Die neuen Chaostage von Hannover

Es ist nun einmal eine Tatsache, dass sich angesichts der zunehmenden Verarmung und der geradezu explodierenden Inflation immer weniger Menschen leisten können, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Ebenfalls ist es kaum von der Hand zu weisen, dass der öffentliche Nahverkehr in Hannover ausgesprochen teuer und für immer mehr verarmte Menschen unbezahlbar geworden ist. Und es ist nun einmal eine andere, wesentlich erfreulichere Tatsache, dass gerade ein recht hübsches und warmes Sommerwetter ist. Tatsächlich hat die neue Armut unter diesen Bedingungen einen recht erfreulichen Nebeneffekt: Immer mehr Menschen besinnen sich darauf, was sie noch an billigen und kostenlosen Möglichkeiten haben und nutzen diese auch — übrigens mit oft sichtbarem Vergnügen.

Da muss doch gleich passend zum gerade vergangenen, traditionellen Wochende der „Chaos-Tage“ eine schäbige, ratsherrliche Stimme aus dem Sommerloch in die allzu willige Journaille rufen:

Fahrradchaos in der City - CDU-Ratsherr Seidel fordert ein Parkhaus für Zweiräder

Jawoll, ein „Fahrradchaos“ ist es, wenn Leute nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren! Ganz große Wortkunst! Und wo ist das „chaotische“ an diesem „Chaos“? Natürlich darin, dass sich so ein Fahrrad wegen seiner recht geringen Sperrigkeit viel einfacher als ein Auto parken lässt und dass deshalb überall in der Innenstadt die Fahrräder stehen.

Da muss man doch ein Geschäft mit machen können!

Ganz tolle Idee: Einfach ein „Parkhaus“ für Fahrräder bauen. Natürlich kostenpflichtig, damit die neuen Armen doch noch ein bisschen abkassiert werden können. Und danach am besten das Abstellen des Fahrrades an der Straße verbieten, damit die neuen Armen auch für das „Parkhaus“ bezahlen. Und damit die Dümmeren unter den Menschen glauben, dass das einen wirklichen Vorteil hat, muss noch etwas von Bewachung gefaselt werden, die angeblich verhindern soll, dass die Drahtesel geklaut werden. Die beinahe vollständige Videoüberwachung in der hannöverschen Innenstadt ist dazu offensichtlich nicht imstande — schön, dass ganz nebenbei einmal klar wird, wie wenig von dieser angeblichen „Prävention von Straftaten“ in der Praxis so übrig bleibt.

Wer immer an einem solchen „Parkhaus“, wenn es denn demnächst einmal gebaut und seine Nutzung verpflichtend gemacht wird, seinen fetten Reibach schlürfen wird, er hat den ratsherrlichen Realsatiriker Seidel gewiss mit kleinen Zuwendungen gut zugeredet, auf dass er so im Rate und in der Lokalpresse rede.

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1 Kommentar

  1. Nur mal so als positiver Gegenentwurf einer Humanwirtschaft: zu meiner Studienzeit habe ich in einer Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt mitgearbeitet. Dort konnte jeder der wollte sein Fahrrad selbst reparieren und bekam auch Tips von uns Helfern – alles kostenlos, aber wir haben Spenden genommen. Jeder hat soviel gegeben wie es ihm Wert war bzw. es sein Geldbeutel zugelassen hat. Davon hat sich das ganze Projekt gut getragen.


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