Satire

Ich habe früher häufig und gern Satiren geschrieben. In den letzten Jahren habe ich jedoch immer mehr auf dieses Stil- und Ausdrucksmittel verzichtet, und auf dieser Site finden sich kaum noch satirische Texte von mir. Mein Unbehagen über satirische Texte fasse ich hier in Worte, die leider nicht sehr erfreulich sind.

Eine Satire entsteht, wenn ein Mensch unter den Umständen seines Lebens in irgendeiner Form leidet. Niemand schreibt Satiren über schöne Sonnenaufgänge oder die Blütenpracht einer Frühlingswiese.

Das Schreiben einer Satire ist bereits Symptom eines beschädigten Lebens; die Satire ist ein Scherz aus dem Schmerz, ein böser Witz, bei dem Lachen nicht leicht und frei aus dem meist etwas angeschwollenen Hals heraus will.

Die in der Satire verwendeten Stilmittel sind dabei den Stilmitteln des Witzes ähnlich. Es wird mit Doppeldeutigkeiten, Anklängen und Verunglimpfungen von Namen und Benennungen herumgespielt („Früher wurden wir verkohlt, heute werden wir verköhlert“ oder „Der Arbeitgeberpräsident, dieser Hundt!“ oder auch einfach nur „Vergewaltigungsangestellte“ und „Staatsvergewalt“), es werden in boshafter Karikatur der so genannten „political correctness“ Übertreibungen und Verharmlosungen gezielt eingesetzt, um eine lustige und lustvolle Wirkung zu erzielen („Hartz IV: Keine Zwangsarbeit, sondern neue Freiwilligkeit“) , es werden überraschende Wendungen dort eingefügt, wo die Erwartung des Zuhörers oder Lesers sie nicht erwartet („Alle diese Systeme haben ihre Nachteile und ihre Nachteile“).

Unglücklicherweise muss ich in einer Zeit leben, in welcher die sich in den Massenmedien widerspiegelnde Wirklichkeit von den gleichen Verzerrungen geprägt ist, die beim Schreiben einer Satire als Stilmittel zur Verfügung stehen – man nennt die Summe dieser Verzerrungen meist „Modernität“ oder „Fortschritt“. Egal, wie groß meine Übertreibungen und Verharmlosungen sind, immer ist die Wirklichkeit dicht auf den Fersen und entwertet die satirischen Zuspitzungen schnell durch den real existierenden Wahnsinn beworbener Produkte, medialer Darbietungen und politscher Auftritte.

Hierzu nur ein ganz kleines, beinahe harmloses Beispiel. Als ich vor einigen Monaten in geselligem Beisammensein auf den objektiven Irrsinn der Werbung hinwies, die immer wieder angebliche „Innovationen“ als großartige Leistung an den Verbraucher bringen will und als ich dabei die Frage aufwarf, in welchem Bereich es schon lange keine „Revolution“ mehr gegeben habe, gab ich auch gleich eine Antwort: Beim Rasieren. Schon die dritte Klinge war komplett überflüssig, da kann man noch so laut und bildreich proklamieren, dass sie „für das Beste im Mann“ gewesen sei. (Sind die Stoppeln nicht außen?) Und jetzt, so sagte ich, ohne dabei etwas Böses zu ahnen, sei die Zeit langsam reif für die vierte Klinge – und natürlich hatte ich erstmal die Lacher auf meiner Seite.

Nur eine Woche später wurde es mir kund getan: Ein Werbespot, wo das männliche Standardfotomodell für Rasuranpreisung vier Finger in die Luft streckt, prüfend und doch befriedigt über sein stoppelbefreites Kinn streicht und gefolgt wird von dieser typischen Computer-Animation eines Rasierers mit vier Klingen, mit deren vereinter Schärfe das Unkraut des Gesichtes so restlos ausgerupft wird. Wie soll man unter diesen Bedingungen noch Satire machen?

(Nachtrag vom 21.11.2006: Inzwischen haben wir Raiserer mit sechs Klingen. Ein Ende ist nicht in Sicht.)

Und manchmal ertappe ich mich seit dieser kleinen Begebenheit dabei, dass ich nach diesen kleinen Sonden Ausschau halte, die mich wohl verfolgen müssen. Es muss sie einfach geben, diese kleinen, aufmerksamen Sonden der Werbefirmen, die jeden Irren und jeden Satiriker (was gar nicht so ein großer Unterschied ist) verfolgen, um die ganzen krankhaften geistigen Ausflüsse aufzufangen. Woher sollen sonst solche Produktideen kommen? Und wie sonst könnte jemand auf die Idee gekommen sein, modische Rucksäcke mit dem englischen Wort für „Leichensack“ (bodybag) zu vermarkten?

Aber nicht nur die Entwertung des Witzes durch den Wahn-Witz der Gegenwart bedroht die Satire, es ist da noch das Problem der Leseschwäche in der breiten Masse.

Sicher, die Zuordnung der komischen Zeichen auf dem Bildschirm zu einer Abfolge von Lauten gelingt den meisten Menschen noch. Das setzt allerdings noch kein tieferes Verständnis voraus, und an der Fähigkeit zum Verständnis hapert’s bei einigen meiner Leser doch recht schmerzhaft. Eine Satire muss eben auch als Satire erkannt werden.

Das betrifft keineswegs nur den Autor Frank Eckert, der auf seiner alten Homepage einen satirischen Text namens „Endlösung der Satanistenfrage“ publizierte, in welchem die gesellschaftlichen Klischees bezüglich der Randgruppe der „Gothics“ eine angemessene Würdigung erfuhren. Zu Franks eigenem Erstaunen nahmen erstaunlich viele Gothics diesen Text für völlig bare Münze und verewigten sich mit bemerkenswerten Realsatiren in Form erbosten Schimpfes im Gästebuch ebendieser Homepage. Anfangs war das noch lustig, aber je mehr das wahre Ausmaß des Problems zu Tage trat, desto mehr trat dieses Lustige hinter der äußerst ernsthaften Aliteralität der Leser zurück. Bei diesen „Gothics“ nahm dann auch der Erfolg von HIM nicht mehr Wunder.

Nein, auch ich war kürzlich (wieder einmal, zum x-ten Mal) davon betroffen. Wie jeder ernsthafte Websitebastler habe ich einen gewissen Hang zur Statistik. Ich bin ganz einfach daran interessiert, was meine Leser interessiert – schließlich schreibe ich, um gelesen zu werden. Gut, ein größerer Anteil meiner Leser interessiert sich scheinbar in erster Linie dafür, wie man am besten wichsen kann und findet dann über Google meinen Text mit dem viel versprechenden Titel „Wie kann man sich einen runterholen“. Aber fernab von diesem Stück alltäglicher Wüste gibt’s immer wieder Überraschungen.

Das Internet ist ein recht seltsames Netzwerk, und manchmal gibt es da gewisse Häufungen von Zugriffen auf bestimmte meiner Texte, meist deshalb, weil jemand einen Link auf einen Text in ein Forum platziert hat. Ich versuche dann natürlich herauszufinden, wo diese Leser herkommen und was man andernorts so über meine Texte schreibt (und damit wohl auch denkt). Dieser Hang hat mir bestimmt schon dreißig Foren-Accounts verschafft, die ich genau einmal zu diesem Zweck genutzt habe.

Und neulich hat jemand in einem Forum, dass ich hier nicht explizit nennen will, einen Link auf meinen Text zum „Einheits-Wahlkampf 2005“ gesetzt, also auf einen der wenigen satirischen Texte auf dieser Site – das brachte mir dann einen Tag mit sehr viel Datenverkehr. Und im Verlauf der daraufhin entbrannten Diskussion wurde von einigen Forumsteilnehmern festgestellt, dass ich ein Nazi bin. Und von dieser Einsicht ließen sie sich auch nicht durch Links auf andere Texte dieser Website abbringen.

Die Schlussfolgerungen dieser Teilnehmer waren recht einfach und logisch. Erstens: Hier spricht jemand von einem Staat ohne Opposition. Zweitens: Hier spricht jemand von einem starken, gewaltsamen Staat, einen Staat mit harter Peitsche gegen die Bevölkerung. Drittens: Hier betreibt jemand die gleiche Arbeitsverherrlichung wie die Nationalsozialisten. Viertens: Hier schreibt jemand auch noch die üblen Worte „Arbeit macht frei“ in einem solchen Text. Und fünftens: Hier sagt jemand, dass Braun eine gute Farbe zur Symbolisierung der neuen gesellschaftlichen und p’litischen Geschlossenheit sei. Ganz klar: ein böser böser Nazi.

Und jeder dieser Schlüsse – bis auf den letzten – war vollkommen richtig. In der Tat sehe ich in der heutigen Arbeitsmarktp’litik und der ihr zu Grunde liegenden Neigung, Arbeitslose nicht als Verlierer eines Prozesses zu sehen, der über der Gesellschaft abläuft, sondern sie mit allen Mitteln dazu zu bringen, dass sie auch dann noch um Arbeit betteln, wenn niemand mehr ihrer Dienste bedarf, geschweige denn für ihre Dienste bezahlen will und in dem sich darin mitteilenden Menschenbild eine gefährliche Nähe zu faschistischen Idealen. Dass dabei beinahe so von der „gesellschaftlichen Mitte“ wie in Deutschlands düstersten Zeiten vom „Volkswillen“ gesprochen wird, dass manchmal auch Vertreter aus der ehemaligen Alternativpartei der „Grünen“ völlig schamlos und unverschämt davon sprechen, dass ihre Politik ohne Alternative sei und dass Opposition im parlamentarischen Politbetrieb nicht mehr stattfindet oder aus reinen Scheingefechten ohne argumentativen Inhalt besteht, das alles macht diesen Eindruck nur umso bedrohlicher. Deshalb habe ich ja angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes diese Satire geschrieben und ein inhaltlich wie gestalterisch wirklich widerliches Wahlplakat entworfen, das übrigens heute zum hundersten Mal heruntergeladen wurde. (Ich sagte es doch: Ich habe einen Hang zur Statistik.)

Was diese Leser nicht verstanden, das war die literarische Form der Satire. Sie waren nicht im Stande, einen satirischen Text als solchen zu erkennen und zu verstehen, sie nahmen ein leicht als Satire zu erkennendes Werk für bare Münze. Aus dieser Sicht kann man natürlich auch zu dem Schluss kommen, dass ich ein Nazi bin.

Dieser Schluss ist zwar falsch und dumm. Aber ich kann nicht verhindern, dass es dazu kommt. Wenn ich satirisch schreibe, muss ich damit leben, dass einige Menschen nicht mehr die Auffassungsgabe haben, Satire als solche zu erkennen. Und wie ich an gewissen Hassmails bemerke, sind „einige Menschen“ in diesem Zusammenhang doch eine recht große Masse. Die Ergebnisse der PISA-Studie scheinen mir nur die Spitze eines Eisbergs offen gelegt zu haben.

Und das ist der Grund, warum ich hier so wenig Satiren schreibe. Obwohl es mir oft sehr juckt, und dieser Juckreiz kann ganz schön quälen. Gerade in Zeiten des Wahlkampfes.

Aber ich werde auch weiterhin vereinzelte satirische Texte in diese Website einstreuen. Wer Probleme hat, diese zu erkennen, betrachte es bitte einfach als eine Form des Intelligenztests – meine Satiren sind nämlich nicht besonders gekennzeichnet, weil sie sich bereits durch Form und Inhalt kennzeichnen.

Wer bösen Sarkasmus in den Texten findet, darf ihn einfach behalten.

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6 Kommentare

  1. Großartig geschrieben. Aber solche Leute gibt es immer. Who cares? Arte und 3Sat sind auch keine Sender für die Massen, die jeder versteht. Trotzdem senden sie. Genau so bei der Kunst etc.
    Man muss sich immer vor Augen halten, dass man den ganzen Zirkus nicht für die Menschen veranstaltet, die damit sowieso nichts anfangen oder damit nicht umgehen können. Sondern für die Personen denen es tatsächlich gefällt.

  2. Diese Probleme kenn ich…man schaue sich diese Seite und vor allem das zugehörige Forum an^^

    http://www.nix-drin.de

    Die allgemeine Volksverdummung scheint echt schon weit voran geschritten zu schein

  3. 😆 Die Gehirnverschmuitzung hat mir heute einen kühlen und trüben Tag gerettet. Dafür gibt es auch einen Link und ein fröhliches Willkommen in meiner Linkliste.

  4. Jeder Witz hat irgendetwas zur Zielscheibe (selbst harmlose Kinderwitze). Und jeder Humor entsteht aus dem Gegensatz zwischen Sollen und Sein. Daher gibt es in dieser verkehrten Welt wenigstens Eines: Genug zu lachen.
    „Keine Satiren mehr“ ist daher die falsche Konsequenz! Ganz im Gegenteil – es kann gar nicht genug Satiren geben.

  5. Wie wahr. Das Volk ist ziemlich doof. Alleine die Tatsache, dass BILD Deutschlands meistgelesene – äh, was auch immer – ist, spricht doch für sich.
    Ich kennzeichne vorsichtshalber Satiren als solche. Den Ruf, Nazi zu sein, wird man z.B. nämlich praktisch nie mehr los. Wer einmal als angeblicher Nazi im Netz steht, weil irgendwer irgendwas nicht verstanden hat, hat ja nichtmal mehr das Recht, sich zu verteidigen.
    Aber was tun?
    Kompromisse eingehen, Mund halten oder Volk wechseln?
    Muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

  6. Verdammt! Wie ich gerade sehe, nützt auch die Kategorie „Satire“ nichts:
    http://kaffeeweiber.wordpress.com/2008/04/19/tragt-mehr-pelze/
    na was solls. Irgendwo müssen die PISA-Ergebnisse ja herkommen.


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