Eine Unbeteiligte will über die Zukunft „reden“

Screenshot ARD-Videotext: Merkel sammelt online Bürgerideen -- Bundeskanzlerin Angela Merkel will über das Internet Bürgerideen zu Zukunftsfragen Deutschlands sammeln. Auf einem neuen Portal können Interessierte bis zum 15. April Vorschläge machen. Mit den Autoren der zehn Ideen, die von den Nutzern am besten bewertet werden, will Merkel im Kanzleramt diskutieren

Frau Kanzlerdarstellerin!

Ich finde das ja ganz toll, dass sie als vollständig Unbeteiligte mit „den Bürgern“ im „Internet“ über die Zukunft sprechen wollen, aber für jegliches kommunikative Miteinander im Internet haben sie und ihresgleichen sich bereits disqualifiziert. Dies gilt in umso größeren Maße, als dass sie einer Fraktion des Bundestages angehören, die Presseerklärungen auf der offiziellen Fraktionwebsite von einer emotional und intellektuell offensichtlich zurückgebliebenen Gestalt verfassen lassen, die sich vor noch nicht einmal einer Woche in einer offenen Kampfansage an alle Internetnutzer in Deutschland geübt hat. Wenn sie überhaupt noch so etwas wie Schamgefühle hätten, Frau Kanzlerdarstellerin, dann würden sie auf derartig plumpe PR-Nummern einfach verzichten.

Ich kann mir, wenn es um Zukunftsfragen geht, sehr gut eine schon in wenigen Jahren beginnende Zukunft vorstellen, in der man den Wahnsinn der Individualmotorisierung ganz allgemein als absurde und zerstörerische Epoche der europäischen Geschichte und speziell auch ihre, recht einseitig an den Bedürfnissen der Autoindustrie ausgerichtete Wirtschaftspolitk als holzköpfig, wenn nicht gar als betonköpfig erkennen wird. Ich kann mir allerdings keine Zukunft vorstellen, in der vernetzte Computer nicht eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen als heute. Deshalb sind sie, Frau Kanzlerdarstellerin, ja auch an der Zukunft nicht mehr wirklich beteiligt. Sie — und ihre blinden Unterstützer, die nur noch das eigene Ende vor Augen haben — gehören zu einer Generation, die ausstirbt. Und vor dem Aussterben ist das Ansterben gesetzt. Dabei wünsche ich ihnen ungetrübten und bewussten Genuss.

Ich wünsche mir, dass selbst jenes Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung, das aus dem einen oder anderen Grund ohne Internet lebt, ihre lächerliche PR-Kampagne klar als das erkennt, was sie ist, Frau Kanzlerdarstellerin, nämlich als lächerliche PR-Kampagne, die sich ein paar Werber im Auftrage ihres Fortschrittsverhinderungsvereins namens CDU ausgedacht haben, um den jüngsten Erfolgen der Piratenpartei wenigstens etwas simulierte Netzdemokratie entgegenzusetzen, damit ihr Fortschrittsverhinderungsverein CDU, Frau Kanzlerdarstellerin, nicht mehr auf dem allerersten Blick seinen fossilen Charakter verrät. Als ich heute nachmittag und abend beim Betteln mit ganz normalen Menschen — etliche von ihnen im besten Sinne des Wortes wertkonservativ — über ihre tollen „Kommunikationsversuche“, Frau Kanzlerdarstellerin, gesprochen habe, hat jeder von ihnen durchschaut, dass seine Worte, die er in die für sie von Werbern programmierte Website reinschreibt, in die Flammen und das Nichts gesprochen sind; dass das Mitmachen bei diesem Unfug reine Vergeudung von beschränkter Energie und Zeit ist. Jemanden, der auch nur eine Spur Glaubensbereitschaft gegenüber ihrer PR-Kampagne gezeigt hätte, bin ich hingegen zumindest hier in Hannover nicht begegnet.

So viel simulierte Gesprächsbereitschaft können sie gar nicht in das Lügenfernsehen und die Springerpresse reinrotzen lassen, das sich das ändert. Ihnen, Frau Kanzlerdarstellerin, glaubt niemand mehr, wenn sie so einen idiotischen Versuch im Internet machen. Die Mehrzahl der Menschen konsumiert heute nicht nur die oft seltsam gleichlautenden Ergüsse einiger Handvoll Milliardäre, für die dieses Privileg „Pressefreiheit“ wirklich gilt. Viele haben erst durch das Internet entdeckt, dass sie in ihrem Denken und Erkennen nicht allein dastehen, und mittlerweile ist eine ganze Generation groß geworden, für die dieses „nicht allein dastehen“ eine ständige Erfahrung war. Was glauben denn sie, woher diese komischen Leute kommen, die eine Piratenpartei gegründet haben?

Bitte verabschieden sie sich, und nehmen sie dabei ihren ganzen Verein von Fortschrittsverhinderern namens CDU/CSU-Fraktion mit, in die Bedeutungslosigkeit, damit die Zukunft wenigstens etwas besser aussehen kann als die Gegenwart. Es gab und gibt viel zu tun, und sie haben nichts daran getan — stattdessen haben sie versucht, Entwicklungen auszusitzen und vermutlich klammheimlich gehofft, dass auch dieses Internetdingens wieder weggeht. So, wie es ihr Abgesandter in der Internetenquete, dieser Ansgar Henning, auch tut. Und so, wie sie jetzt hoffen, dass in den nächsten Wochen im immerwährenden Strom der Bullshit-News vergessen wird, dass ihr Wunschbundespräsident, ihr Freund und Mitfortschrittsverhinderer Christian Wulff, ein verlogener, korrupter Heuchler ist.

Tschüss!

PS: Nur eine Frage brennt noch in mir, Frau Bundeskanzlerin. Haben sie sich auch — wie ihre Kabinettskollegin Kristina Schröder — fast eine halbe Million Euro dafür abknöpfen lassen, so etwas ähnliches wie ein Webforum irgendwo hinstellen zu lassen, oder haben sie wenigstens diesmal jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Geld ist nämlich viel zu schade, um es einfach über völlig überteuerte Angebote aus dem Fenster zu werfen.

Ach, interessiert sie nicht, weil es nicht ihr Geld ist? Weil andere Menschen mit ihrer beschränkten Kraft und Zeit schon neues Geld für ihre Gestaltungsideen generieren? Na, diese Art des Denkens wundert mich nicht bei ihnen und ihresgleichen.

Quelle des Screenshots: Videotext des BRD-Staatsfernsehens ARD, Seite 526, Stand vom 4. Februar 2012, 22:19 Uhr

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5 Kommentare

  1. Den Wulff kannse wohl nicht mehr für solche Alibi-Bürgerbeteilligung einspannen. Stichwort: Bürgerforum 2011. Der ist PR-mäßig verbrannt.

  2. […] Quelle und vollständiger Bericht: Wut! […]

  3. Was könnte man dazu noch sagen, was nicht schon da steht.

    Evtl. noch dies.

    Demokratie Web 2.0

    Man lässt einfach die Benutzer bzw. ihr Hirn arbeiten und den so genannten Content liefern und all das was den Damen und Herren, den so genannten Experten nicht gefällt, wird einfach nicht beachtet.

    Zig male selbst erlebt (ich muss Dich da nur an Jamendo erinnern, was ja noch garnicht soooo lange her ist), schon als es noch gar kein so genanntes Web 2.0 gab und alles mehr oder weniger unter dem Synonym Community (heute Social-Network) lief.
    Man kann Bürgernähe simulieren ohne den Bürgern auch nur ansatzweise nahe zu sein und dabei auch noch ganz nebenbei evtl. ein paar gute Ideen abgreifen, für die eigentlich diese Polit-Heinies ihre „Diäten“ (Was für ein Hirnfick das Wort) erhalten und „lustigerweise“ auch selbst erhöhen.

    Leider muss ich Dich enttäuschen lieber Elias. Ich befürchte die Beteiligung dort übertrifft wohl deine Erwartungen. Ganze 3 Fragen haben die dort gestellt und, soweit ich das sehe machen da einige mit.
    Hier nur ein Kommentar von dort aus dem Blog:

    „gute Idee, dieser Dialog. Und hoffentlich nicht nur Wahlkampf. Und hoffentlich auch wirklich offene Diskussion und NICHT Sortierung nach parteipolitischem Gefallen. Und wirklich mutige Umsetzung. Dann könnte die Kanzlerin eine Kanzlerin des ganzen Volkes werden“

    Diese ominöse Hoffnung, eine Illusion, hat mehr kraft als es uns oft bewusst ist. Was könnte man auch tun, als zu hoffen, obwohl man doch all zu oft enttäuscht wurde (was man ja evtl. auch aus diesem Kommentar heraus lesen kann) und nicht als Misepeter, Pessimist oder schlimmeres da zu stehen.
    Eine Kanzlerin des ganzen Volkes. Lustig das, denn der Begriff Partei schließt das schon aus. Für oder über das ganze Volk wäre da schon passender – Eine Partei oder eine Koalition regiert und alle anderen müssen folgen – ohne direkte Demokratie wird das auch nie anders sein.

    »Nichts fällt dem Menschen schwerer als das Zügeln seiner Zunge. Er kann seine Wünsche besser mäßigen als seine Worte.« — Spinoza

    Und auch hier, beim Internet, der Simulation der Nähe (Das Internet schafft diese Illusion der Nähe, so wie auch der Fernseher, der oft nebenher läuft eine Nähe bzw. etwas simuliert das uns z.T. das Gefühl nimmt, nicht alleine zu sein), ist das so. Es ist doch sooooo einfach geworden „Seinen Senf dazu zu geben“ 😉 Wirkliche Nähe gibt es da nicht, es sei den es sind wirklich Menschen die sich gegenseitig kennen. Im medium der Massenkommunikation ist das eher nicht der Fall (so wie wie beide uns nicht wirklich kennen und noch nie prs. getroffen haben).

    Nun denn…. Ich neige mal wieder zu „plappern“ (siehe oben Spinoza ;)).

    Wie ich schon annmerkte, befürchte ich, es ist wie es immer war. Die meisten glauben entweder die Propaganda, oder sie vergessen einfach was sie schon erdulden mussten u.A. wegen der Hoffnung usw. 😉

    Greetz

    • Nachtrag:

      „Eine Partei oder eine Koalition regiert und alle anderen müssen folgen“

      Das ist sicherlich nicht ganz korrekt, aber ich belasse es jetzt einmal bei dieser verkürzten Version über die repräsentative Demokratie. Wer den Drang verspürt das zu vervollständigen / zu verbessern – nur zu!
      Kernaussage war: „Partei“ und „das Ganze“ schließt sich irgendwie gegenseitig aus und ohne direkte Demokratie für mich umso deutlicher.

  4. […] Gruß an Angela Merkel, derzeitige Bundeskanzlerin Bewerten: Share and Enjoy:TwitterE-MailDigg Tags:BRD, Netzpolitik […]


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