Die alltägliche Diskriminierung

Sie ist über 70 Jahre alt. Und. Sie erzählte viel. (Nach so viel Leben hat ein Mensch auch vieles zum Erzählen.)

Unter anderem erzählte sie, wie sie gestern in die Stadt gefahren ist, um etwas einzukaufen. Sie fuhr beide Wege, hin und zurück, mit der Straßenbahn. Dabei erlebte sie eine Kontrolle der Fahrkarten. Sie hatte nun zwei Fahrkarten in der Tasche, eine, die für die aktuelle Fahrt gültig war, und eine, die eben schon längst „verbraucht“ war. Etwas hektisch, um „den Betrieb nicht aufzuhalten“, griff sie in die Tasche und holte die nächstbeste Fahrkarte heraus. Der Kontrolleur warf nur einen sehr oberflächlichen Blick darauf, bedankte sich mechanisch und ging weiter.

Sie sieht „gutbürgerlich“ aus, nicht wie der Mensch, von dem ein Kontrolleur seine Provision für einen erwischten Schwarzfahrer erwartet. Der Kontrolleur ging weiter und kontrollierte andere Fahrgäste, vor allem ausländisch aussehende Menschen und jene Jugendlichen, denen man ihre soziale Benachteiligung auf dem ersten Blick ansieht, sehr viel gründlicher und konnte auf diese Weise auch ein paar „Schwarzfahrer“ erwischen, die er auch mit recht grimmen Ton anfuhr, als sie zum Scheine nach ihren Fahrkarten suchten. Ein ganz normaler Vorgang in vermutlich jedem Nahverkehrsmittel in der BRD, etwas, was niemand weiter beachtet.

Als sie ihre Fahrkarte wieder wegsteckte, warf sie einen Blick darauf. Dabei stellte sie fest, dass sie die falsche, die ungültige Fahrkarte vorgezeigt hat, ohne dass es dem Kontrolleur mit seinem Blick für ganz bestimmte Personengruppen auch nur interessierte. Sie hätte ohne Konsequenzen schwarzfahren können und wäre in dieser Kontrolle gar nicht aufgefallen. Was sie da zum ersten Mal in ihrem Leben mitbekam und jetzt gar nicht mehr vergessen will, das ist die ganz normale und meist gar nicht beachtete, die alltägliche Diskriminierung bestimmter Personengruppen im Alltag der BRD.

Sie fand das entsetzlich und bat mich, darüber zu schreiben. Auch, damit „diesmal niemand sagen kann, dass er niemals etwas mitbekommen hätte“. Gern geschehen!

Ein Gruß an Frau W. und danke für die Einladung zum Tee

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