Ein Hauch von Apartheid

Ich musste mich am vergangenen Freitag wegen der Whitedarkness Sieben durch die hannöversche Nordstadt bewegen. Was ich dort sah, das sah nach einer dräuenden, bevorstehenden Straßenschlacht aus. Im Raum um den Engelbosteler Damm und um die Kornstraße waren zwei bis drei Hundertschaften der Polizei versammelt, diese wurden ergänzt durch Kräfte der Bundespolizei (ehemaliger BGS).

Ich habe eine Gruppe von drei müßig herumstehenden Polizisten gefragt, was der Grund für dieses auffällige Aufgebot sei — mir war wirklich nicht nach einer Straßenschlacht oder etwas Ähnlichem zumute. Natürlich bekam ich keine Antwort. Also setzte ich meinen Weg fort in die Kornstraße zum unabhängigen Jugendzentrum und kam auch an der dortigen Moschee vorbei. Dort fragte ich vier jüngere Moslems, die vor dem unscheinbaren Gebäude standen, ob sie wüssten, was da los sei. Die vier verstanden meine Frage offenbar nicht richtig und sagten mir, dass sie heute zum Freitagsgebet gekommen wären. Ich wies sie darauf hin, was für ein großes Polizeiaufgebot überall verteilt wäre und dass ich so etwas immer noch viel beunruhigender finde als betende Menschen. Aber davon waren sie selbst überrascht, in der Kornstraße war außer einem immer wieder langsam durch die Straße fahrenden Einsatzfahrzeug nichts zu sehen.

Das nahm ich zum Anlass, diesen Vorgang ein wenig im Auge und im Sinn zu behalten. Was ich dabei sah und hörte, verbreitete einen Hauch von Apartheid mitten in der hannöverschen Innenstadt, und zwar, ohne dass es zu einem nennenswerten Protest gegen die scheinbar durch nichts gerechtfertigte polizeistaatliche Maßnahme gekommen wäre. Die Polizeibeamten griffen sich Menschen „moslemischen Aussehens“ aus den Passanten heraus, um bei diesen eine Personenkontrolle durchzuführen — und zwar in äußerst rauhem Ton. (So einen Ton habe ich das letzte Mal von einem „Genossen Volkspolizist“ gehört, und wer die noch kennt, weiß bestimmt, was das für Scheißbullen waren.)

Das einzige Kriterium für die sehr auffälligen polizeilichen Maßnahmen war ein „ausländisches Aussehen“, es handelte sich klar um eine Sonderbehandlung bestimmter Menschen, die nach ethnischen Maßstäben durchgeführt wurde.

Eine solche Vorgehensweise bringt vor allem zwei „Erfolge“ hervor:

  1. Die Außenwirkung.
    Die auf diese Weise behandelten Menschen werden im öffentlichen Ansehen mit Kriminalität, Halbwelt und allgemeiner Gefahr in Verbindung gebracht. Die auf diese Weise erfolgte Kriminalisierung einer großen ethnischen und religiösen Minderheit kann man beim besten Willen nicht mehr subtil nennen; sie ist überdeutlich. Wenn populistische Zeitungen und rechtsradikale Parteien solche Klischees deutscher Stammtische bedienen, ist das schon sehr schlimm; wenn aber staatliche Bedienstete auf Grund solcher Klischees die Staatsgewalt ausüben, wird mir erst richtig braun vor Augen.
  2. Die Innenwirkung.
    Auch an den Betroffenen einer solchen polizeilichen Maßnahme geht ein solches Erlebnis nicht spurlos vorrüber. Wer als Mitglied einer Minderheit unter einem solchen Generalverdacht gestellt wird und eine solche Behandlung erfährt, reagiert darauf zwangsläufig mit Hilflosigkeit und Zorn. Dies ist eine Gefühlslage, die durchaus radikalisierend wirken kann — und ich glaube nicht, dass man das bei den Verantwortlichen für eine solche Maßnahme ohne Augenmaß nicht wissen sollte. So entsteht der ebenfalls sehr ungute Eindruck, dass eine gewisse Radikalisierung der Mitmenschen muslimischen Glaubens gewünscht ist und durch staatliche Maßnahmen gefördert wird.

Wer jetzt glaubt, dass hier ein Verschwörungstheoretiker das Gras wachsen hört: Ich selbst war an diesem Freitag von sehr auffälliger Kleidung, ganz in Schwarz und lief mit einer Frisur herum, die nicht gerade den gesellschaftlichen Konventionen in Hannover entspricht. Damit bin ich normalerweise ein gutes „Objekt“ für eine Personenkontrolle durch die Polizei, aber an mir hatten die unfreundlichen Beamten nicht das geringste Interesse. Die gesamte Maßnahme richtete sich nur gegen Mitglieder einer bestimmten Ethnie, die zum Freitagsgebet in die Moschee gingen.

Des weiteren: Wenn einigermaßen konkrete Erkenntnisse gegen diese Moschee vorgelegen hätten, denn wäre es der Polizei gewiss möglich gewesen, einen Hausdurchsuchungsbefehl zu erwirken und die — sich in solchem Falle sicherlich nur gegen eine bestimmte Gruppe der Moschee richtende — Maßnahme deutlich diskreter und mit weniger fataler Außenwirkung durchzuziehen. Dass Diskretion in keiner Weise gewünscht war, zeigte sich sehr deutlich im offensiven Auftreten auf einer belebten Straße in der hannöverschen Nordstadt und in der großen Rauhigkeit, mit der die Kontrollen vorgenommen wurden.

Meinen Brüdern — nein, ich bin kein Muslim, aber alle Menschen sind Brüder — moslemischen Glaubens möchte ich an dieser Stelle nur deutlich sagen, dass ich nichts mit derartigen staatlichen Hassattacken der BRD und des Bundeslandes Niedersachsen zu tun habe. Ich bin über das Verhalten des Staates, in dem ich zurzeit lebe, beschämt und ich bin davon angewidert, dass solche Zustände von zu vielen Menschen ohne jeden Widerstand hingenommen werden — vor allem auf dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte.

Der Innenminister des Landes Niederschlagsen Niedersachsen wäre gut beraten, wenn er solche Exzesse für die Zukunft unterbinden würde. Weder tut er „seinen“ Polizeibeamten einen Gefallen, wenn ihre Aktionen aufdringlich nach Rassismus riechen, noch tut er den Menschen in Niedersachsen einen Gefallen, wenn die Aktionen „seiner“ Polizeibeamten zu einer Radikalisierung gesellschaftlicher Minderheiten beitragen.

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18 Kommentare

  1. […] Umgang mit Menschen  “moslemischen Aussehens” berichtet WUT. Da stellt sich mir die Frage, warum “verdächtige” Gruppen, Menschen  nicht mit […]

  2. gibt es für Scham eine verbale Steigerung?! Das Gefühl, daß ich bei solchen – mir bekannten – staatlichen Aktionen habe, ist eine Form der Scham, die mit nichts zu überbieten ist! Ob nun Niedersachsen oder ein anderes Bundesland, es ist hier in Deutschland und das Flächendeckend! Danke für Deinen Artikel!

  3. […] Update: Wut war auch am Freitag in der Nordstadt und hat seine Beobachtungen in diesem Artikel festgehalten: Ein Hauch von Apartheid: […]

  4. […] wut berichtet aus Hannover: […]

  5. danke für deinen artikel!
    ich bin muslimin und besuche die moscheen in der nordstadt in hannover recht häufig.
    es tut gut, dass mal jemand „von außen“ die dinge sieht, reflektiert und dann darüber erzählt.
    schade, wie du selbst sagst, dass sooo viele (auch muslime) das hinnehmen, ohne widerspruch!

  6. […] habe den Artikel “Ein Hauch von Apartheid” von Wut! bei Arne Hoffmanns Blog gefunden, der in mir Erinnerungen meines letzten IAA […]

  7. […] Ein Hauch von Apartheid « Wut!. […]

  8. […] doch immer noch einen betrüblichen Mangel an echten Terrortoten, so sehr man sich auch um die Radikalisierung ethnischer Minderheiten in der BRD bemüht. Das liegt übrigens auch daran, dass sich die “klassischen Methoden der Polizei” als […]

  9. danke für deinen artikel!

  10. […] BRD mehr als nur einen Hauch von Apartheid verbreiten, ist mir ja schon einmal Anlass für einen Bericht aus eigenem Erleben geworden. Inzwischen halten sich Polizeibeamte bei ihren offenbar rassistisch motivierten […]

  11. Jetzt hast Du ja in Deinem Artiekl alles gesagt, was gesagt werden konnte. Ich danke Dir dafür.

    Jetzt komme ich mir aber dennoch genauso hilflos wie vorher vor. Die beschriebenen Polizeiattacken, die hier ein schiefes Bild ergeben, kommen vor. Da liegt es nahe, dass die Polizei ganz einfach nur Macht ausüben will, um die Menschen einzuschüchtern.

    Ich denke nicht, dass eine Radikalisierung stattfindet, da hier eher ein Duckmäusertum vorherrscht.

    Ein grösseres Problem ist gegeben, wenn sowas nicht mehr aufhört und Menschen pausenlos dem Bullenterror ausgeliefert sind und werden, dann ist ausser Kampf um jeden Preis nichts mehr zu machen.

    „Es ist leicht, einen Toten zu ermorden“

  12. die Bullen wollen alles wissen, s c h n ü f f e l n, alle Pläne, alle Menschen, alle Situationen, einfach alles wissen. Sie stöbern alles durch und heimsen alles ein, damit können sie dann gut „arbeiten“ und anderer Leute Pläne einsehen.

  13. man baue sich vor der Hauptbullenwache in Frankfurt vorm HR – Gebäude auf. Man studiere die Ein- und Ausfahrten von Einsatzfahrzeugen und Zivilfahrzeuten der Polizei.

    Man beachte den „Goodwill“ der Bullen, die im Erdgeschoss des Hessischen Rundfunks eine Bullenwache betreiben, nur bei freundlichem Durchwinken kommt man an denen vorbei in den gotterbärmlichsten Rummel des Senders, wo sich alles weitere erstickt.

    Damit einen nicht jeder Dorfbulle kriegt, sollte man und Frau noch achtgeben, höhrere Chargen zu kriegen. Die haben etws mehr Überblick, über was sie nichts angeht…

  14. man sollte ihre Weibchen vergewaltigen oder sowas

  15. […] weiterer Erfahrungsbericht einer solchen Kontrolle (aus der Perspektive des Beobachters) lässt sich bei Wut! finden. Auch in diesem Fall entschied ein ausländisches/orientales Aussehen, ob Passanten eine Kontrolle […]

  16. […] Kontrollen« rund um die Moscheen wirklich sind, der lese einmal diesen Text aus dem Mai 2007. […]

  17. […] Norweger stolz auf ihre offene Gesellschaft [Zu recht! Aber jetzt sollen sie ANGST haben und die gleiche Apartheid einführen, die schon im größten Teil Europas um sich gegriffen hat]. Die Mitte-Links-Regierung mit Regierungschef Jens Stoltenberg an der Spitze hat im Gegensatz zur […]

  18. […] — hängt davon ab, welche hautfarbe man hat. In der praxis sieht das dann so aus, wie ich es selbst 2007 erlebt habe. Und allen, die es mitbekommen, ist es scheißegal bis […]


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