Nachtrag: Wissenschaftliche Marginalisierung

Über die Umfrage des Institutes für Kommunikationswissenschaften der Universität zu Münster, mit der ich vor ein paar Tagen konfrontiert wurde, habe ich ja ein paar Worte geschrieben — auch meine kurze Antwort auf die Mail habe ich dabei veröffentlicht. Ehrlich gesagt hatte ich nicht geglaubt, dass ich darauf eine Antwort erhalten würde. Aber tatsächlich wurde mir geantwortet, und zwar so, dass schon beim Überfliegen völlig klar wird, dass meine Mail gar nicht recht gelesen wurde.

Unter diesen Umständen ist meine Motivation zur „Mitarbeit“ an dieser statistischen Menschdurchschneidung auf ein dimensionsloses Etwas zusammengeschrumpft.

Zu rein dokumentarischen Zwecken sei zunächst die Antwort der forschen Forscher hier zitiert und kommentiert. Auch der Fragebogen erfährt eine gewisse Würdigung.

Die Antwort-Mail

Sehr geehrter Herr Schwerdtfeger,

das Internet hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Das Angebot ist vielfältiger, aber auch unübersichtlicher geworden. Deshalb bitten wir Sie — wie bereits angefragt — um Ihre Mitarbeit an einer wissenschaftlichen Untersuchung, die wir am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster durchführen.

Das habt ihr mir schon in der ersten Mail mitgeteilt. Gut zu wissen, dass ihr eure Antworten aus Textbausteinen zusammensetzt. Das passt zur Form der Behandlung von Menschen, wie sie sich und mich auch in der „wissenschaftlichen“ Methode der Statistik niederschlägt.

Unsere Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, ist der erste groß angelegte Versuch, die Situation der aktuellen Internetöffentlichkeit in Deutschland unter den Bedingungen des „Web 2.0“ zu analysieren. Wir sind überzeugt, dass auch Sie mehr über das Verhältnis zwischen Weblogs und anderen Internetanbietern erfahren möchten. Um ein Gesamtbild der Öffentlichkeit im Internet zeichnen zu können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Das steht schon auf eurer Homepage, die ich selbstverständlich gelesen habe. Oder glaubt ihr wirklich, ein vernunftbegabter Mensch würde dem beliebig fälschbaren Absender einer unsignierten Mail blind vertrauen? Zugegeben, ihr macht es einem nicht leicht, die Homepage zu finden. Wenn ihr mich um Support bitten würdet, denn brächte ich euch auch gern bei, dass man in einer URL grundsätzlich keine Leerzeichen schreibt. Aber warum sollten Forscher bei einer solchen Untersuchung auch eine eigene „Internet-Kompetenz“ demonstrieren.

Die „besondere Kompetenz“ zeigt sich auch in der Übernahme des nichtsigen und werbemächtigen Blahwortes vom „Web 2.0“. Dass ich meine Texte in einem Blogsystem veröffentliche, hat nichts mit diesem Nebelwort für AJAXifizierung, Personalisierung unt generell interaktiver Gestaltung von Websites zu tun. Hättet ihr meine Veröffentlichungen auch nur kurz quergelesen, so wäre euch das vielleicht aufgefallen — und vielleicht wäre euch auch aufgefallen, was ich von diesem Blah so halte.

Wir haben Sie als Blogger und Betreiber von „Schwerdtfegers weblog“ angemailt. Leider verfügen wir nicht über eine postalische Anschrift. Wir bieten Ihnen aber an, Ihnen eine Printversion mit frankiertem Rückumschlag zu senden, wenn Sie uns Ihre Adress- oder Erreichbarkeitsdaten kurz mitteilen. Alternativ können Sie den Fragebogen auch selbst ausdrucken und an uns zurückschicken.

Warum ich als Obdachloser nicht über eine postalische Anschrift verfüge, habe ich euch bereits in meiner Antwort mitgeteilt. Aber um darauf zu reagieren, hättet ihr den Text meiner Mail wohl mal lesen müssen. Dafür scheint nicht mehr die Zeit zu sein; deshalb macht ihr lieber mit euren Textbausteinen weiter. Wird schon passen — und wer sich von der Kälte, die ihr aus eurer Brust in die Welt entlasst, vielleicht ein bisschen verletzt fühlt, der entspricht sowieso nicht den erwünschten Ergebnissen dieser „wissenschaftlichen Untersuchung“ und wird besser im Vorfeld marginalisiert. (Mehr dazu später.)

Aber lustig, geradezu realsatirisch ist es schon, dass ich ausgerechnet als Betreiber von „Schwerdtfegers weblog“ angemailt werde. Dieses Blog ist seit dem 1. Januar 2007, pünktlich Mitternacht, aus dem Internet entfernt und durch eine angemessene Platzhalterseite ersetzt worden, es hat nur noch ein schattenhaftes Dasein beim Internet-Archiv. Diese Abschaltung habe ich übrigens schon fünfzehn Monate vorher angekündigt, sie war ein Akt des persönlichen Protestes gegen die Querfinanzierung des quasi-staatlichen Rundfunks der BRD durch die Einführung von „Rundfunkgebühren“ für Besitzer von Computern. Diese dreiste staatliche Abzockerei bei Menschen, die auf die zunehmend übler werdenden propagandistischen Ergüsse und verdummenden Darbietungen im BRD-Fernsehen gut verzichten können, ist in meinen Augen auch weiterhin eine bodenlose Unverschämtheit.

Um das zu bemerken, hättet ihr nur einmal versuchen müssen, mein Blog in den letzten sechs Monaten zu lesen. Das ist doch eine recht lange Zeit, findet ihr nicht auch? Aber dazu reicht es mal wieder nicht. Ihr habt schließlich kein Interesse an den Inhalten, die transportiert werden; ihr wollt vor allem Aussagen über einen Satz statistisch erfassbarer Merkmale machen, die dann im schnatternden Wortrausch des p’litischen Betriebes verwurstet werden können. Deshalb diese völlige Gleichgültigkeit über den angeblichen Gegenstand der Untersuchung.

Zum einen möchten wir Sie im mitgeschickten Fragebogen um Auskunft über den Inhalt Ihres Weblogs, Ihre Arbeitsweise und Motive bitten. Zum anderen würden wir gerne Ihre Einschätzungen als Experte zur generellen Entwicklung des Internets kennenlernen.

Das mit dem Fragebogen habt ihr mir schon geschrieben. Immerhin, jetzt hängt er als PDF an der Mail, solide 190 Kilobytes automatisch auswertbarem Formulares. Nein, nicht zum Klicken, sondern zum Ausdrucken und mit der Sackpost Versenden. Auch das ein Beispiel „besonderer Internet-Kompetenz“.

Aber immerhin: Ich bin jetzt ein „Experte“ geworden, und darauf bilde ich mir mächtig etwas ein… :mrgreen:

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Studie sollen auch ganz praktisch verwertbar sein, so dass auch Sie davon profitieren können.

Ach ja? Wenn ich mir den Fragebogen so anschaue (kommt auszugsweise noch später), kann ich daran aber nicht mehr glauben.

Über die Ergebnisse unserer Befragung informieren wir Sie im Oktober 2007 gerne, wenn Sie dies im Fragebogen angeben.

Ich habe den Fragebogen genau durchgelesen und benötige eure Information nicht mehr. Es handelt sich um ein Musterbeispiel der Pseudowissenschaft oder des modernen Aberglaubens in Form der Zahlengläubigkeit. Die Ergebnisse dieser Befragung stehen bereits jetzt fest, da die gewünschten Ergebnisse in den Formulierungen der Fragen und den vorgegebenen Antworten eingegangen sind. Ich sehe so etwas nicht zum ersten Mal, aber ich bin immer wieder erstaunt über das hohe Ansehen einer „Wissenschaft“, die so wenig Wissen schafft.

Für den Erfolg der Studie ist es entscheidend, dass wir alle Fragebögen vollständig ausgefüllt zurückbekommen.

Für die größere Glaubwürdigkeit eurer herbeigezauberten „Wahrheiten“ ist es günstig, wenn ihr eine möglichst große Stichprobe bekommt. In der Präsentation eurer Ergebnisse wird keiner mehr danach fragen, auf welch fragwürdige Weise sie entstanden sind.

Das Ausfüllen dauert etwa 25 Minuten.

Das Erstellen dieses Blogeintrages hat mich einige Stunden gekostet. Es war die Mühe wert, weil dabei ein Stück ganz normaler Pseudowissenschaft des universitären Betriebes der BRD dokumentiert wird.

Ein Dank geht an M., die mir das einigermaßen ungestörte Tippen dieses überlangen Postings ermöglicht hat, die meine teils recht unanständigen Wörter ertrug und die dafür sorgte, dass bei aller Müdigkeit des Beschriebenen der Koffeinpegel nicht unterhalb des kritischen Wertes sank. 😉

Bitte schicken Sie den Fragebogen im beiliegenden Rückumschlag möglichst bis zum 20. Juni 2007 an uns zurück.

Klar doch, einer eMail liegt ein Rückumschlag bei. :mrgreen:

Da zeigt sich die geballte Wucht der Kompetenz! Nein, ihr verweilt nicht im Internet von heute, ihr schaut sogar schon in die Zukunft des „Web 2.0“ und seht es kommen, dass die Konvergenz einmal so weit gehen wird. Ganz großes Kino. 😆

Der Rest dieser Antwort ist die übliche Zusicherung des Datenschutzes und Kontaktdaten für Rückfragen. Ich werde in diesem Posting keine Namen nennen, um die Scham zu bedecken — Telefonnummern und Mailadressen kommen gar nicht in Frage; ich weiß als „Experte“ nur zu genau, wie scheußlich die Spam-Seuche ist. Deshalb bricht mein Zitat hier ab.

Der Fragebogen

Die technokratisch-kalte Antwort-Mail ist nur eine Seite der falschen Münze, mit der hier vom Wissenschaftsbetrieb das Interesse an der Wirklichkeit bezahlt werden soll.

Es gibt auch einen Fragebogen Dieser Fragebogen ist sehr umfangreich. Er umfasst 12 Seiten im DIN-A4-Format und wurde als PDF an die Mail gehängt. Ich werde diesen Fragebogen hier nicht zum Download anbieten, um dem Urheberrecht des Institutes Rechnung zu tragen und die „Ergebnisse“ der Befragung nicht durch Fake-Einsendungen oder andere kindische Sabotageakte zu gefährden. Wer etwas gegen diese Form des Wissenschaftsbetriebes hat, sollte sich in weniger infantiler Weise zu äußern versuchen.

Dennoch halte ich es für erforderlich, dass eine breitere Masse Einblick in ein ganz normales pseudowissenschaftliches Projekt der Jetztzeit bekommt. Ich werde so vorgehen, dass ich Ausschnitte dieses Fragebogens als Grafiken in dieses Posting einbinde. Durch die Verkleinerung kann es vorkommen, dass diese Grafiken schwer lesbar werden. Jede dieser Grafiken ist verlinkt mit einer gut lesbaren Version der gleichen Grafik, ein einfacher Klick genügt. Das ist übrigens nicht „Web 2.0“, sondern ein ganz normaler Hyperlink. 😛

Die Qualität dieser Bilder ist nicht hoch, sondern so, dass müheloses Lesen möglich ist.

Welches Weblog betreuen Sie?

Dafür, dass ihr in der Mail so genau wissen wolltet, was mein Blog ist, hättet ihr es doch ruhig einmal eintragen können, oder?

Aber nicht nur das. Ich arbeite an neun verschiedenen Weblogs mit und bin oft für einen großen Teil der Inhalte und noch öfter für alle Fragen der technischen Realisierung zuständig. Damit ist aber mein Werk im Internet bei weitem noch nicht erschöpft. Ich betreue darüber hinaus die Homepage eines künstlerischen Zusammenschlusses, arbeite in technischer Verantwortung bei einem Webradio mit und mache etliches mehr, was sich nicht leicht von meiner Tätigkeit als Blogger trennen lässt. Es würde mir bei einigen „meiner“ Blogs schon recht schwer fallen, jenes zu benennen, dem auch nur meine größte Aufmerksamkeit gilt. Wenn ihr einen Eindruck von dieser Fülle bekommen wollt, kann ich nur empfehlen, einmal in aller Ruhe nach Elias Schwerdtfeger zu googlen. Der Name ist euch ja schon bekannt…

Tatsächlich bin ich froh über die Leichtigkeit des Bloggens (es geht zur Not auch vom Internet-Terminal einer öffentlichen Bücherei aus — nicht ganz unwichtig für bettelnde Obdachlose), und ich benutze verschiedene Blogs, um auch in dieser gering strukturierten Tagebuchform eines Blogs noch etwas inhaltliche Struktur zu haben. Als Wissenschaftler müsstet ihr einen solchen Wunsch eigentlich verstehen können.

Bereits die Reduktion auf lediglich ein Blog schafft in dieser Umfrage eine gewisse Prädestination der Ergebnisse. Etliche — darunter auch sehr bekannte — Blogger fallen durch dieses Schema hindurch. Was verbleibt, hat der „Internetöffentlichkeit“ schon signifikant weniger mitzuteilen.

Das passt aber gut zu den Schwerpunkten im Rest des Fragebogens.

Fragen zum Bloggen über aktuelle Themen

Wo kommen die Ideen für aktuelle Themengebiete her, und wie viel Prozent der Postings verteilen sich auf bestimmte Themenbereiche

Euer Interesse für das „Bloggen über aktuelle Themen“ ist schon beachtlich. Und dabei gesteht ihr auch gleich ein, wie ihr das Ergebnis haben wollt. Die ganze Bloggosphäre versteht ihr nur als große Echokammer des Medienbetriebes oder als selbstreferenziellen Wortbetrieb. Ich stimme euch ja darin zu, dass das für einen großen Teil der gewöhnlicheren p’litischen Blogs auch zutrifft, aber alles andere fällt bei euch unter „ferner liefen“. Gerade der wirklich kreative Teil, gerade der zurzeit entstehende Gegenpol zu den praktisch gleich gerichteten zentralen Massenmedien mit ihren Schwerpunkten, die vor allem die Probleme der Herrschenden zu den Problemen der Beherrschten machen sollen, fällt dabei völlig aus euren „Ergebnissen“ heraus.

Es ist schon schwer, dahinter keine Absicht zu vermuten.

Immerhin, der befragte Blogger hat noch die Gelegenheit auf drei kleinen Zeilen anzugeben, um welche weiteren Themen er bemüht ist:

Der Platz für andere Themen

Das erscheint mir doch ein bisschen dünne, wäre es doch fast der einzige Raum, in dem ich substanzielle Angaben zum Thema meines Schreibens (und gesamten künstlerischen Wirkens) machen könnte. Angaben zu dem, was ich jeden Tag meines abgewrackten Lebens erleben muss. Angaben zur täglichen Verdummung der Bevölkerung in der BRD durch die zentral organisierten Massenmedien. Angaben über die Vernichtsung von Menschen im Prozess, der gegenwärtig über die Gesellschaften abläuft und der mit dem Unwort von der „Globalisierung“ in den Bereich einer naturgesetzlichen Unvermeidbarkeit gepredigt wird. Angaben über die Parareligion des real existierenden Konsumismus, die sich wie ein zähes Gift in alles menschliche Miteinander schleicht und jede Beziehung zwischen Menschen mit Kosten-Nutzen-Rechnungen vergiftet. Angaben über die Marginalisierten der Globalisierung, über Freunde, die unter den herrschenden Umständen ins Elend, in die Armut, in den Selbstmord getrieben werden. Angaben über den Wahnsinn alldurchwaltender Marken- und Produktwerbung, über gnadenlosen Tinnef und synthetische Paradiese für die Batterien im betrieblichen Produktionsprozess. Angaben über die notdürftig mit dem Blendwort des „Wettberwerbes“ verklausulierte kranke Ideologie des immerwährenden Kampfes eines Jeden gegen Jeden auf einem Schlachtfeld voller Überfluss.

So ein kleiner Platz reicht nur für jemanden, dessen ganze „Welt“ aus den Hervorbringungen der Glotze und der Bildzeitung besteht. Ich könnte gar nicht so klein schreiben wie ich müsste, wollte ich meinen Themenkreis nur skizzieren. Er weicht stark von der täglichen Irreführung der Journaille ab, und wenn ich mich überhaupt mal mit der Journaille auseinandersetze, denn beinahe nur, um die gröbsten Ausflüsse der Kälte, der Härte und des unmenschlichen Zynismus zu würdigen.

Schon an dieser Schwerpunktsetzung wird deutlich, welche Formen des Bloggens hier „festgestellt“ werden sollen und welche Formen des Bloggens hier marginalisiert werden sollen.

[… Die hier ausgelassenen Punkte des Fragebogens haben eher technische Schwerpunkte zur Häufigkeit von Aktualisierungen, zur technischen Aufbereitung der Inhalte, zu Techniken der Recherche und zu den im Blog verwendeten Medien. Einige dieser Fragen ließen sich sogar bequem durch ein schnell geschriebenes Perl-Skript beantworten, aber dazu ist die geballte „Kompetenz“ dieses Institutes offenbar nicht in der Lage.]

Deshalb auch so interessante Fragen nach dem beruflichen Hintergründen der Blogger:

Berufliche Erfahrungen

Interessant sind für die forschen Forscher nur „berufliche Erfahrungen“ in so genannten Medienberufen — am besten als „Journalist“, der einzige hier explizit genannte Beruf. Andere berufliche Erfahrungen spielen für diese Untersuchung offenbar keine Rolle. Es ist offenbar nicht so, dass ein aufmerksamer Altenpfleger (oder Zivildienstleistender) einen klareren Einblick in die Euthanasie auf Raten hat, die man hier Pflege nennt. Es ist offenbar auch nicht so, dass der Pastor einer kleinen Gemeinde mit der sich ausbreitenden Armut in der BRD täglich konfrontiert wird. (Ich hatte neulich erst ein solches Gespräch mit einem Pfaffen, und es war in seinen Einzelheiten durchaus deprimierend.) Nur die Journaille ist interessant für die Endlösung der Bloggosphäre das „Endergebnis“ über die Bloggosphäre, alles weitere wird zur Unbeachtlichkeit verdammt.

Nun, ich bin von Beruf obdachloser Bettler, kostenloser Seelsorger für jene Sanftmütigen und Zerschlagenen und Marginalisierten der Globalisierung, die mir übern Weg laufen, ich bin Musiker, Richtig-Dichter und — wenn es in der BRD so weiter geht — werdender Terrorist, der gewiss überall etwas besseres als den schweigenden Tod eines verreckenden Entseelungsrestes finden wird. Von diesem „exotischen“ Sonderfall im allgemeinen, fordernden Konformismus einmal abgesehen, weiß ich genau, dass viele aus ihrer beruflichen Erfahrung heraus Dinge erleben, die in der Presse und Glotze der BRD nur beiläufig erwähnt werden, aber dennoch ein klares Schlaglicht auf den faschistoiden Charakter des gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses werfen.

Aber es wird ja auch noch gefragt, um was es dem Blogger „ganz persönlich“ geht:

Worum geht es Ihnen ganz persönlich in Ihrem Weblog?

Es ist in diesen heißen Tagen doch recht kalt, wenn ich lesen muss, wie meine gesamte menschliche Motivation hier auf ein paar statistisch erfassbare Merkmale runtergeschrumpft werden soll, die sich überdem in ihrer Mehrzahl deutlich an Ansprüche orientieren, die eher den Gegebenheiten der Journaille entsprechen. Was mir hier fehlt, und zwar überdeutlich, das ist der eine Punkt, der meine Motivation zutreffend beschreibt:

Beim Bloggen geht es mir darum, meine völlig subjektive Sicht auf den gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess öffentlich verfügbar zu machen. Ich tue dies, weil ich in Gesprächen immer wieder zwei Dinge erleben muss. Das erste ist Zustimmung, das zweite ist die angstvolle Verunsicherung vieler Menschen, die den gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozess durchaus ähnlich erleben und angesichts des überwältigenden Mainstreams der Medien immer mehr an ihrem eigenen Verstand und ihrer eigenen Einsichtsfähigkeit zweifeln. Ich möchte ihnen vermitteln, dass sie in ihrer Wahrnehmung nicht allein sind. Wenn daraus einmal eine — meiner Meinung nach unbedingt erforderliche — gesellschaftliche Änderung resultiert, bin ich darüber sehr froh; vorerst reicht es mir jedoch, wenn ich helfe, unnötige psychiatrische Behandlungen und Selbstmorde zu verhindern und der marktschreierisch angebotenen Irrationalität der Religionen und des immer stärker werdenden Aberglaubens eine kleine Spur Einsicht und eine gehörige Portion ätzender Ironie entgegen setze.

Und, was wird daraus? Dass es mir darum geht, dem „Publikum“ (stehe ich denn auf der Bühne?) eigene Ansichten zu „präsentieren“. Na, wenn das so ist… :mrgreen:

Aber es gibt ja noch einen weiteren wichtigen Punkt, und das ist die kommerzielle Ausbeutbarkeit des Bloggens:

Waren die Kosten ihres Weblogs im Jahr 2006 durch die Einnahmen gedeckt?

Was sollen denn bitte die „Kosten meines Weblogs“ sein? Die meinen bestimmt die „technischen“ Kosten für das Hosting und den ganzen Kram. Diese Dinge sind — neben meiner anschwellenden Wampe — völlig durch Spenden, Geschenke und meine tägliche Bettelei gedeckt; und mancher Mensch gibt mir, gerade weil ich blogge. Aber so etwas fällt mal wieder unter „ferner liefen“, denn die Hauptquelle des Abschöpfens ist hier die Verknüpfung eigener Kreativität mit der Seuche der Werbung:

Welche Einnahmequellen nutzen Sie in Ihrem Internetangebot?

Da weiß ich doch gleich, dass Geld aus Spenden und menschlichem Miteinander unbeachtlich im Tortendiagramm das Törtchen für „Sonstiges“ formen wird. Dabei habe ich immer der Versuchung widerstanden, mich in einer Form zu finanzieren, die ich abgrundtief hasse. Es ist wirklich schon genug Umwelt mit dieser einseitigen, gierigen und dummen Form der Kommunikation zur Unwelt gemacht worden.

[… Die hier fehlenden Punkte des Fragebogens sind wieder überwiegend von technischer Bedeutung.]

Und nachdem das Maß der Verwirtschaftung des Bloggens geklärt ist, geht es gleich fröhlich weiter zurück zum Bloggen als Journalismus:

Hier finden Sie einige Aussagen über den Internetjournalismus. Bitte geben Sie an, in welchem Maße diese nach Ihrer persönlichen Einschätzung zutreffen.

Und, was hat das mit meinem Bloggen zu tun? Ich bin kein Journalist. Eben so wenig bin ich ein Prophet, der Aussagen darüber macht, ob in Zukunft die „Querfinanzierung“ (es ist doch fast die einzige Finanzierung) des Journalismus durch Werbung in Frage gestellt wird oder ob „Web 2.0“ nachhaltige Auswirkungen auf den Internet-Journalismus (was immer das auch sein soll) haben wird. Meine Einschätzungen haben bestenfalls einen Wert für das zukünftige Marketing kommender Medienprodukte.

Ich werde während dieses ganzen Fragebogens den Verdacht nicht los, dass das vorgegebene Thema der Untersuchung nur vorgeschoben ist, um den Bloggern ein paar andere, allgemeinere Fragen über „Journalismus“ und seine Finanzierung unterzujubeln. Deshalb soll sich ein Blogger auch selbst als „Journalist“ fühlen. Ich persönlich würde diese Anrede als Beleidigung empfinden, ist ein Journalist unter den heutigen Bedingungen doch vor allem jemand, der passende Agenturmeldungen in gewünschter Weise p’litisch auswählt und einfärbt, damit der jeweilige Auswurf der Journaille einen gewissen Rahmen für den Transport von Werbung bietet, der lange schon das eigentliche Geschäft der Content-Industrie geworden ist.

Und der Fragebogen tut alles, um mir diesen trüben Eindruck zu bestätigen. Nach einem kurzen Intermezzo zu interaktiven Funktionen im Blog widmet sich der Zettel breit „journalistischen“ Themen und einer möglichen Vergleichbarkeit von Blogs und Auswürfen der Journaille — genau richtig für jene, die in der Bloggosphäre nur eine große Echokammer für die Machwerke der Presse sehen:

Wie bloggen Sie über die Journaille?

Welche Merkmale treffen eher auf Weblogs oder eher auf den Journalismus zu?

Was für ein Vergleich! Und was für Punkte! Und zu guter Letzt noch ein paar praktische Einschätzungen, wenn die Journaille demnächst auch bloggen will:

In welchem Maße treffen ihrer Einschätzung nach die folgenden Aussagen (über Weblogs im Vergleich zur Journaille) zu?

Bei diesem zwanghaften und ständigen Vergleich zwischen Bloggern und Journaille fällt natürlich alles unterm Tisch, was einen Blogger wirklich motiviert.

Und selbst beim an sich gar nicht schwierigen Thema der Suchmaschinen geht es mehr um eine Einschätzung der Journaille als um das angebliche Thema:

In welchem Maße treffen nach Ihrer Einschätzung die folgenden Aussagen (über Suchmaschinen und Journalismus) zu?

Das Thema des Bloggens ist hier bereits vollständig verlassen worden. Was übrig geblieben ist, das ist eine Befragung von Bloggern über ihre Einschätzung der Zustände der Journaille und die zukünftige Finanzierung der Journaille. Wo man so ausschließlich die Suchmaschinen thematisiert, muss man auch nicht die Einschätzung bewerten lassen, dass Journalisten in erster Linie Agenturmeldungen weit gehend unverändert übernehmen — ein Fakt, den man übrigens mit einer Google-Suche zu beliebigen aktuellen Themen und einem einfachen Textvergleich leicht belegen kann.

Immerhin: Die forschen Forscher haben am Ende noch ein bisschen Platz gelassen, damit der geplagte Blogger auch ein paar Worte der Kritik loswerden kann. Leider sind diese vier Zeilen doch ein bisschen klein geraten:

Abschließend, unter Fragen zur Person gibt es den Raum für Kritik und Anregungen zum Überlesen durch die forschen Forscher...

Na ja, ich habe ja ein Blog. 😀

Meine Einschätzung

Nachdem ich so viele Fragen gelesen habe, wie ich bestimmte Dinge einschätze, will ich mich auch mit meiner Einschätzung für diese Umfrage unter deutschsprachigen Bloggern nicht zurückhalten.

Der Eindruck, dass es sich hier nicht in erster Linie um eine wissenschaftliche Untersuchung über die Vorgehensweise und Motivation von Bloggern handelt, ist überwältigend und wird beim Hinschauen sichtbar. Das Nebeneinander von Recherche (ich war namentlich und mit einer zwar leicht ermittelbaren, aber nicht explizit im damaligen Blog angegebenen Mailadresse bekannt) und völligem Desinteresse an den angeblichen Untersuchungsgegenständen, den Blogs (es wurde nicht einmal bemerkt, dass das „untersuchte“ Blog seit über einem halben Jahr nicht mehr existiert — wurde nicht einmal der RSS-Feed zu Abgleichzwecken archiviert?) verstärkt diesen Eindruck und lässt ihn fast zur Gewissheit werden.

In diesem Zusammenhang wirkt es besonders beachtlich, dass über eine (unsignierte und damit beliebig fälschbare) Kontaktmail versucht wurde, an die Postanschriften jener Blogger zu kommen, die aus dem einen oder anderen Grund keine Postanschrift in ihrem Blog angegeben haben. Das alles verbindet sich mit einer langen Evaluierung, in welcher Weise die befragten Blogger mit den „klassischen“ Erzeugnissen der Content-Industrie umgehen. Die paar Fragen über das eigene Blog, das ja vorgeblich Gegenstand der Untersuchung sein sollte, sind im Vergleich zu diesem Komplex geradezu verschwindend.

Das alles stinkt zum Himmel.

Das wirkliche Ziel dieser Untersuchung scheint eher darin zu liegen, Richtlinien für die klassische Journaille zu erarbeiten, damit diese von der zurzeit noch recht großen Aufmerksamkeit für persönliche Blogs profitieren kann. Es geht also wohl um optimiertes Marketing, es geht um die Werbemaschen der Journaille in den nächsten Jahren.

Dass in diesem Zuge auch noch Anschriften von Bloggern bekannt werden, die im Fragebogen eingestehen, dass sie Auswürfe der normalen Content-Industrie „zweitverwerten“, zeigt auch, dass wohl demnächst ein paar unbequemere Leute und Konkurrenten der zentral organisierten Massenmedien mit ganz normaler urheberrechtlicher Zensur mundtot gemacht werden sollen. Mein persönliches Vertrauen in Angaben zum Datenschutz ist in der BRD sehr gering — es wird ja in Kürze sogar ermöglicht werden, dass wirtschaftliche Institutionen in zivilrechtlichen Angelegenheiten mit Leichtigkeit an viel empfindlichere Verbindungsdaten kommen.

Wer meint, dass ich paranoid bin, der warte einfach noch ein Jahr. Bis jetzt schreitet die wirtschaftliche und p’litische Paranoia immer noch schneller voran als meine persönliche. Wer aber angesichts eines solchen Fragebogens und der sonstigen Rahmenbedingungen (bitte noch einmal in aller Ruhe lesen) den vorgeblichen Zweck dieser Untersuchung für den wirklichen Zweck hält, der muss sich von mir attestieren lassen, dass er recht naiv ist.

4 Kommentare

  1. Ach geh‘, wie kann man sich über die Umfragefälscher jeglicher Herkunft überhaupt noch aufregen? Der praktisch veranlagte Anarchist schickt so etwas gekonnt gefälscht zurück und würdigt jegliche „Legitimation“ der Umfragenden keines Blickes.
    Im Falle gedruckter Umfragebögen mit frankiertem Rückumschlag kann man zum Dank für das -garantiert rein selbstsüchtige- Interresse der Zahlenklitterer noch einen gehäuften Aschenbecherinhalt beigeben – das gebietet der Anstand.
    Merke: Wer Statistiken in Auftrag gibt, hat erstens zu viel Geld und will zweitens irgend eine krumme Tour damit rechtfertigen.

  2. Das „Ergebnis“ solcher Fragebogenaktionen ist dann irgendwann als „Studie:“-Überschrift im heise-Ticker zu lesen und die ganze heise-Meute macht sich darüber lustig ;->

  3. Zu Tom: Das mit dem Inhalt des Aschenbechers hätte ich ja zu gern gemacht, aber leider haben es diese hochgelehrten Menschen nicht geschaft, einen Rückumschlag an eine eMail zu hängen. So ist mir jedenfalls das Proto zu schade, das spare ich mir lieber für neuen Tabak auf… 😉

  4. Ich finde vor allem den Anfang der Geschichte bezeichnend. Das elektronische Medium weist in dieser Hinsicht die gleichen Merkmale auf, wie ein „gutes“ Gespräch:

    #1: „Hallo, wie geht´s?“
    #2: „Schlecht, habe gestern erfahren das ich Krebs habe…“.
    #1: „Super, das hört man gerne, mir geht´s auch gut…“.


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