieser Fußball-WM haben die meisten Menschen dieser Region auch eine viel weniger erfreute Haltung gegenüber der Kultur und P’litik in Deutschland, weshalb ihnen aus den Reihen der p’litischen Kaste gern eine gewisse Neigung zur Nörgelei und zum Negativismus vorgeworfen wird.

Nein, dieser gegenwärtige und in vielen infantil anmutenden Eigenarten seiner Erscheinung schon pathologisch wirkende „Nationalstolz“ ist in erster Linie eine Reaktion vieler Menschen in Deutschland auf eine Inszenierung. Es handelt sich damit auch um einen inszenierten „Nationalstolz“, und gerade deshalb macht er oft für einen weniger mitgerissenen Betrachter in Deutschland auch so leicht den Eindruck einer Karikatur des Patriotismus . Im Gegensatz zu einer guten Karikatur kann einem allerdings beim gegenwärtigen Unsinn das Lachen schnell vergehen – es fehlt einfach der Witz darin, der einem lachen lässt, und an seine Stelle tritt tosend tierhafter Bierernst.

Nein, ich sehe nicht in jedem Deutschen, der gerade sein Fähnchen in den Wind hängt, einen Nazi – auch wenn mir das sicherlich wieder schnell und leicht vorgehalten wird. Eine solche Sicht wäre zwar in gewissen p’litischen kreisen populär oder erhielte doch wenigstens Zustimmung, sie wäre aber auch sehr kurzschlüssig.

Die Inszenierung, auf die von den Menschen so emsig Flagge zeigend reagiert wird, lässt sich beliebig vom „Thema Deutschland“ loslösen, sie hat außer ihren Austragungsorten in der BRD und der Tatsache der Teilnahme einer Mannschaft der BRD nichts spezifisch deutsches. Es handelt sich nur um eine große kommerzjelle Veranstaltung der Content-Industrie, um die größte kommerzjelle Sportveranstaltung der Welt, um die Fußball-WM 2006 der FIFA. Was die Menschen auf diese Veranstaltung reagieren lässt, ist nur das systematische Aufblasen dieser Veranstaltung zu einem medialen Großereignis durch Massenmedien, die für Massenmenschen produziert werden. Und der Grund für dieses inszenierende Aufblasen einer Veranstaltung ist keineswegs ein nationalistischer, sondern ein geschäftlicher – die berge von Tinnef, die mit Hilfe das psychischen Hebels Fußball an den Kauftrottel gebracht werden, legen davon so beredtes Zeugnis ab, dass weitere Worte hierzu für den Denkenden und Fühlenden kaum erforderlich sind.

Dieser von einer Inszenierung künstlich angefeuerte „Nationalstolz“ erweckt allerdings gerade in Deutschland gewisse erinnerungen an noch nicht lang vergangene Ereignisse im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Der durch die NSDAP unter der leitung des großartigen Werbefachmannes Dr. Joseph Goebbels angefachte und p’litisch instrumentalisierte „Nationalstolz“ trug den gleichen künstlichen Charakter mit sich, und er war in der Form seiner Inszenierung ebenfalls leicht von allem eigentümlich deutschen zu trennen – tatsächlich wurden die gleichen psychischen Mechanismen auch in verblüffend ähnlicher Weise innerhalb anderer Ethnien zum Zweck der Propaganda eingespannt. Die einzige Voraussetzung für das Gelingen eines solchen Unterfangens scheint es zu sein, dass die Menschen unter der von einer industriellen Entwicklung verursachten künstlichen Not im produzierten Überfluss ihre Individualität aufgeben und an technokratisch verfasste Strukturen abgeben. Aus der mehr unbewussten Wahrnehmung dieser Parallele mag das dumpfe Unbehagen enthüpfen, dass viele wachere Menschen in Deutschland zurzeit verspüren, aber doch kaum angemessen artikulieren können.

Der wesentliche Unterschied in dieser Inszenierung liegt in ihrem anderen Zweck; es handelt sich um eine Inszenierung für eine neue p’litik, für die totalitäre Wirtschaft der zerfallenden Moderne. Die Ähnlichkeit der verwendeten Formen in der Propaganda mag man für ein diffuses Spiegelbild des nach wie vor faschistoiden Charakters industriellen Wirtschaftens halten – dieser Charakter offenbart sich ja zur Bestätigung dieses trüben Eindruckes auch anderwärts, etwa im Sprachgebrauch „wirtschaftlicher Interessenvertreter“: „human resources“, also Menschenmaterial; „lean production“, also die Betrachtung und Behandlung des Menschen als reiner, abzuspeckender Kostenfaktor, „globalisierung“, also die Anpassung menschlicher Gesellschaften an die Bedingung des lichtschnellen Flusses von Buchgeld über die ganze Welt – dieses und viele solcher Worte mehr offenbaren ein mechanistisch-wandkaltes Menschenbild, das durchaus auch die Idee nahelegt, irgendetwas fernab der von Fernsehkameras gelenkten Aufmerksamkeit der breiten Masse „endzulösen“. Und selbst dieses „endlösen“ findet schon statt, allerdings noch nicht meachanisch, industriell und mörderisch, sondern mehr durch Unterlassung.

Die Menschen, die gerade ihre Fähnchen durch die Luft flattern lassen, zeigen mit dieser Geste also nicht eine neue, vielleicht sogar gesunde haltung zu ihrer Heimat; sie dokumentieren ihre persönliche Heimatlosigkeit und den Ausverkauf ihrers Landes an eine totalitäre Wirtschaft. Das dabei aufkommende, gezielt medial inszenierte „Nationalgefühl“ ist in erster Linie ein kostenpflichtiges Surrogat für die verlorene Heimat, und damit übrigens ein sehr gutes Geschäft. Wer hier als massenhaft bewegter Massenmensch mitmacht und sich dem Feuer sythetischer Affekte hingibt, mag sehr patriotisch wirken, in Wirklichkeit beteiligt er sich aktiv am Ausverkauf Deutschlands. In diesem Licht verwundert es denn auch nicht weiter, dass die gleichen Menschen faktisch exterriotiale Zonen um die Austragungsorte und ihren Polizeischutz widerspruchslos hinnehmen, obwohl hier nur die finanziellen Interessen der Veranstalter geschützt werden. Ihnen ist Deutschland scheißegal.

Nur Last bei Feinden

Entschuldige bitte, dass ich dich einfach so duze. Es erleichtert mir, in angemessener Form zu sagen, was gesagt werden muss. Wenn’s dich stört, mach einfach den Browser zu und die Glotze an! Vielleicht gibt’s da ja Fußball. Aber pups mich nicht voll! Außerdem redest du auch nicht anders und nicht einmal in Ansätzen höflich, wenn wir uns irgendwo begegnen. Also halt deine dreckige Fresse und reg dich nicht über so’n Kleinscheiß auf!

In meinem Ton bin ich noch zurückhaltend. Ich bin nämlich echt sauer. Stinksauer, weil irgendwelche dreisten und geldgeilen Verbrecher in meinem Namen eine einladung an dich aussprechen, die ich denn ausbaden soll. Wenn du nur einen Funken Anstand in deinem verrotteten Kopf hast: komm einfach nicht, bleib zu Hause! Wichs dir einen, friss etwas rohes Fleisch oder spiel ein bisschen mit deiner Scheiße rum! Aber erspar mir deine widerliche Anwesenheit!

Du bist nicht mein Freund. Ich bin nicht dein Freund. Und wir werden niemals Freunde werden. Tatsächlich wäre eine Welt ohne dich viel angenehmer, friedlicher, ruhiger und menschlicher.

Und dass du nicht mein Freund bist und ich nicht deiner, dass ändert sich auch nicht dadurch, dass die FIFA und die mir ihr verbündeten Geschäftemacher und sonstigen Gauner überall ausposaunen lassen, zur kommenden WM 2006 sei „die Welt zu Gast bei Freunden“ und sich damit erdreisten, auch für mich zu sprechen. Ich bin nicht dein Freund, sondern dein Feind. Du bist nicht mein Gast, du bist eine Last. Das ist die Wahrheit. Und kein werbender Gehirnpflug dieser Welt kann daran etwas ändern. Und ich hoffe trotz dieser allgegenwärtigen und plaktiven Werbebotschaft sehr, dass die Welt viel Erfreulicheres bereit hält als ausgerechnet dich. Und falls du jetzt denken solltest, ich sei mit dieser ganzen Haltung ein vereinsamter, weltfremder Sektierer: fast alle Menschen in meinem Umfeld sind im Großen und Ganzen der gleichen Meinung wie ich. Egal, was die FIFA und die breit wirksamen, vom Sport besoffenen Medien dazu sagen.

Also: verpiss dich, du stinkst!

Es ist ja nicht so, dass ich dich nicht kennen würde. Ich habe dich wieder und wieder erlebt, wenn ich beim Rausgehen einmal nicht auf Zeiten und Spielpläne achtete. Dann kamst du mir entgegen, du in der Horde deiner „Freunde“; dann zeigtest du dein Gesicht, dass so gar nichts mit den bunten und kindischen Grinsfressen im offizjellen Logo der FIFA für diese Weltmeisterschaft zu tun hat.

Da bist dann du und deinesgleichen auf dem Weg ins Stadion oder auf dem Heimweg: ein besoffener, brüllender, kranke Gewaltbereitschaft ausstrahlender Mob, der mit primitiver und barbarischer Lust seine Bierflaschen auf den Wegen zu scharfen Scherben knallen lässt und dazu fremdenfeindliche Naziparolen schreit. Ein haufen stummer, verkleideter Bückgeister der jetztzeit, die sich zusammentun und lautstark den entfesselten Spießbürger aufführen, dass einem beim Vorbeigehen, Zuhören und Hinschauen so richtig braun vor Augen wird. Morgen bist du wieder ein bedeutungsloses Stück Menschenmaterial im Prozess, der gegenwärtig über der Gesellschaft abläuft; morgen hast du wieder Angst um deinen Arbeitsplatz, nagende Zweifel an deiner Rente und fütterst dein verhungertes Herz mit den entmenschten Affekten der Bildzeitung, um bloß nicht zu merken, wie beschissen dein verkacktes Leben wirklich ist. Aber in deiner tierhaften Horde fühlst du dich so stark, da bietest du sogar mir noch eine frisch polierte Fresse an. Wenn’s die SA noch gäbe, du wärest gewiss begeistertes Mitglied und hättest große Freude am lustigen Mordbrennen zwischendurch. Den dumpfen Ruf „Deutschland, Deutschland!“ zum völligen Ausverkauf meiner Heimat kriegst du ja schon ganz gut hin — und du meinst mit diesem gebrüllten Wort nur das, was so stumpf ist wie du selbst.

Und darum hasse ich dich, du hirnlose Hackfresse. Ich würde dir das gern etwas freundlicher sagen, aber es wäre gelogen. Und es wäre jemanden wie dir, der alles menschliche verneint, überhaupt nicht angemessen.

Wenn du hier wirklich „Freunde“ suchst, versuch es doch mal bei der FIFA! Die sprechen schließlich dauernd davon. Aber schau dir genau an, wie die dich behandeln! Schau dir an, wie sie dich zu einem Datenstriptease zwangen und wie sie dich abzocken wollten, als du eine Eintrittskarte zu einem der Spiele kaufen wolltest! So behandelt man keine Freunde. Trotzdem meint man dort, dass es Umgangsformen sind, die dir angemessen sind. Und wenn ich dich so anschaue: sie haben Recht. Du bist eben komplett balla-balla. Man könnte glauben, du habest nicht mitgemacht, als die Affen Menschen wurden.

Vielleicht betrachtet dich ja die BRD, dieser komische Staat auf deutschem Boden, als Freund. Zumindest reden die ja immer davon, dass sie Gastgeber sind. Aber auch dort weiß man, was man von dir und einem Mob aus Deinesgleichen zu halten hat, Freundchen. Deshalb empfängt man dich der Sicherheit halber lieber mit der Bundeswehr, wohl weil die Waffen der Polizei nicht grobschlächtig genug sind. Eine durchaus zutreffende Einschätzung, die nur dadurch getrübt wird, dass wahrscheinlich zu wenig geschossen wird. Übrigens sollte man bei dir lieber nicht auf den Kopf zielen, es könnte das Ziel verfehlen.

Also geh zu deinen Freunden! Lass dich wie Scheiße behandeln, lass dich abzocken, lass dich erschießen! Und vor allem: Verpiss dich und lass mich mit deiner Gewalt und deinem Gebrüll in Ruhe!

Wider das Krankheitswesen

Ein p’litscher Dauerbrenner in der BRD ist die scheinbar immer wieder erforderliche »Reform« des so genannten „Gesundheitswesens“. Die bisherigen Änderungen des gesetzlichen Rahmens, die dem blöde blökenden Stimmviech als solche Reform verkauft wurden, waren allerdings lediglich Verlagerungen der Kosten des so genannten »Gesundheitswesens« weg von den kränkelnden Kassen der Bismarck’schen Zwangsversicherungen hin zu den jeweilgen „Kranken“. Der Gesamtzustand dieses »Wesens« wurde dabei weder besonders gewürdigt noch wurde über eine Neuordnung nachgedacht. Eine Beschreibung des jetztzeitigen „Gesundheitswesens“ werde ich hier abgeben – sein kostenintensiver Zustand wird dabei wie von selbst als logische Folge der beschriebenen Zustände erscheinen.

1. Es handelt sich nicht um ein „Gesundheitswesen“

Ich beginne meinen kleinen Rundflug mal bei jener Instanz des „Gesundheitswesens“, mit der jeder Mensch irgendwann einmal konfrontiert wird, nämlich dem Arzt.

Eigentlich gibt es genau zwei Gründe, weshalb jemand einen Arzt aufsucht.

Der erste Grund ist der häufigere und eine banale Folge des hier geltenden „Arbeitsrechtes“, er besteht darin, dass jemand einen gelben Zettel für seinen Arbeitgeber benötigt, wenn er sich den jeweiligen Anforderungen seiner betrieblichen Verwertung nicht gewachsen fühlt oder meint, von dieser Knochenmühle dringend ein paar Tage der Pause zu benötigen. Da hierzulande dem Menschen nicht zugetraut wird, dass er selbstständig über den Zustand seiner Gesundheit und Schaffenskraft entscheiden kann, wird diese Entscheidung an einen Arzt externalisiert, der dann die vorübergehende Arbeitsunfähigkeit bescheinigen muss.

Das ist an sich frech und schlimm genug, wenn man einmal darüber nachdenkt. Wie’s mir gerade geht, weiß ich selbst immer noch am genauesten – schließlich „stecke ich in mir drin“. Dennoch muss ich vor einem Arzt den Kasper machen, damit er mir und meinem Arbeitgeber dann bescheinige, wie’s mir geht und dass ich so nicht arbeiten kann. Traue ich meinem eigenen Urteil und rufe meinen Brötchengeber an, um ihn zu sagen, dass ich heute beim besten Willen nicht kann, so werden die meisten Ausraubbeuter dies als Grund zur Abmahnung oder Kündigung sehen. Also muss ich mein in der Regel zutreffendes Urteil über mich selbst von der scheinbaren Objektivität des externen ärztlichen Beurteilens absegnen lassen, um mich gegen diese Gefahr abzusichern. Wer sich solche Regelungen ausdenkt, der teilt damit sein Denken über die Menschen deutlich mit – und wer sich von solchem Denken nicht beleidigt fühlt, muss vom Selbsthass zerfressen sein.

Der zweite Grund ist ein bisschen logischer. Ich gehe zum Arzt, weil ich merke, dass ich krank bin und einer gewissen Hilfe zur Gesundung bedarf.

In beiden Fällen ist die Situation des Arztes die gleiche. Der Arzt hat ein berechtigtes Interesse daran, sein Tätigsein mit der Krankenkasse abzurechnen, und zu diesem Zweck muss er eine „Diagnose“ stellen. Diese Diagnose hat nichts mit dem körperlichen Zustand zu tun, der vom Arzt begutachtet wird, sie dient nur dem technokratischen Zweck der Rechnungsstellung. Durch das Stellen einer Diagnose wird aber aus jedem Arztbesuch eine Krankheit, die der Behandlung bedürftig ist.

Um diesen technokratischen Schwachsinn aufrecht erhalten zu können, werden gegebenenfalls neue Krankheiten erfunden, die dann diagnostziert werden können, etwa der „Reizdarm“, das „chronische Müdigkeitssyndrom“ oder der „psychovegative Erschöpfungszustand“. Keine dieser Diagnosen geschieht auf Grund „objektiver“ Messungen, es handelt sich immer um die Einschätzung eines Arztes. Damit der Unsinn solchen Diagnostizierens nicht gleich jedem auffällt, wird die Leere solcher Diagnosen hinter einem Wust griechischer und lateinischer Ausdrucksweisen verborgen.

Die diffuse Gestalt der „modernen“ Krankheiten führt dazu, dass beinahe jedem Menschen eine Krankheit diagnostiziert werden kann, die behandelt werden kann und dabei natürlich Kosten verursacht. Der Zustand „Gesundheit“ kommt innerhalb dieses Systemes nur noch als seltene Ausnahme vor. Und wenn sich jemand als „gesund“ erweist, so kann dies bestenfalls als Zeichen dafür angesehen werden, dass er noch nicht gründlich genug untersucht wurde.

Das so genannnte „Gesundheitswesen“ produziert Kranke. Der Begriff „Gesundheitswesen“ ist also vollkommen falsch, es handelt sich um ein Krankheitswesen. Das sollte bei allen folgenden Betrachtungen nicht vergessen werden.

2. Die Situation des Arztes

Der Arzt befindet sich innerhalb des Krankheitswesens in einer Situation, die einer kurzen Betrachtung würdig ist. Vieles, was ich an dieser Stelle schreibe, kann als Vorwurf verstanden werden, wenn diese Situation nicht bedacht wird.

Ein Arzt ist ein selbstständiger Unternehmer. Er ist nicht zum Vergnügen tätig, sondern wird wie jeder Mensch in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung von der Not angetrieben, Gewinn erwirtschaften zu müssen. Er hat mit seiner Praxis einen „Kostenapparat“ und natürlich möchte er sich über die Kostendeckung und das nackte Leben hinaus auch einen gewissen Wohlstand (dieses Wort ist einen ganzen Text wert!) erwirtschaften. Er hängt damit genau so in der Scheiße wie seine geplagten Patienten im Wartezimmer.

Das Problem dabei: Ein Arzt verdient nichts am gesunden Menschen; um Gewinn zu erwirtschaften, ist er auf Kranke angewiesen. Genauer gesagt ist er auf Menschen angewiesen, die sich „für krank halten“ und damit seine Leistungen benötigen.

Deshalb hat ein Arzt ein „gesundes Interesse“ daran, seine „Kundschaft“ für „krank“ zu befinden und sie in eine möglichst langfristige Behandlung einzubinden. Diese kleine Randbedingung des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses führt logischerweise dazu, dass ein Arzt alles tun wird, um Krankheiten auch dort zu diagnostizieren, wo sich Menschen in ihrer Selbsteinschätzung für gesund halten. Auf diese Weise werden Menschen zu Patienten. Aus der Sicht des Arztes ist derjenige Patient ideal, der wenig Arbeit macht und doch regelmäßig Geld in die Kasse spült – besonders geeignet sind hier also „Krankheitsbilder“, die mit einfachen Untersuchungen zu „überwachen“ sind und rein medikamentös behandelt werden; jede Untersuchung und jedes ausgestellte Rezept bringt ein paar Euros für die Arztpraxis.

Deshalb entsteht diese an sich sehr sonderbare Neigung zu schnellen Laboruntersuchungen. Ganze Ozeane von Blut werden den Menschen abgezapft und in die Labore verbracht. Ideal ist hier der „erhöhte Cholesterinspiegel“, er macht dem Arzt keine besondere Arbeit, ist mit einer sehr simplen Analyse im Labor fest zu stellen und schafft eine „dauerhafte Kundenbindung“. Behandelt wird hier nicht etwa eine Krankheit, sondern ein nicht normgerechter Analysewert – und da sich ein Mensch wegen einer kalten Zahl nicht gerade krank fühlt, wird das Schreckgespenst des frühen Herzinfarktes an die Wand gemalt, selbst wenn der Wert nur minimal über einen willkürlich und natürlich von Ärzten festgesetzten Grenzwert liegt. Ebenfalls sehr beliebt ist der „hohe Blutdruck“ – zumal inzwischen belegt ist, dass die bloße Situation einer ärztlichen Untersuchung den Blutdruck steigen lässt, was sehr praktisch ist, da es so viele Kranke gibt. Und die Behandlung besteht auch hier im regelmäßigen Ausstellen von Rezepten und Überwachen des Blutdrucks, um den Behandlungserfolg zu überprüfen. Da jede Blutdruckmessung für den so „Erkrankten“ einen gewissen Streß bedeutet, bleibt der Blutdruck auch sicher in behandlungsbedürftiger Höhe.

Nichts kann ein Arzt in seiner eigenen Not weniger gebrauchen als einen Menschen, der seine Gesundheit selbst einschätzen kann und eigenverantwortlich mit sich umgeht. Deshalb tut ein Arzt auch alles, um die Abhängigkeit von seiner Dienstleistung so groß wie nur möglich zu halten. Dies ist die wahre Ursache für das Verstecken nichtsiger Aussagen hinter einer barock aufgeblähten medizinischen Kunstsprache, die aus lateinischen, griechischen und englischen Versatzstücken zusammengebastelt wird. Und natürlich ist’s auch der eigentliche Grund für den wenig informativen Inhalt der meisten Gespräche zwischen Ärzten und Patienten; in der Regel spricht der Arzt hier nur von Laborwerten, die ihn „beunruhigen“ (Achtung Zynismus: in Wirklichkeit aber natürlich beruhigen, weil sie eine Goldgrube sind).

3. Konkurrenz belebt das Geschäft

Der Arztberuf hat (angesichts der beschriebenen Situation des Arztes unangemessenerweise) ein hohes gesellschaftliches Ansehen und ist finanziell fast so lukrativ wie die Demagogie. In der Folge ist die Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, für junge Menschen recht hoch – das soll natürlich nicht heißen, dass zu diesem Entschluss nicht auch ein gewisser Idealismus einen Beitrag leisten kann.

Und in der Folge gibt es trotz abschreckender Rahmenbedingungen außerordentlich viele Medizinstudenten. Und so viel auch gesiebt wird, verlassen viele dieses Studium mit der Berechtigung, als Arzt tätig werden zu dürfen.

Und dies führt weiter zu einer Überversorgung der Bevölkerung mit Ärzten. Der Druck auf den einzelnen Arzt, möglichst viele Kranke produzieren zu müssen, ist deshalb sehr hoch. In logischer Konsequenz entsteht eine aufgeblähte Apparatediagnostik, die in beinahe jedem Menschen irgendetwas von der Norm abweichendes finden wird, was kurzer Hand als behandlungsbedürftige Krankheit definiert werden kann. Entscheidend für den Erfolg des Arztes ist die langfristige Kundenbindung.

Die gerade entstehenden Möglichkeiten genetischer Diagnosen werden hier für einen großen »Krankenzuwachs« sorgen.

4. Erfundene Krankheiten

Um die Geldabschöpfungsmöglichkeiten weiter zu erhöhen, werden beständig neue Krankheiten erfunden oder normale Situationen des Lebens pathologisiert, also für krank erklärt.

Die Lebensabschnitte der Frauen sind hier schon gut ausgebeutet. Es beginnt damit, dass einer Frau schon in der Pubertät die Abhängigkeit von einem (beinahe immer männlichen) Frauenarzt (Doc Fummel) aufgeschwatzt wird, der sie regelmäßig untersuchen soll. Es geht weiter damit, dass mittlerweile beinahe jede Schwangerschaft als „Risikoschwangerschaft“ eingestuft wird, die besonderer ärztlicher Überwachung bedarf – ein „gesunder“ Verlauf ist eine sehr seltene Ausnahme geworden. Nachdem die Zeit des Gebärens vorüber ist, kommt der Lebensabschnitt der Wechseljahre, der selbstverständlich wie eine Krankheit medikamentös behandelt wird. Und im Alter muss sich Frau mit mancherlei Mittelchen gegen allerlei Fährnisse des Lebens helfen lassen, oder sie fällt regelrecht auseinander.

Unterbrochen wird dies von diversen operativen Eingriffen. Die moderne Frau von heute trägt keine Gebärmutter mehr, wenn sie nicht mehr gebären will. Schließlich ist das nutzlose Organ nur eine Krebsgefahr, also raus das kranke unnütze Fleisch! Hinzu gesellen sich in vielen Fällen ein paar kosmetische Eingriffe zur Beseitigung der normalen Spuren des Lebens. Und auch vor den Wechseljahren kann frau Hormone zur Unterdrückung der Regelblutung bekommen. Die so genannten Vorsorgeuntersuchungen sind auch immer eine gute Chance für den Arzt, etwas zu finden.

Das ganze weibliche Leben ist etwas, was durchgehend medizinisch behandelt werden muss. Frau sein bedeutet krank sein.

Bei einer solchen Betrachtung ist’s eigentlich kein Wunder, dass die meisten Frauen mit einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl herumlaufen. Dies führt natürlich wiederum zu Krankheiten. Eine unerschöpfliche Quelle des Umsatzes für das Krankheitswesen. Schade nur, dass einige Frauen da Selbstmord begehen, bevor ihnen ein Arzt die kleinen rosa Glücklichmacher aufschwatzt und damit eine langfristige Geschäftsbeziehung – sorry: ein langfristiges ärztliches Vertrauensverhältnis — begründet.

Beim Manne besteht hingegen noch ein gewisses Ausbeutungspotenzial. Dieses wird gerade bearbeitet. Inzwischen wird es schon als krank erachtet, wenn mann nicht jederzeit eine Erektion haben kann – und Viagra ist ein „ganz dickes“ Geschäft geworden.

4. Die Medikamentisierung der gesamten Gesellschaft

Nun, da das Krankheitswesen so viele Kranke produziert, muss zur Abschöpfung des Gewinnpotenziales auch eine Behandlung der vielen „Krankheiten“ her. Diese Behandlung ist beinahe ausschließlich medikamentös, zum Vorteil der Ärzte, denen diese Behandlung am wenigsten Arbeit macht, während sie dennoch hohen Umsatz bei guter Patientenbindung generiert.

In der Definition von neuen Krankheiten lässt sich beobachten, dass den Möglichkeiten der Pharmaindustrie gefolgt wird. Erektionsstörungen werden sehr viel häufiger von Ärzten diagnostiziert, seit es Viagra gibt – vorher galt es offenbar als normal, wenn mann nicht immer einen hoch bekam. Jetzt ist das Können ein Muss. Wir merken uns: Orgasmus kommt von Orgasmüssen…

Jeder ganz gewöhnliche Lebensabschnitt und jedes Hervorbrechen eines menschlichen Charakters kann als krankhaft definiert, von Ärzten diagnostiziert und medikamentös behandelt werden (Nein, die folgende Liste ist nicht vollständig. Ich habe meine Recherche abgebrochen, weil ich endlich etwas schreiben wollte):

Kind ist schlecht in der Schule? Dann hat’s wahrscheinlich ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, und dafür gibt’s hübsche Tabletten. Die fallen zwar als wirksames Aufputschmittel unter’s Betäubungsmittelgesetz (und sind deshalb in der Verschreibung für den Arzt etwas umständlich, da das Rezept in dreifacher Ausführung ausgeschrieben werden muss und der ganze Vorgang für zehn Jahre archiviert werden muss), aber zur Behandlung einer Krankheit kann auch ruhig mal ein bisschen Methylphenidat verabreichen. Da werden die Kleinen auch gleich pflegeleichter in der Schule – wohl auch ein Grund, weshalb sich der Verbrauch an diesem »Medikament« zurzeit jährlich verdoppelt, obwohl es bleibende Hirnveränderungen hinterlässt. Aber diesen Preis ist die wirksame soziale Kontrolle doch wert, oder?

Kind ist schwer erziehbar? In den USA der Hauptgrund, einem Kind „Prozac“ zu verschreiben. Das macht’s Erziehen auch gleich viel einfacher, egal, ob’s die Lehrer oder die Eltern sind, die da erziehen.

Traurig? Ängstlich? Da gibt’s viele Mittchel gegen. Inzwischen ist sogar die Trauer nach einem Todesfall eine anerkannte und diagnostizierbare Krankheit geworden, und diese kann bequem mit wirksamen pharmazeutischen Hirnweichspülern behandelt werden. Dies ist kein Witz, wer’s nachlesen will, der schaue sich die pathologische „Anpassungsstörung“ (ICD-10, F43) an.

Schüchtern? In den USA ist die „soziale Phobie“ eine diagnostizierbare Krankheit. Die „soziale Angststörung“ betrifft dort immerhin 13 Prozent der Bevölkerung und ist damit eine der häufigsten psychatrischen Störungen. Was haben die Menschen nur früher, ohne „Paxil“ gemacht? Wahrscheinlich waren sie einfach so, wie sie waren. Und lebte ich in den USA, mir hätten sie auch Paxil verschrieben, so schüchtern wie ich bin.

Frau hat Regel? Das ist vor der Regel gern das „prämenstruelle Syndrom“ (behandelbar mit „Sarafem“) und während der Regel sowieso eine erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung. Am besten, man unterbindet die Regelblutung gleich vollständig.

Schlaflos? Der Klassiker unter den diffuseren Krankheiten. Schließlich muss mensch in der Nacht schlafen, auch wenn ihm die Anforderungen seiner gegenwärtigen Lebensphase keine Ruhe mehr lassen. Niemand hat die Zeit, darauf zu warten, dass er von selbst müde wird. Deshalb her mit den wirksamen Penntabletten! Übrigens ist’s ein bemerkenswertes Zusammentreffen, dass die Schlaftablette und die Glühlampe im gleichen Jahr erfunden wurden.

Müde? Das könnte das „chronische Müdigkeits-Syndrom“ sein. Dass ein Mensch einfach nur erschöpft ist, das gibt’s nicht mehr in der Welt des Krankheitswesens. Also rein mit dem chemischen Wachmacher! Wenn man denn abends nicht mehr pennen kann, nimmt man halt ’ne Schlaftablette dazu.

Appetitlos? Das ist gefährlich, ganz zweifellos. Wenn’s anhält, könnte der Patient doch glatt verhungern, also muss die Appetitlosigkeit behandelt werden.

Übermäßiger Hunger? Das ist gefährlich, da droht unbehandelt das Übergewicht und der damit verbundene Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinspiegel. Gut, dass es Tabletten dagegen gibt, sonst würden wir alle früher sterben.

Wechseljahre? Gerade bei der Frau geht dieser Abschnitt mit ganz vielen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einher, die allesamt behandelt werden können und auch behandelt werden. Inzwischen hat man aber entdeckt, dass auch der Mann eine solche körperliche Umstellung erfährt – wir dürfen gespannt auf neue Krankheitsnamen und Tabletten warten. Und natürlich auf die groß angelegte Werbekampagne, damit die Männer auch damit anfangen, sich wegen normaler körperlicher Vorgänge für krank zu halten. Bei Frauen macht man diese Gehirnwäsche ja schon seit Jahrzehnten.

Angst vor Medikamenten, Nebenwirkungen von Medikamenten oder ärztlicher Behandlung? Diese angesichts der Situation völlig natürliche Reaktion ist natürlich eine behandlungsbedürftige Krankheit, eine besondere Form der Angststörung. Und zur Behandlung gibt es wirksame Medikamente.

Nebenwirkungen von Medikamenten? Nicht wenige Verschreibungen richten sich schließlich nur gegen die Nebenwirkungen der verschriebenen Medikamente. Da schluckt man doch gleich wieder sorglos seine bunten Pillen.

5. Zum Schluss

So lange ein Arzt in einer kapitalistischen Gesellschaft nur davon leben kann, dass die Menschen krank sind, haben wir hier ein Krankheitswesen, welches diagnostizierte und behandlungsbedürftige Kranke produziert. Den Preis dafür zahlen zum größten Teil die für alle Beteiligten praktischen Bismarck’schen Zwangsversicherungen, die Kranken zahlen aber immer mehr aus der eigenen Tasche hinzu.

Eine Reform kann nur damit beginnen, dass aus dem Krankheitswesen wieder ein Gesundheitswesen wird. Dies ist nur möglich, wenn der Arztberuf aus der kapitalistischen „Ethik“ der Gewinnmaximierung und des Wettberwerbes herausgenommen wird und ein Arzt fortan davon leben kann (und muss), dass die Menschen gesund sind. Das gesamte Verhältnis zwischen Arzt und Patient würde in der Folge ein anderes werden. Im Moment sieht man aber nicht das Krankheitswesen als Problem an, sondern die Kosten dieses kranken Zustandes für die kranken Kassen der Krankenkassen. So genannte „Reformen“ verlagern immer mehr von diesen Kosten auf den Kranken, und ein Ende dieses Prozesses ist noch nicht abzusehen. Die finanzkräftige Pharmaindustrie kann kein Interesse daran haben, dass die Medikamentisierung der Gesellschaft ein Ende nimmt – die Aktionäre der großen Unternehmen wollen schließlich eine Rendite sehen. Und zu diesen Aktionären gehören durch die „Reform“ der Rentenversicherung (Riester) auch immer mehr Investmentfonts, welche die Renten der Zukunft sichern sollen. Wer hier die P’litkaste bezahlt und damit Entscheidungen erkauft, sollte allgemein bekannt sein – oder sich wenigstens aus dem aufmerksamen Studium der Nachrichten oder Tageszeitungen erschließen.

Wenn man mitbekommt, dass der Zug, in dem man sitzt, gegen eine Wand gefahren wird, dann ist es Zeit, auszusteigen.

Diese Gesellschaft wird gegen die Wand gefahren. Das Krankheitswesen ist nur ein kleiner Teilbereich, den ich hier nicht einmal ausführlich „gewürdigt“ habe.

Die Begegnung mit dem Schrecklichen

Es gibt ein Phänomen, das viel zu wenig beachtet, ja, von den meisten Zeitgenossen in verlachener Weise verdrängt wird. Es gilt als Erscheinung der Sommerzeit des Journalismus, als Thema, mit dem die Rotationsmaschinen beschäftigt werden, wenn’s keine p’litischen Meldungen zu vermelden gibt. Es ist nicht einmal leicht, das gefühlte Gesamte des Phänomens zu beschreiben — ich spreche hier kurz von der Begegnung mit »dem Anderen«, von der Begegnung mit »dem Schrecklichen« an sich.

Etwas, was nicht an den Himmel gehört: ein UFO Die Erscheinungsformen solcher Begegnung sind vielfältig. Da tauchen fremdartige geometrische Strukturen in bewirtschafteten Feldern auf, bei deren Anblick jedem völlig klar ist, dass es sich nicht um natürlich entstandene Formen handeln kann, die so genannten »Kornkreise«. Da glauben Menschen in abgelegenen Gewässern plötzlich fremde Wesen zu sehen, die dort bei vernünftiger Erwägung niemals existieren könnten, die diversen Seeungeheuer, deren bekanntester Vertreter wohl »Nessie« ist, auch wenn die Existenz von »Mokele Mbembe« sehr viel glaubwürdiger erscheint. Andere Menschen behaupten mit großer Überzeugung, groß gewachsene Mischwesen zwischen Mensch und Affe beobachtet zu haben, je nach Ort der Beobachtung spricht man von »Yeti«, »Sasquatch« oder »Bigfoot«.

Und es gibt noch mehr sonderbare Tiere, die in bestimmten Regionen immer wieder von Menschen beobachtet werden: Flugsaurier, Säbelzahntiger – »Tigre de Montagne«, Löwen mit dem Fellmuster eines Leoparden – »Marozi«, Zwergelefanten, riesige Krokodile in Afrika – »Mahamba«. Auch die europäischen Alpen sind keineswegs frei von unerklärlichen zoologischen Sichtungen, die Berichte über ein sonderbares Reptil, den »Tatzelwurm«, scheinen durchaus auf ein mögliches wirkliches Tier hinzudeuten. Die ernsthafte Beschäftigung mit solchen, nur durch Berichte von Augenzeugen und lokale Legenden bekannten Tieren ist Aufgabe der Randwissenschaft der Kryptozoologie — wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, wird mit Google schnell fündig werden. Mein Thema ist es nämlich nur zum Teil.

Festhalten will ich für mein Thema erstmal nur eines: Von den besagten Tieren wurde niemals ein Kadaver oder ein Skelett gefunden, es gibt keine wirklich überzeugenden Fotos oder Fährten. Die einzige Spur, die von ihnen hinterlassen wurde, ist die grenzenlose Verblüffung und Verwirrung (oft auch Verängstigung) in einigen wenigen Menschen, die von ihrer Beobachtung berichten.

Es wurde eben etwas gesehen, was es in der bewussten und normalen Sphäre von Erfahrungen nicht geben darf. Das ist, wie ich später noch ein bisschen weiter ausführen werde, kein neues Phänomen. Es gibt aber eine typisch moderne Ausprägung davon, die einer genaueren Beleuchtung würdig ist.

Für mich ist das UFO-Phänomen der Prototyp der Begegnung von Zeitgenossen mit dem Unfassbaren. Wahrscheinlich weiß jeder Leser, was unter einem UFO zu verstehen ist, so sehr ist dieses Thema Bestandteil der modernen Folklore geworden: Eine flugfähige Erscheinung, die scheinbar in der physikalischen Wirklichkeit auftritt, aber auch nach eingehender Begutachtung ihres Verhaltens und ihrer Eigenschaften durch Experten nicht identifiziert werden kann.

Dass ein normaler Mensch der Jetztzeit, vor allem, wenn er in einer künstlich beleuchteten Stadt lebt, schon mal den Mars oder den Jupiter für ein Flugobjekt hält, spielt dafür keine Rolle — sobald die Beobachtung und ihre Position einem Astronomen beschrieben wird, ist die Zuordnung der Leuchterscheinung zu einem Objekt am Firmament eine einfache Sache geworden: Aus dem UFO, dem unidentifizierbaren Flugobjekt ist ein IFO, ein identifiziertes Flugobjekt geworden. Was aber auch nach harten Nachforschungen durch Experten unerklärlich bleibt, das ist ein Kandidat für das UFO-Phänomen. Die Frage, ob es sich dabei um Erscheinungen handelt, die durch außerirdische Besucher verursacht wurden, kann nicht vernünftig beantwortet werden — da die Natur des Phänomens nicht genügend erfasst ist. Dass sich aber beinahe jeder eine außerirdische Besatzung vorstellt, wenn er an ein UFO denkt, ist durchaus von Belang.

Die Idee einer Besatzung mag auch darin wurzeln, dass sich UFOs oft so verhalten, als würden sie unter einer intelligenten Kontrolle stehen. Die beobachteten Flugbahnen wollen für den (immer mit seinem Bewusstsein während seiner Begegnung interpretierenden) Beobachter einfach nicht zu einer natürlichen Erscheinung wie etwa Kugelblitze, Meteoriten, Wirbelwinde oder Nordlichter passen, das UFO wird gelegentlich (vor allem bei Beobachtungen aus großer Nähe) klar als abgegrenzte materielle Entität erkannt. Was allen Beobachtungen gemeinsam ist, das ist der Eindruck einer bedrückenden, manchmal auch beängstigenden Fremdheit des beobachteten Objektes.

Einige Menschen berichten auch (unter Hypnose) davon, dass sie von einer UFO-Besatzung entführt wurden, dass sie von fremdartigen, sich roboterhaft verhaltenen und dabei völlig stummen, aber doch entfernt anthropomorphen Wesen in ein seltsames Gefährt geführt wurden, dort gewissen Untersuchungen unterzogen wurden und zum Abschluss des traumatischen Erlebens in Hypnose versetzt wurden und im somnambulen Bewusstsein den Befehl erhielten, diese Erlebnisse zu vergessen. Bei dem Klassiker derartiger Berichte, der Geschichte von Betty und Barney Hill, führte dies zu einer langen Phase (einer natürlich vorher nicht vorhandenen) psychischen Instabilität, die erst durch eine hypnotische Behandlung wieder ein Stück weit überwunden werden konnte, wobei dann die Erlebnisse das erste Mal erinnert und geäußert wurden.

Ich habe persönlich immer wieder Menschen kennengelernt, die irgendwann in ihrem Leben eine UFO-Beobachtung gemacht haben — und alle diese Menschen entsprachen keineswegs dem Bild des »Spinners«, der sich eine Geschichte ausdenkt, um sich selbst interessanter zu machen. Ihr Umgang mit einem solchen Erlebnis war immer das Verdrängen- und Vergessen-wollen, obwohl es sich den Erzählungen zu Folge keineswegs um besonders erschreckendes Erleben handelte. Die bloße Existenz einer Erscheinung, die einfach und völlig unerklärlich in die sonst so geordnete und verstandene Welt hereinbricht, scheint genügend traumatisierendes Potenzial zu haben, und der bewussten Auseinandersetzung mit einem solchen Erlebnis scheint eine immense Unlust zu widerstreben. Die häufigste Form der Verdrängung, die ich dabei gehört habe, war übrigens das Hinwegerklären der Erscheinung mit einer völlig unzureichenden Hypothese, deren dürftige Begründung schon bei einfachem Nachfragen abbröckelt. In der Psychoanalyse würde man von einer Rationalisierung sprechen. Ich hatte beinahe jedes Mal, wenn ich eine solche Erzählung hörte, den klaren Eindruck, dass mein Mitmensch wirkliches (und eben auch sehr beängstigendes, unheimliches) Erleben wiedergibt. Die einzige Ausnahme war die erste Erzählung, die mir zu Ohren kam — damals wollte ich mein frisch erworbenes, rationelles Weltbild nicht in Frage stellen lassen und tat den Bericht ohne Bedenken und ohne eine Spur von Selbstkritik als »Spinnerei« ab, was mir im Nachhinein sehr leid tut, zumal dieser Mensch ein paar Jahre später verstarb und meine neue Offenheit nicht mehr erlebte. (Ich war nicht immer so wie heute. Menschen entwickeln sich.)

Um dieser möglichen Frage einger Leser gleich zu begegnen: Nein, ich selbst habe niemals ein UFO-Erlebnis gehabt, und nach allem, was ich darüber gehört habe, verzichte ich auch gern darauf. In bestimmten, sehr langen Phasen meines Lebens (unter depressiver Schlaflosigkeit oder Wachheit) war ich oft Nachts unterwegs, ich habe schon Nordlichter gesehen, einmal hatte ich das Glück, einen Kometen mit bloßem Auge zu sehen, ich weiß, wie in klaren Nächten die Milchstraße aussieht, ich sah Meteore, Wetterleuchten, im knackigkalten Winter Halos in Regenbogenfarben um den Mond und andere Dinge, die Menschen unter den Bedingungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses nicht mehr kennen. Aber ich sah nicht ein einziges Mal etwas, was einem UFO auch nur ähnlich gewesen wäre — oder ich habe sehr gut verdrängt… (sorry, aber diesen kleinen Witz konnte ich mir einfach nicht verkneifen.)

Der physikalischen Existenz des von Menschen beobachteten Objektes widerspricht aber eines: Es gibt kein einziges klares Indiz der Gegenwart von UFOs. Kein einziges überzeugendes Foto, das sich nicht als Fälschung erwiesen hätte, keine zufällige Aufnahme aus einem astronomischen Observatorium, nichts weiter als die flüchtige Spur grenzenloser Verblüffung, Verwirrung und Verängstigung bei Beobachtern, die offenbar ansonsten völlig gewöhnliche Menschen sind. (Ich bin einfach nicht gewöhnlich genug, um ein UFO zu beobachten, meine spätere Erklärung wird diese Aussage vielleicht ein bisschen beleuchten.)

Es ist also völlig unklar, ob es UFOs gibt. Aber es ist völlig klar, dass es UFO-Beobachter gibt. Und dieser unbestreitbare Fakt sollte doch die Neugierde reizen. Leider hat er bislang nicht die Neugierde von seriösen Wissenschaftlern angestachelt, diese reagieren eher auf eine andere Weise gereizt auf das Thema, in dem sie (übrigens völlig zu Recht — aber das wird später noch besser angedeutet) eine Nähe zu Esoterik und Religion sehen. Das Thema wird getrost irgendwelchen geschäftstüchtigen Händlern des Irrationalen überlassen, und die lassen sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Die Bücherläden und das Internet quellen über vor parareligiösen, esoterischen, sektiererischen und dummen Deutungen des Phänomens — für die es offenbar einen großen Markt gibt. Auch hierbei handelt es sich um eine Form der Rationalisierung, mit der diesem Phänomen begegnet wird.

Und dieser lärmendbunte Jahrmarkt des Absurden, der einem so klar beim UFO-Phänomen entgegentritt, findet sich auch in der Kryptozoologie und bei den Kornkreisen. (Es gibt natürlich noch mehr derartige Themen, aber ich will einen Text für meine Homepage und keine Abhandlung schreiben.) Das ist der Grund, weshalb ich diese zunächst verschieden aussehenden, aber in ihrer Fremdartigkeit gleichen Themen unter einem Begriff stellen möchte: Die Begegnung mit dem Anderen oder dem Schrecklichen.

Es ist (wenigstens mir) klar, dass es Menschen gibt, die eine solche Begegnung erlebt haben. Aber das »Gegenüber«, was ja zu einer Begegnung dazugehört, ist in seiner Existenz fragwürdig, es zeichnet sich nur durch seine Fremdheit aus, die jeden Beschreibungsversuch um Worte ringen lässt. (Ich habe schon unbeholfenes Gestammel von ansonsten sehr eloquenten Menschen gehört, wenn sie ihr Erlebnis als UFO-Beobachter beschreiben wollten.) Da jede Wahrnehmung auch (sogar in erster Linie) ein psychischer Akt ist, bleibt mir zunächst als Möglichkeit des Be-Greifens des Un-Fass-Baren eine psychische Deutung der Wahrnehmung — mit interessanten Einsichten, denen natürlich leicht widersprochen werden kann.

Die bestimmende psychische Bedingung des Lebens ist das Eingebundensein des Einzelnen in einen abstrakten Prozess, der über der Gesellschaft abläuft. (Das liegt daran, dass Menschen soziale Wesen sind.) Die Psyche, also der eigentliche Kern des Menschseins, wird im heutigen gesellschaftlichen Prozess verleugnet, sprachlich mit der Verunglimpfung des »nur psychisch« abgewürgt und muss sich in ihren Äußerungen Nischen suchen, die den übermächtigen ökonomischen Rahmen der Gesellschaft nicht stören. (Wer wundert sich da noch, dass ein Viertel der Bewohner der Europäischen Union psychisch krank sind?) So kommt es, dass die abstrakte, kalte und lebensfeindliche Gesellschaft dem Einzelnen als etwas Fremdes und Monströses gegenübersteht, obwohl er doch selbst Teil dieses ihn verzehrenden Molochs ist — eine krankhafte Phase der Autophagie der Menschheit. Wer auch nur einen Funken Liebe zu sich selbst spürt — und der menschliche Narzissmus ist viel mehr als ein Funke — muss daran verzweifeln.

Es kommt zu einer Projektion des objektiven inneren Zustandes in die subjektiv wahrgenommene und damit für Wahr genommene Außenwelt. Die Monströsität der Seeungeheuer, Reptilien und prähistorischen Raubkatzen ist der Spiegel der Monströsität des gesellschaftlichen Prozesses; die Fremdheit der schnell als außerirdisch und damit auch unmenschlich erklärten Vorrichtungen ist der Spiegel der Entfremdung des Einzelnen von sich selbst; das traumatische Ausgeliefertsein in den (immer häufiger werdenden) UFO-Entführungsgeschichten findet seine Entsprechung im Zustand des Menschen gegenüber einem gesellschaftlichen Prozess; die Abstraktheit des Gegenübers in einfachen geometrischen Formen entspricht dem abstrakt gewordenen und damit seines sinnlichen Sinnes beraubten Leben; die Absurdität des traumatisch Erlebten ist eine treffliche Metapher des permanenten Traumas der erlebten Absurdität eines Daseins, dass der Möglichkeit des Lebens schon vor dem Tod beraubt wurde; die unpersönliche, mechanische Gestalt und Gewalt des Gegenübers trägt klar die Züge der technokratischen und bürokratischen Umwelt und Unwelt des Beobachters, das oft beschriebene hohe Tempo und die widernatürlich erscheinenden Flugbahnen der UFOs machen deutlich, dass der Mensch in diesem gesellschaftlichen Prozess nicht mehr Schritt halten kann.

Hier hinein würde passen, dass auch in der Vergangenheit (es gab selbstverständlich immer einen gesellschaftlichen Prozess, der den Strebungen des Einzelnen entgegenstand, er war aber noch nie in der Menschheitsgeschichte so abstrakt und monströs wie heute) solche Projektionen auftraten, die teilweise überliefert sind. Der Unterschied zu den heutigen Albtraumbildern besteht darin, dass es sich um »persönlichere« Bilder handelt: Um die alten Götter, die Feen, die Elfen. In ihrer Fremdheit waren diese Wesen doch nicht völlig fremd, in ihrer Macht waren diese Mächte nach dem Menschen gemacht, der damalige gesellschaftliche Prozess deckte sich noch zu großen Teilen mit den Bedürfnissen derer, die die Gesellschaft bildeten.

In diesem Zusammenhang ist es von alarmierender Tiefe, dass der erste abstrakte und damit völlig fremde Gott, der nicht mehr bildlich darstellbare und damit unvorstellbare JHWH des mosaischen Glaubens (der übrigens, wie sich in den älteren Teilen der Bibel nachlesen lässt, auf sehr bäuerliche Vorbilder zurückging, denen jede Abstraktion abging) ausgerechnet in einem Umfeld entstand, das von beinahe modernen und damit abstrakten Arbeitsbegriffen geprägt war: Unter semitischen Fronarbeitern im alten ägyptischen Reich. Dass sich diese Gottesidee am schnellsten und besten dort durchsetzte, wo das Individuum unterdrückt und den aufkeimenden Staatswesen und Wirtschaftszwängen untergeordnet wurde, ist kein Wunder. Ebenso wenig überrascht es, dass mit weiterem Fortschreiten und weiterer arbeitsteiliger Ökonomisierung des gesellschaftlichen Prozesses sogar die Anrede dieses Gottes mit seinem Namen verloren ging, sie stellte doch noch ein zu persönliches Gegenüber her.

So sind zwei Begebenheiten gut erklärlich geworden. Zum einen ist die seit dreieinhalb Jahrtausenden zu beobachtende Interessensgemeinschaft zwischen der religiösen Priesterschaft und den ökonomisch verpflichteten Staatswesen völlig natürlich und hat die gleiche Wurzel, egal, was einige hellsichtige Profeten dazu auch mit dunklen Worten gesagt haben mögen (diese sind auch oft nicht sehr alt geworden mit ihren staatsfeindlichen Worten). Zum anderen überrascht es auch nicht weiter, dass die »Papi«-Gottesidee eines gewissen Jesus aus Nazaret (er hat seinen Gott auf aramäisch als Abba angesprochen und seine Anhänger aufgefordert, es ihm gleich zu tun, dies ist ein liebevoller, konkreter und angstfreier Kosename, den man beim Lesen am besten mit einem Kosenamen überträgt) weder bei den Vertretern der Religion noch bei denen des Staates gut ankam (ganz im Gegensatz zu den Sanften und Zerschlagenen, an die Jesus seine Worte in erster Linie richtete) — und so wurden sich diese beiden gesellschaftlichen Kräfte allen sonstigen Differenzen zum Trotze schnell darin einig, dass man diesen Hetzer und Anarchisten mit einem verlogenen Scheinprozess und einer schmerzhaften und abschreckenden Hinrichtung aus dem Weg räumen muss. Mit Jesus war und ist eben kein Staat zu machen.

Es war Paulus, der Jesus wieder mit dem abstrakten, menschenfeindlichen und tödlichen Gott vereinte und so die christliche Religion stiftete, die anfangs die Armen und Sklaven ruhig hielt und später das Zeug zur römischen Staatsreligion hatte. Mit seinem Jesus, auf dessen Worte es gar nicht mehr ankam, weil er nur mit seinem Opfertod den gnadenlosen Zorn eines fernen Gottes sättigen musste, hatte man wieder eine gute Grundlage für einen Prozess, dessen Opfer (ob in der europäisch-amerikanischen Welt oder von dieser ausgebeutet) heute die gesamte Menschheit ist — ein Ende ist nicht abzusehen.

Der jüngste Schritt in dieser Entwicklung zum immer abstrakteren übergeordneten Wesen und Gegenüber (das eine Projektion des Verhältnisses des Einzelnen zu seiner Gesellschaft ist) war das Ersetzen der alten Gottesidee durch die Naturwissenschaft und die Massenkonsumgüter. In den Projektionen der unter diesem Diktat wesenden Menschen zeigt sich wie in einem Zerrspiegel der mörderische Faschismus der Jetztzeit.