Wissenschaftliche Marginalisierung

Ich habe ja erst gedacht: „Was ist das denn schon wieder für eine Spam?“

Aber es scheint sich nicht um eine Spam zu handeln, sondern um die Aufforderung, einem existierenden wissenschaftlichen Projekt eines Institutes für Kommunikationswissenschaften zu Münster ein paar Daten zu liefern, die dann mit den Mitteln der Statistik in entindividualisierte (und damit auch entmenschte) Zahlen über durchgeschnittene durchschnittliche Menschen verwandelt werden, die dann wieder in der p’litischen Entscheidungfindung verwurstet werden können:

Sehr geehrter Herr Schwerdtfeger,

im Rahmen eines Forschungsprojekts planen wir gegenwärtig eine Befragung von Anbietern aktueller Information im Internet.

Da wir auch Sie zu Ihrem Angebot gerne befragen würden, uns aber jedoch die Kontaktdaten fehlen, möchten wir Sie an dieser Stelle bitten, uns Ihre Postanschrift mitzuteilen, so dass wir Ihnen unseren Fragebogen schicken können.

Mit freundlichen Grüßen aus Münster
Das Projektteam Internetöffentlichkeit

Eine derart höfliche Mail hat natürlich auch eine Antwort verdient. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich von dieser Art „Wissenschaft“ nicht so viel halte, würde ich eine Postanschrift auf eine nicht-signierte (und damit prinizipell beliebig fälschbare) Mail hin nicht einmal denn herausrücken, wenn ich eine anzubieten hätte. Dass ein gewisser Teil der bloggenden Gegenöffentlichkeit in dieser Form der Untersuchung einfach unter den Tisch fällt, wird schon dafür sorgen, dass die „Ergebnisse“ entsprechend verzerrt sein werden.

Nein, es ist nicht nur die „kleine“ Randgruppe obdachloser Blogger, die hier zur wissenschaftlichen Unbeachtlichkeit verdammt wird. Es sind auch alljene Menschen, die aus dem einen oder anderem Grund einer nichtsignierten Mail so wenig vertrauen, dass sie niemals persönliche Daten an einen solchen Absender übergeben würden. Damit sind es jene Menschen, die angesichts der Spamflut und allgemein gefälschter Absender in Mails ihren Verstand benutzen.

In meiner Antwort habe ich mich aber etwas kürzer gefasst:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Sie meine Internetarbeit kurz überflogen hätten, wäre ihnen gewiss nicht entgangen, dass ich obdachlos und deshalb auch ohne feste Postanschrift bin. Dieser betrübliche Umstand ist inhaltlich so prägend, dass er kaum übersehen werden kann. Von daher kann ich Ihnen auch keine Adresse mitteilen, an welche Sie Ihren Fragebogen senden können; tatsächlich weiß ich kaum zu sagen, an welchem Ort ich mich in den nächsten Tagen aufhalten werde.

Wenn sie ein zutreffendes Bild von den Motivationen und Arbeitsweisen jener Margnialisierten der Globalisierung erhalten wollen, die bei ihrer gegenwärtigen Durchführung zu den Unbeachtlichen gehören, lege ich Ihnen nahe, eine Online-Version ihres Fragebogens zu erstellen. Wenn Sie Fragen dazu haben, in welcher Weise so eine Form der Umfrage manipulationssicher und damit aussagekräftig programmiert werden könnte, bin ich gegen eine angemessene Spende (ich akzeptiere keine Verträge und keinen Lohn) gern bereit, Sie darin zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

Elias Schwerdtfeger

Ich bin ja wirklich gespannt, ob ich darauf jemals eine Antwort erhalte…

5 Kommentare

  1. Sorry, aber ich denke, das war ein Fake. Da wollte Dir jemand an den Karren fahren und wollte dazu eine Anschrift haben. Ich habe auch schon an einer Befragung eines Studenten / Absolventen teilgenommen, da gab es den Fragebogen per E-Mail oder Webserver. Die Sache mit der Umsetzung und Spende könnten Dreckzungen als Schwarzarbeit auslegen lassen – Vorsicht! Das eklige Monster und Raubtier Kapitalismus wehrt sich mit jedem seiner Fangarme gegen sein verdientes Ende.

    Ich habe mein Blog auf der de-Domain daher heute erstmal geschlossen und unter einer .org-Domain neu eröffnet. Das alte Blog bleibt nur noch als Archiv und Weiterleitung da. Man sollte den neoliberalen Ganoven nicht mehr Angriffsfläche bieten als unvermeidbar.

    Gruß

    Alex

  2. 2Alex

    „Schwarzarbeit“ wäre es AFAIK erst dann wenn „Arbeitgeber“ oder „Arbeitnehmer“ vor der Staatsmafia selbstrechtfertigend zustehende Steuern, Abgaben oder „Sozialbeiträge“ hinterziehen würden. Wenn man mit seinem Einkommen unter dem was als „Existenzminimum“ gilt liegt bzw. „geringfühig beschäftigt“ ist, dann kriegt die Staatsmafia sowieso nix, jedenfalls nicht direkt, dass es sich für sie lohnen würde es direkt einzutreiben. Bei Wohnsitzlosen sowieso wenig aussichtsreich.

  3. Na, das mit der Anschrift ist wohl nichts geworden – nicht einmal eine verwertbare Mailadresse gibt es von mir…

    Für solche Antworten sollte man immer ene Handvoll Wegwerfadressen rumliegen haben, die irgendwann einmal mit obskuren persönlichen Angaben beschafft wurden.

  4. Icjh habe mal näher nachgeschaut, also das Angebot scheint weitgehend seriös zu sein, unter anderem ist mit Nürnbergk einer dabei, der seine Abschlussarbeit über die INSM und ihre Methoden verfasst hat. Dennoch ist die Sache mit der Adressangabe unsinnig, da nicht wenige Blogger eben Wert auf ihre Anonymität und Privatsphäre legen.

    Gruß

    Alex

  5. […] der Universität zu Münster, mit der ich vor ein paar Tagen konfrontiert wurde, habe ich ja ein paar Worte geschrieben — auch meine kurze Antwort auf die Mail habe ich dabei veröffentlicht. Ehrlich gesagt hatte […]


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s