Der grüne Frieden mit Lidl

Dem wacheren Zeitgenossen kann es ja kaum entgehen: Auch das institutionaliserte gesellschaftliche Engagement ist unter den Bedingungen des Prozesses, der derzeit über die Gesellschaft abläuft, von den gleichen wirtschaftlichen Zwängen und dem gleichen Show-Marketing geprägt wie die Urheber jener Missstände, gegen den sich das “Engagement” vorgeblich richtet. Und manchmal treibt diese Begegnung seltsam nach Scheiße duftende Blüten. Ein hübsches Beispiel ist die neue Harmonie zwischen Greenpeace und dem ziemlich Menschen verachtenden Ausbeuter-Ramscher Lidl:

Seit einem knappen Jahr hat Lidl das relativ teure Greenpeace-Magazin (4,90 Euro) im Sortiment. [...]

Seit dem Sommer 2006 legt der Discounter das Ökoblatt in seinen Läden aus — anfangs sogar direkt an den Kassen in speziellen Fächern auf Augenhöhe. [...]

Die bei Lidl ausliegenden Exemplare hat Greenpeace bereits verkauft — an Lidl. Das dürften ein paar Hunderttausend Euro zusätzliche Einnahmen für den Verlag sein. [...] Wenn die Hefte die Kunden nicht interessieren, ist das das Problem des Discounters. Er muss sie an Mitarbeiter verschenken — oder entsorgen. Das geschieht offensichtlich mit dem Großteil der Auflage. Mehrere Angestellte des Discounters schätzten [...] dass zwischen 80 und 98 Prozent nicht verkauft werden. [...]

Bemerkenswert finden kritische Köpfe auch den Aufstieg Lidls in den Pestizid-Studien der Umweltschützer. 2005 war der Discounter klares Schlusslicht: Kein anderer getesteter Supermarkt hatte mehr belastetes Obst und Gemüse im Sortiment. 2007 hat sich das Blatt komplett gewendet: Lidl geht als Vorbild aus der Pestizid-Untersuchung von Greenpeace hervor — mit dem am wenigsten verseuchten Obst und Gemüse. [...]

“Plötzlich sind wir supertoll”, sagt eine Angestellte zu stern TV. “Warum haben wir jetzt das beste Obst? Wir haben unsere Zulieferer nicht gewechselt.” [...]

Unter bestimmten Bedingungen scheinen die ach so neutralen, ökologischen Produkttests durch Greenpeace wohl käuflich zu sein. Die Ergebnisse dieser Tests sind damit — bei aller vorgeblicher und für die meisten Menschen unüberprüfbarer “wissenschaftlicher” Methodik — etwa so aussagekräftig wie ein astrologisches Gutachten über einen Apfel. Macht aber nichts, das Abkommen lohnt sich ja für beide Seiten.

Wir notieren uns: Auch die so medienwirksamen Auftritte von Greenpeace sind endlich im Bereich der reinen Show angekommen. Genauer: Im Bereich des Show-Business, dass ja in den letzten hundert Jahren für immer seriöse genommen wurde. Hinter der professionellen Darbietung steht nicht mehr viel, der Protest ist ein reines Fun-Produkt.

Es stellt sich nur noch die Frage, wann Greenpeace — gewissermaßen die heilige katholische Kirche der bürgerlichen Umweltschutz-Bewegung — diesen Geschäftszweig ausbaut. (Haben die es vielleicht sogar schon getan?) In einem Zeitalter, in dem die p’litische Kaste der Meinung ist, dass Menschen mit Verseuchungsrechten Emissionsrechten Handel treiben sollen, wird sich auch Greenpeace nicht scheuen, einen Ablasshandel für “Umweltsünder” zu eröffnen. Ein erster Anfang ist ja schon gemacht. :mrgreen:

3 Kommentare

  1. GP ist schon lange im McMoneysack-Absahnerclub. Anfang der 1990er gab es mal einen kritischen Spiegelartikel über GP. Schon damals war aus David Grünfried Goliath Spendenabgreifer geworden. Seitdem ist das Kapitel GP für mich geschlossen.

  2. Schade, dass Deine kritische Grundhaltung zwar gegenüber Greenpeace greift, aber beim Stern-Bericht offenbar abgeschaltet war.
    Ist es Dir nicht aufgefallen, dass zwar jede Menge Andeutungen und Unterstellungen vorkamen, aber keinerlei Fakten.
    Warum hat Stern denn nicht einfach die Analysen (die i.ü. nicht von Greenpeace selbst, sondern renommierten Labors gemacht wurden) überprüfen lassen oder eigene Tests der Lidl-Produkte durchgeführt?
    Wo ist denn auch nur der Ansatz eines Beweises, dass es eine Gefälligkeitsaktion war?
    Greenpeace-Magazine liegen nicht nur bei LIdl, sondern auch in diversen anderen Lebensmittelketten. Und nachdem Lidl bei der letzen Testrunde so schlecht abgeschnitten hat (und dadurch Umsatzeinbußen hinnehmen musste), ist es so unglaubwürdig, dass sie sich danach angestrengt haben?

    Es ist doch eine ganz simple Methode: Behauptungen in den Raum stellen, irgendwas wird schon hängen bleiben… Wie sollte Greenpeace auch beweisen, dass es keine Absprachen gibt?
    Un Du bis gut darauf hereingefallen – Gratulation!


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